Ludwigshafen Es fiept und klappert und kroaht

So klein und schon so neugierig: Die Kinderstube der fünf Falkenküken ist der Dachbodensims der Bäckerei Christmann in Waldsee.
So klein und schon so neugierig: Die Kinderstube der fünf Falkenküken ist der Dachbodensims der Bäckerei Christmann in Waldsee.

«Limburgerhof/Waldsee/ Mutterstadt.»Zugegeben, Weißstörche samt Nachwuchs sind im Rhein-Pfalz-Kreis keine Seltenheit mehr. Man kann sie in Otterstadt, in Altrip oder im Schifferstadter Vogelpark beobachten. Im Limburgerhofer Bruch sei Meister Adebar aber schon eine kleine Sensation, meint Rolf Götz und schaut noch einmal ganz fasziniert durch sein Teleobjektiv. Der stellvertretende Vorsitzende vom BUND Rhein-Pfalz-Kreis hat seine Kamera am Rand des Landschaftsschutzgebiets bei Limburgerhof aufgestellt und auf einen etwa acht Meter hohen Mast auf der Südweide, der in etwa 200 Metern Entfernung steht, ausgerichtet. Die zwei Jungstörche sind aber auch mit bloßem Auge ganz gut zu erkennen. Die Kreisgruppe musste lange auf das Storchenglück warten, berichtet Götz – genau gesagt gut neun Jahre. 2008 haben die Naturschützer auf Anregung der Unteren Naturschutzbehörde und unter der Leitung von BUND-Mitglied Wolfgang Kluger aus Limburgerhof zwei Nisthilfen im rund 85 Hektar großen Bruch-Gebiet aufgestellt. Unterstützt wurden sie damals von der Limburgerhofer Feuerwehr. Beide Nistplätze blieben aber leer: „Die meisten Störche sind ihrem Nest treu, das sie im Vorjahr bewohnt haben“, erklärt Kluger den langen Leerstand der „Storchen-Immobilie“ in durchaus attraktiver Lage. Doch nun fand ein junges Storchenpaar dort ihre erste gemeinsame „Wohnung“ und ließ sich auf der runden Plattform nieder. Der Nachwuchs ließ auch nicht lange auf sich warten, und das Bruch-Gebiet hat sich als gute Storchenkinderstube bewährt. Die zwei Jungstörche sind bereits ordentlich gewachsen. Schon demnächst könnten Spaziergänger sie mit ihren Storcheneltern über die Wiese staksen und nach Futter suchen sehen, meint Kluger. Die Kleinen bleiben rund sechs bis acht Wochen im Nest. Dann unternehmen sie erste gemeinsame Ausflüge, werden aber noch von den Alten mit „durchgefüttert“. Dabei lernen sie, wie sie sich künftig selbst versorgen. Störche sind große Tiere, messen fast einen Meter und wiegen bis zu vier Kilo, entsprechend groß ist ihr Appetit. Dabei sind sie laut der BUND-Experten nicht wählerisch: von Larven, Würmern, Fischen, Fröschen über große Insekten wie Heuschrecken bis Reptilien und manchmal sogar Küken anderer Vogelarten stehen auf ihrem Speiseplan. Das erfordert hohe Ansprüche an ihrer Umgebung. Mit der Umwandlung des Limburgerhofer Bruchs in ein naturnahes Feuchtwiesenbiotop vor mehr als zehn Jahren konnte das „Storchenparadies“ entstehen. Keiner weiß eigentlich genau, wann das letzte Mal Störche in oder um Limburgerhof brüteten, erzählt Rolf Götz. Vermutlich die letzten 75 Jahre nicht mehr. wie ihm ältere Limburgerhofer berichteten. Auch den Turmfalken hat die BUND-Gruppe 2008 zwei Nistkästen im Bruch angeboten, die auch rege genutzt werden. In Waldsee hingegen bezog ein Turmfalken-Pärchen den Sims eines runden Dachboden-Fensters, das mit einem Maschendraht abgesperrt ist (siehe Foto). Die Greifvögel haben bei Familie Christmann, die die gleichnamige Bäckerei in Waldsee betreibt, vor ein paar Wochen Unterschlupf gefunden. Margit Christmann wundert sich, dass sie auf so engen Raum ihre fünf Jungen aufziehen. Sie vermutet, „dass sie normalerweise wohl etwas mehr Fläche benötigen“, denn sie beobachtete, wie die Falkeneltern das Futter auf dem Dach eines Nebengebäudes in mundgerechte Stücke teilten. Da muss der Vogelexperte Thomas Dolich widersprechen: „Kleine Vorsprünge und Nischen sind die bevorzugten Nistplätze der Turmfalken.