Interview
Eulen-Geschäftsführerin Lisa Heßler: „Es ist Viertel vor zwölf“
Frau Heßler, mit dem VfK Schifferstadt, der Insolvenz angemeldet hat, gibt es derzeit ein negatives Beispiel aus der Nachbarschaft. Sind denn die Eulen wirtschaftlich gut aufgestellt?
Es liegt in unserer Verantwortung, dafür zu sorgen, dass es wirtschaftlich stimmt. Nun ist es aber so, dass gerade die letzten Erfahrungen gezeigt haben, dass externe Faktoren weder zeitlich, noch inhaltlich steuerbar sein müssen und so komme ich durchaus zu der Aussage, dass wir uns über die positive sportliche Entwicklung freuen, aber dies nicht zwingend mit der wirtschaftlichen Situation einhergeht. In der Corona-Phase wurde oft von Existenzängsten bei den Vereinen gesprochen, ich sage: Die aktuelle Situation sehe ich als noch herausfordernder an.
Wieso das?
Neben den anhaltenden Folgewirkungen der Corona-Krise ist es gewiss nicht überraschend, dass auch wir derzeit Kostensteigerungen von 20 bis 25 Prozent verzeichnen. Alles ist teurer geworden und betrifft alle Bereiche, wie beispielsweise Energie, Reisekosten, Dienstleistungen. Darüber hinaus sind auch unsere Partner, manche mehr, manche weniger, von den aktuellen Entwicklungen betroffen. Und die Rechnung ist einfach: Ohne die Unterstützung unserer Partner können wir nicht bestehen. Heißt, dass wir aktuell konfrontiert sind von Mehrkosten, dem Risiko von Sponsorenausfällen und gleichzeitig unsere Vermarktungsmöglichkeiten in der Eberthalle – so ehrlich müssen wir bei aller Identifikation und dem Charme der Halle sein – begrenzt sind.
Ist es fünf vor zwölf, zehn vor zwölf?
Es ist Viertel vor zwölf. Es ist unbestritten, dass die Gesamtsituation sehr herausfordernd ist. Die können wir nicht schön reden. Doch liegt es an uns allen, wie wir mit dieser umgehen. Erstarren wir in Ohnmacht oder wehren wir uns mit aller Überzeugung? So gewinnen wir auch immer wieder neue Partner für unser Netzwerk dazu, weil es gut ist, was wir bieten können. Gleichzeitig sind wir dankbar für die Loyalität unserer bestehenden Partner, die es zu betonen gilt. Ohne diese Loyalität und die Bereitschaft, den Weg mitzugehen und unsere Situation zu erkennen, haben wir keine Chance. Bob Hanning, der Manager der Füchse Berlin, sagte in einem Zeitungsinterview einen bezeichnenden Satz: „Ärmel hochkrempeln! Machen! Geredet haben wir genug.“ Auch, wenn der Zusammenhang ein anderer war, erkenne ich hierin viel Wahrheit und faktisch geht es darum, an Lösungen zu arbeiten und die Verantwortung nicht von sich zu schieben.
Was sind die Lösungen, um diese Situation zu entschärfen?
Erstmal ist der richtige Ansatz, überhaupt in Lösungen und nicht nur Problemen denken zu wollen und die Situation gleichzeitig transparent zu artikulieren. Denn nichts tun, beklagen und warten, kann keine Alternative sein. Dann gilt es, sich bewusst zu machen, über welchen gemeinsam geschaffenen und entwickelten Wert wir bei den Eulen Ludwigshafen reden. Die Lösungen sind gewiss vielseitig und ich bin sicher, jeder der diese Zeilen hier gerade liest, kann einen Beitrag leisten. In Kürze: Ich bin Partner und bleibe dabei. Ich bin neuer Partner und komme dazu. Ich bin Dienstleister und biete meine Leistung an. Ich bin Fan und unterstütze in der Halle. Ich bin Teamplayer und helfe im Ehrenamt. Und gleichzeitig bleibt es unsere Aufgabe, unserer Philosophie treu zu bleiben und beispielsweise junge Spieler zu entwickeln. Hier haben wir mit Michel Abt sicherlich den richtigen Trainer und schaffen bei Partnern, Fans, Umfeld und Mitarbeitern eine hohe Identifikation.
