Ludwigshafen Endstation Europa
Die Europäische Union steckt mal wieder in der Krise. In seinem aktuellen Programm „Europa, der Kreisverkehr und ein Todesfall“ nimmt Thomas Freitag sich gezielt ihrer an. Der Altmeister des politischen Kabaretts gastierte in der ausverkauften Mannheimer Klapsmühl’.
Freitags 17. Soloprogramm ist mehr Einpersonenstück als übliches Kabarett. Der große Kleinkünstler verzichtet ganz auf seine famosen Politiker-Parodien, die ihn in den 1980er Jahren bekannt machten und seine Fans erwarten. Der 67-jährige Hesse zeigt dennoch wie gewohnt große schauspielerische und parodistische Fähigkeiten, wenn er im Laufe des Abends souverän und wandlungsfähig in verschiedene Rollen schlüpft, die es gestatten, das Projekt „Europa“ komisch und kritisch von verschiedenen Seiten zu beleuchten und seine Ungereimtheiten aufs Korn zu nehmen. Ganz nebenbei macht Freitag anschaulich, dass Europa vielleicht doch noch mehr ist als Song-Contest und Champions League. Es beginnt mit der Europahymne, und einem lauten Knall. Autos hupen und Reifen quietschen. Offenbar ein Verkehrsunfall, der nicht zu sehen, nur zu hören ist. Dann geht das Tatütata des Martinshorns über in das Piepen eines Elektrokardiographen. Auf der Bühne qualmt es, bis aus dem Nebel Thomas Freitag auftaucht. Er sei Peter Rübenbauer, stellt er sich vor, der EU-Beauftragte für den europäischen Kreisverkehr und als solcher nun ausgerechnet in einem Verkehrskreisel verunglückt. „Da kam mir dieses Auto entgegen und dann bin ich geflogen“, erinnert er sich etwas verwirrt. „Aber das war anders als sonst, das war nicht Businessclass“. In staubigen Schuhen und verschmutztem Anzug findet er sich gefangen zwischen Leben und Tod, zwischen dem strahlenden ewigen Licht am Ende des Tunnels und nur spärlich schimmernden EU-Energiesparlampen. Konkret steht er an einer Haltestelle, die kein Bus mehr anfährt, Endstation Europa sozusagen. Von dieser in höhere Sphären enthobenen Warte aus blickt Freitag alias Rübenbauer zurück auf die eigene Lebensleistung, die Einrichtung von 20.000 europäischen Verkehrskreiseln, und auf die große Idee Europa. Die Vorstellung, dass überall auf unserem geeinten Kontinent gleiche und freie Menschen zusammenlebten, gelte nicht mehr, stellt er resignierend fest. Europa eine in Wahrheit alleine der Wille, den Reichtum und die Religion seiner wohlhabenden Bürger zu verteidigen, Geld und Gott also, Euro und Christentum. An der Haltestelle tauchen sonderbare Gestalten auf. Der griechische Göttervater Zeus etwa auf 450-Euro-Basis die Taverne „Poseidon“ betreibt und meint, die Milliarden für Griechenland seien kein Almosen, sondern die Rückzahlung aller Ouzos, die seit Jahrzehnten „aufs Haus“ kredenzt werden. Der protestantische Selbstmordattentäter Hans-Peter Maurer-Seitenbach droht schwäbelnd mit einem Sprengstoffgürtel aus Birkenstocksandalen und hofft im Jenseits auf 36 willige Sozialpädagoginnen. Und der Bürgermeister aus dem bayerischen Brunzhausen findet: „Europa ist eine gute Sache, aber man hätte sie nicht mit anderen Ländern machen sollen.“