“ Dolich ist im Vorstand der Gesellschaft für Naturschutz und Ornithologie (Gnor) in Rheinland-Pfalz und weiß, dass Falken von jeher in Felsvorsprüngen nisten, sich aber hervorragend an die veränderte, zunehmend zivilisierte Umgebung angepasst haben. Sie nisten nun auch in hohen Gebäuden – daher auch der Name Turmfalke. „Ihnen genügt eine Fläche von etwa 30 mal 30 Zentimetern“, sagt Dolich. Großflächiger hingegen ist sein Revier, „das bis zu 200 Hektar groß sein kann“. Dort jagt der Greifvogel bevorzugt Mäuse, Insekten oder manchmal auch kleine Vögel. Er fühlt sich nicht nur bei den Christmanns in Waldsee, sondern überhaupt in Rheinland-Pfalz wohl. Zwischen 3500 bis 5000 Brutpaare gibt es hier, so schätzen die Vogelschützer von Gnor, „und das sind mehr als zehn Prozent des Bestands in ganz Deutschland“, sagt Dolich. Der Turmfalke sei also nicht gefährdet. Dennoch: Vertreter dieser imposanten Vogelart im Haus zu haben, „ist schon etwas Besonderes“, sagt Margit Christmann, „auch wenn sie eine ganz schöne Sauerei machen“. Jeden Tag müssten die Hinterlassenschaften der Kleinen beseitigt werden. „Aber das macht man ja gern“, sagt sie und meint: „Wären es Tauben, hätte ich mich wohl nicht so gefreut.“ Ähnlich unbeliebt wie Tauben sind auch Kolkraben, werden die schwarzgefiederten Vögel von Laien doch oft mit Saatkrähen verwechselt. „Und die haben vor allem bei Landwirten einen wirklich schlechten Ruf“, sagt Rolf Götz. Beide Vögel stammen aus der Familie der Rabenvögel. Aber der Kolkrabe war bei den Menschen schon vor über 150 Jahren in Ungnade gefallen, wie auf der Internetseite des Naturschutzbundes (Nabu) Rheinland-Pfalz nachzulesen ist. Hinzu kommt, dass das recht imposante Tier – es ist mit seinen etwa 65 Zentimetern der größte Vertreter der Rabenfamilie – ein Allesfresser ist. Ein Kolkrabe verspeist durchaus auch größere, meist kranke Kleintiere. Und: „Sie sind auch Aasfresser, und als solche wichtiger Teil des Ökosystems“, verteidigt Götz den Kolkraben, der heute so selten bei uns ist. Bis Mitte des 19. Jahrhundert war er laut Nabu noch in allen Waldgebieten in Rheinland-Pfalz heimisch, danach ist er im westlichen Mitteleuropa durch gezielte Verfolgung nahezu ausgerottet worden. Erst Ende des 20. Jahrhunderts sind in unserem Bundesland wieder vereinzelt Exemplare gesichtet worden, jedoch meist im nördlichen Teil. Umso erfreuter war Rolf Götz, als er vor etwa sechs Wochen ein Kolkraben-Pärchen im Mutterstadter Wald entdeckte und auch eine Weile beobachten konnte. Er erkannte sie zunächst an ihrem markantem Ruf – ein lautes und tiefes „Kroah-kroah“. Dann gelang es ihm sogar, sie durch die Baumwipfel auf einem Hochspannungsmast sitzend zu fotografieren. „Vielleicht haben sie einen Nistplatz gesucht“, sagt der Naturschützer. Kolkraben bevorzugen Waldrandlagen, von wo aus sie ihre Nahrung im offenen Gebiet suchen. Vielleicht war ihnen aber im Mutterstadter Wald zu viel los, denn seit etwa zwei Wochen hat er sie nicht mehr gehört. Übrigens, Kolkraben leben ihr Leben lang in einer monogamen Partnerschaft und sind hervorragende Stimmen-Imitatoren. Aber das sei am Rande erwähnt – zur Imagepflege der seltenen Tiere.

Auf Stippvisite: Das Kolkrabenpärchen hat sich leider nicht im Mutterstadter Wald niedergelassen.
Auf Stippvisite: Das Kolkrabenpärchen hat sich leider nicht im Mutterstadter Wald niedergelassen.
Schon ganz schön flügge: einer der beiden ersten Weißstörche, die im Limburgerhofer Bruch aufgewachsen sind.
Schon ganz schön flügge: einer der beiden ersten Weißstörche, die im Limburgerhofer Bruch aufgewachsen sind.
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