Ist Gehaltsverzicht eine Option?
Erinnern wir uns zurück, so haben während Corona alle Mitarbeiter auf Gehalt verzichtet. Das darf und kann aber nicht die Dauerlösung sein. Die Eulen stehen dafür, zuverlässig die Verträge einzuhalten und ein vertrauenswürdiger Arbeitgeber zu sein. Auch dürfen wir dabei nicht vergessen, dass unsere Gehaltsstruktur ohnehin nicht überbezahlt ist und auch die Kosten für den Lebensunterhalt aller Mitarbeiter teurer werden. In Summe kann Gehaltsreduzierung für die laufende Saison keine Lösung sein.
Ein Aufstieg bringt mehr Geld – etwa 300.000 Euro. Wäre das eine Lösung für die Probleme?
Ein Aufstieg ist aus wirtschaftlicher Sicht immer attraktiv. Ja, das ist so. Ich werde niemanden davon abhalten, Spiele zu gewinnen und wenn wir am Ende der Saison oben stehen, dann nehmen wir das gerne an und mit. Doch wir werden nicht den wirtschaftlichen Druck als Absichtserklärung verstehen, sondern den sportlichen Anreiz, sich immer mit den Besten messen zu wollen sowie Rheinland-Pfalz, Ludwigshafen und unseren Partnern noch mehr Sichtbarkeit zu verschaffen. Denn das, was hier geleistet wird, hat es verdient, gesehen zu werden, wohlwissend, dass wir dann die klare Underdog-Rolle einnehmen.
Jetzt sprachen wir immer von kurzfristigen Schritten. Wo sehen Sie die Eulen in drei bis fünf Jahren?
(zögert lange) Unser Leitbild und die Zielsetzung ist klar definiert. Darin steht, unter den Top 20 Mannschaften in Deutschland zu sein. Aufgrund der derzeitigen Perspektive und Ungewissheit sowie Abhängigkeit wünsche ich mir aktuell schlichtweg, dass wir eine Chance haben, dieses Ziel zu erreichen und den Partnern und Fans und allen, die uns seit Jahren schon begleiten, Bundesliga-Handball bieten können. Bundesliga-Handball, dessen Wert als Arbeitgeber, als gesellschaftlicher Faktor für Kooperationen mit Kindergärten, der Polizei und vielen mehr sowie als Heimat für Unternehmen und Jedermann verstanden wird.
Sie sprachen die Halle an. Wie existenziell ist die Halle für die Eulen?
Die Heimspielstätte ist für jeden Club existenziell, denn ohne Spielort ist kein Spielbetrieb möglich. Wir genießen die Nähe in der Eberthalle sehr, doch wie lange diese in jetzigem Zustand noch tauglich ist, kann ich nicht final beantworten, weil zu viele Faktoren maßgeblich sind. Klar ist aber, und das ist gewiss nicht neu, dass die Halle in die Jahre gekommen ist und die Anforderungen moderner werden. Die aktuelle Situation, dass der Stadt Ludwigshafen die Hände gebunden sind und den Medienberichten zufolge aktuell weder eine umfängliche Sanierung noch ein erstrebenswerter Neubau in Frage kommt, macht es äußerst schwierig. Wir müssen uns nichts vormachen, dass die Eberthalle so keine Sicherheit für Bundesliga-Handball – oder auch andere Events – in mittelfristiger Zukunft bietet. Dieses erhebliche Risiko dürfen wir nicht auf die lange Bank schieben und so wünsche ich mir, dass unserer Stadt Ludwigshafen Handlungsfähigkeit eingeräumt wird, das Land Rheinland-Pfalz im Boot sitzt und insgesamt genug Mut und Lösungsorientierung vorhanden ist, nach vorne zu schauen, aktiv zu sein, die Attraktivität der Stadt gestalten zu wollen, die Zukunft für unsere Bürgerinnen und Bürger positiv zu entwickeln. Dabei geht es für mich nicht darum, falsche Hoffnungen zu erwecken, sondern Szenarien abzuwägen, Alternativen zu prüfen, in die Kommunikation zu gehen. Möglicherweise müssen wir dafür auch über den Tellerrand hinaus schauen. Eine Idee kann sein, sich mit den umliegenden Städten wie Frankenthal, Speyer, Neustadt und Bad Dürkheim auszutauschen und sich zu überlegen, ob das Projekt einer gemeinsamen Multifunktionshalle für die Vorderpfalz zusammen gestemmt werden könnte.
