Ludwigshafen Es zischt und dampft so schön

Als Teenager hat sich Alios Mentz aus Mutterstadt so sehr eine Dampfmaschine gewünscht. Aber die war recht teuer. „Ich hatte noch vier Brüder. Das war schon nicht leicht für meine Eltern“, erzählt der heute 76-Jährige. Schließlich hat er sie dann doch zu Weihnachten geschenkt bekommen. Das ist nun schon über 60 Jahre her. Dampfmaschinen waren damals bei Kindern beliebt. Das Faszinierende daran sei gewesen, die Technik, mit der damals noch Lokomotiven angetrieben wurden, im Miniaturformat zu erleben, meint Alois Mentz. Mit sogenannten Esbits, kleinen weißen Stängeln, wurde das Wasser erhitzt, dann zischte und dampfte es. „Bei meiner Maschine kann ich noch eine Pfeife zuschalten, es dreht sich eine Scheibe und ein kleiner Metzger macht Würstchen, die aus dem Fleischwolf kommen“, erzählt Alios Mentz. Das habe die Jugend damals noch vom Hocker gehauen. „Heute sind ja andere Zeiten“, meint er und muss lachen. Leider funktioniert seine Dampfmaschine nicht mehr. „Sie hat wohl zu lange ungenutzt auf dem Dachboden gestanden“, vermutet er. Dennoch möchte der Mutterstadter sie nicht entsorgen, denn zu viele Erinnerungen an schöne Spielstunden hängen daran. „Wenn einer sie reparieren könnte, würde ich mich eventuell davon trennen“, sagt er. Genauso gut wie Lego „Nein, hergeben würde ich unsere Dampfmaschine wohl nicht“, sagt Anneliese Bug, ebenfalls aus Mutterstadt. Ihr Mann hat das gute Stück in den 1950er Jahren als Zehnjähriger geschenkt bekommen. Speziell gewünscht habe er sich die Maschine nicht, „das war damals wohl ein beliebtes Spielzeug“, meint Anneliese Bug. Und das zu recht, denn es sei schon beeindruckend, wenn das Gerät sich in Gang setzt. Bugs Dampfmaschine wird mit Brennspiritus betrieben. „Das Wasser wird erhitzt und nach und nach setzen sich die Teile in Bewegung – erst langsam, dann immer schneller“, erzählt die Mutterstadterin. Ein Prozedere mit einfachsten Mittel, das aber immer wieder fasziniere. Und das nicht nur sie und ihren Mann, sondern auch ihre Kinder und Enkelkinder. „Immer wieder haben wir für die Kleinen die Dampfmaschine aus dem Keller holen müssen.“ Und dann strahlten die Kinderaugen, wenn ein kleines Männchen hämmerte, ein anderes sägte oder sich das Wasserrad drehte. Das Spielzeug aus Papas und Opas Zeiten konnte da mit Lego-Steinen, Playmobil-Männchen und Bauklötzen locker mithalten. Und werde es wohl auch noch in hundert Jahren, meint Anneliese Bug. Sogar kleine Streichhölzer zersägt „Ich bin mit so einer Dampfmaschine groß geworden“, erzählt Lore Soltau aus Dannstadt-Schauernheim. Aber nicht sie, sondern ihr großer Bruder hatte ein solches Spielgerät. „Für mich gehörte sie zur Weihnachtszeit: das gemütliche Tuckern und Spucken, das Zischen des Dampfes, der Geruch nach heißem Öl und Spiritus und das Pfeifen bei Überdruck“, schwärmt sie. Aus diesem Grund kaufte sie ihren Kindern in den 1980er Jahren auch eine Dampfmaschine. Eigentlich waren in dieser Zeit Carrera-Bahnen der Renner bei den Kindern. „Aber das war mir zu stumpfsinnig“, sagt sie und muss lachen. Per Inserat hat sie eine gebrauchte Dampfmaschine erstanden, die bis heute tipptop im Schuss ist. Anstatt Plastikautos im Kreis sausen zu lassen, begeisterten sich ihr Sohn und ihre Tochter für das Spielzeugmaschinchen. „Zuerst wurde geheizt, der Druck erzeugt, dann musste angeschubst werden, nicht immer reichte der Druck gleich aus – das war spannend und angewandte Physik. Es war wie eine kleine Fabrik, in der man selbst etwas beeinflussen konnte“, meint Lore Soltau. Etwas ganz Besonderes sei das Pfeifen zum Druckablassen gewesen. Später begeisterte die alte Dampfmaschine auch noch ihre zwei Enkelkinder David und Eric. Über Spiralen konnten dann andere Spielzeuge angetrieben werden. „Meine Enkel haben zum Beispiel einen kleine Säge angeschlossen und Streichhölzer zersägt“, erzählt Lore Soltau. „Ich war das glücklichste Kind“ Andere Spielsachen mit der Dampfmaschine zum Leben erwecken zu können, war auch der Grund, warum Rainer Scholl aus Mutterstadt als Teenager unbedingt eine Dampfmaschine haben wollte. Damals wohnte er in Oggersheim und betrachtete oft die große Dampfmaschine der Brauerei Mayer. Mit den Bauteilen aus seinem Metallbau-Kasten hatte er zum Beispiel eine Windmühle gebaut, die er zum Drehen bringen wollte. Weihnachten 1957 brachte das Christkind dann endlich das heiß ersehnte Geschenk, „und ich war das glücklichste Kind auf Erden“, erzählt er und muss lachen. Natürlich wurde die Dampfmaschine noch an Heiligabend aufgebaut, in Gang gesetzt und die Windmühle über Federn angeschlossen. „Es hat auch alles gleich geklappt.“ Später habe er noch ein Sägewerk gebaut. „In den 1980ern war die Dampfmaschine auf den Kindergeburtstagen unserer Tochter das Spielzeug-Highlight“, erinnert sich der Mutterstadter. „Es hat sich ja nicht nur etwas bewegt, es sind auch der Geruch des Feuers und Öls, der Dampf und das Rattern, das das Spielzeug so besonders macht – es riecht wie eine Dampflokomotive.“ Mit dem Umbau perfektioniert Auch Reinard Joly aus Böhl-Iggelheim war von der Dampfmaschinen-Technik begeistert. So sehr, dass er sich eine zu Weihnachten wünschte: Aber nicht etwa als Kind, sondern „als Erwachsener, fast schon im Rentenalter“. Er ist leidenschaftlicher Hobbybastler und sein Herz schlägt für den Modellbau. Klar, dass da auch an dem kleinen Technik-Wunder geschraubt wurde. „Ich habe sie gleich etwas umgebaut, so dass der Abdampf über den Kamin abziehen konnte. Ein echt toller Effekt. Das kam bei unseren Kindern und sogar bei meiner Frau gut an“, erzählt er begeistert. Auch sein Arbeitskollege hat sich in die umgebaute Maschine verguckt und bot Reinard Joly zum Tausch seinen Musik-Verstärker an. Es kam zum Handel, „doch später tat es mir leid um die schöne Dampfmaschine“, sagt Reinard Joly. Darum beschloss er, sich selbst eine zu bauen. Zwar hatte er als ehemaliger Kälte-Anlagenbauer das Know-how dazu und in seiner Hobby-Werkstatt die Werkzeuge, „es war aber auch gar nicht so einfach, einen Kolben in einen entsprechenden Zylinder einzupassen“, erklärt er. Viele Versuche waren nötig, bis die erste oszillierende und selbstanlaufende Zwei-Zylinder-Dampfmaschine fertig war.