Eine neue Halle würde dann nicht zwingend in Ludwigshafen stehen. Sprich: Die Eulen würden dann auch in Neuhofen, Dudenhofen oder Neustadt spielen?
Das ist ein Thema, mit dem wir uns seit über drei Jahren beschäftigen, weil wir wissen, dass die Spielstätte ein entscheidender Faktor ist. Was ist uns in diesen drei Jahren bislang gelungen? Wo können wir handeln? Was ist uns als Eulen Ludwigshafen möglich, was den Entscheidungsträgern, seien es die Kommunen, der Hallenbetreiber? Wir identifizieren uns klar mit Ludwigshafen, das möchte ich betont wissen, deshalb haben wir vor Jahren auch unseren Namen geändert. Für uns ist eine Multifunktionshalle in Ludwigshafen die präferierte Lösung. Aber aktuell sind die Signale so, dass es nicht geht. Und so sollte es legitim und erlaubt sein, über die Stadtgrenzen hinaus nachzudenken, wenn die Alternativen fehlen, um sich Gedanken zu machen, was für die Eulen ein realer Weg sein kann, der uns eine Zukunft verspricht. Denn keine fünf Clubs in Deutschland sind so lange der Bundes- und Zweiten Liga zugehörig wie die Eulen Ludwigshafen. Das ist doch ein riesiges Pfund, was wir hier haben. Wenn man jeden fragt, der bei uns in der Halle war, der hat Spaß daran. Die Leute gehen da gerne hin. Die Partner sind gerne Partner bei uns. Demzufolge behaupte ich, die Tradition, die wir haben und die jugendliche Frische, also die Innovation, dürfen wir nicht aufgeben. Den Kampf müssen wir gemeinsam kämpfen. Es darf nicht heißen: Ja, dann gibt es die Eulen nicht mehr. Dann gibt es auch weniger soziales Miteinander. Das aber darf nicht der Preis des Sparens für die Gesellschaft sein.
Eine neue Halle würde auch Mehrkosten, also höhere Miete für die Eulen bedeuten. Wäre das finanzierbar?
Die Eulen würden ihren Beitrag auch monetär leisten. Wir hätten dann aber die Chance, mehr Tickets zu verkaufen und deutlich mehr Vermarktungsmöglichkeiten. Das liegt dann an uns Eulen, was wir daraus machen.
Gäbe es denn Interessenten für Logen oder Business-Sitze?
Anfragen gibt es, ja. So eine Option mit Logen oder Business-Sitzen ermöglicht uns, Visionen aufzuzeigen. Ich lade jeden herzlich ein, einmal mit uns zu einem Auswärtsspiel zu fahren. Da gibt es so große Unterschiede. Und auf der anderen Seite erkennt man, dass wir unter den gegebenen Umständen in vielen Punkten einen richtig guten Job machen.
Wie wäre Ihre Vision?
Am Ende wollen wir uns mit den Besten messen. Wir wollen mittelfristig zu den Top-20-Teams in Deutschland gehören. Das Wollen ist das eine, das andere sind die Rahmenbedingungen. Wir reden da nicht über Schickeria oder absurde Gehälter, sondern darüber, um die Basis dafür zu haben. Wir brauchen eine wirtschaftliche Basis, um sportliche Entscheidungen treffen zu können.
Wie viele Sponsoren haben die Eulen?
Es sind derzeit in etwa 150 Sponsoren. Wir haben neue Partner hinzugewonnen. Aber auch die Loyalität der bestehenden Partner ist für uns sehr wichtig. Dafür sind wir dankbar – es ist aber für uns auch eine Notwendigkeit.
Wo lässt sich etwas einsparen?
In der Theorie setzt sich unser Etat aus 70 Prozent Personalkosten und 30 Prozent an anderweitigen Kosten zusammen. Letztere sind nur bedingt selbst anzupassen, sondern bedürfen dem Mitwirken Dritter. Also sind personelle Konsequenzen nicht von der Hand zu weisen, wenngleich wir wissen, dass wir eine schlagkräftige Mannschaft brauchen und auch die Geschäftsstelle personell im Engpass arbeitet. Bedeutet, dass wir stets unsere Ausgaben kritisch reflektieren sollten, aber den Fokus eher darauf legen, Gelder zu generieren, die uns zielführendes Invest und positive Gesamtwirkung ermöglichen.
Müsste auch am Spielerkader gespart werden?
Wir treffen alle Entscheidungen wohl überlegt und stets im Interesse des Clubs. So selbstverständlich auch die Personalentscheidungen bei der Kaderplanung, die eine wirtschaftliche Machbarkeit voraussetzt. Wie in jedem Wirtschaftsunternehmen auch, sind Personalkürzungen dabei eine Maßnahme, die kurzfristig monetäre Wirkung erzielen kann. Aber das geht einerseits nur in einem gewissen Maße und hat ebenso qualitative Auswirkungen. Schlussfolgernd setzen wir weiter auf entwicklungsfähige Spieler und brauchen hierfür eine Basis.
Könnte es Gehaltskürzungen geben?
Dazu sage ich Nein für die aktuelle Saison. Das müssen wir stemmen.
Denken Sie an höhere Ticketpreise?
Wir haben die Kostensituation geschildert und das transparente Aufzeigen ist das, was unsere Fans und Partner erwarten können. Auch haben unsere Fans und Partner gewiss ein Interesse daran, dass wir bestehen können und so wird es niemanden wirklich überraschen, wenn wir unsere Preise – Ticketing und Werbeleistungen – für die neue Saison neu bewerten. Das muss aber immer auch in einem Rahmen passieren, der der Loyalität unserer treuen Fans und Partner Rechnung trägt. Wir können im Zweitliga-Vergleich superstolz sein auf unsere treuen Zuschauer. Wir haben für diese Saison 950 Dauer- und VIP-Karten verkauft. Das ist ein Spitzenwert.
Planen Sie weitere Aktionen, um neue Zuschauer zu gewinnen?
Der attraktive Handball, den unsere Mannschaft bietet, die besondere Stimmung durch unsere Fans ist es allemal wert, in die Halle zu kommen und dabei zu sein. Auch streben wir immer danach, einen Mehrwert zu bieten. Wir machen uns zu jedem Heimspiel immer viele Gedanken und hier darf ich lobend das Team der Geschäftsstelle um Julia Ost erwähnen. So wurde bereits der Familientag umgesetzt, der ein großer Erfolg war. Wir planen auch wieder das bewährte Ein-Euro-Spiel, das für den 14. April gegen den TV Hüttenberg angedacht ist. Es wird am 22. Februar beim Spiel gegen Potsdam auch einen Tag der Vielfalt geben. Wir wollen unseren Zuschauern neben attraktivem Handball immer etwas bieten.