Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Einweisungsgebiete: Hilfe für psychisch Erkrankte

Bieten als „Street Docs Mental“ in den Ludwigshafener Einweisungsgebieten ihre Hilfe an: Anja Schlößer und Daniel Eisenhut.
Bieten als »Street Docs Mental« in den Ludwigshafener Einweisungsgebieten ihre Hilfe an: Anja Schlößer und Daniel Eisenhut.

Über psychische Erkrankungen wird ungern gesprochen – auch und gerade in den städtischen Einweisungsgebieten, wo Menschen leben, die sonst keine Wohnung fänden. „Street Doc Mental“ heißt ein preisgekröntes Projekt, das jetzt Hilfe anbietet.

Wie schnell und wie weit sich die soziale Abwärtsspirale drehen kann, wissen Menschen, die in den Ludwigshafener Einweisungsgebieten leben. Drohende Obdachlosigkeit – nicht selten bedingt durch Mietschulden oder Alkoholmissbrauch – hat sie in die Mehrgeschossbauten im Stadtteil West oder Mundenheim gebracht.

„Wir wissen, dass diese Menschen oft von seelischen Störungen betroffen sind“, sagt Jörg Breitmaier, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie im Krankenhaus Zum Guten Hirten. Seine Erfahrung als Facharzt: „Chronische seelische Erkrankungen ziehen Schwierigkeiten bis hin zur sozialen Ausgrenzung nach sich – Lebenssituationen am Rand der Gesellschaft sind belastend und können seelische Krisen auslösen oder verschlimmern.“

Finanzielle Förderung durch BASF

Breitmaier und seine Kollegen haben deshalb gemeinsam mit der Ökumenischen Fördergemeinschaft (ÖFG) ein neues Projekt ins Leben gerufen. Es heißt „Street Doc Mental“ und will direkte Hilfe vor Ort anbieten: Immer montags von 11 Uhr bis 12 Uhr, wenn sich in der Bayreuther Straße die Türen des von der ÖFG organisierten „Walk-Inn“ öffnen, sind auch Psychiaterin Anja Schlößer und Fachkrankenpfleger Daniel Eisenhut vor Ort.

Die ersten Termine seien viel besser gelaufen als erwartet, erzählt der bei der ÖFG für Gemeinwesenarbeit zuständige Johannes Hucke (54). Neben durchaus tief gehenden Gesprächen habe man aber auch ablehnende Haltungen erlebt. „Menschen, die unter der Bedingung des Obdachs leben, fühlen sich ohnehin stigmatisiert, sie wollen nicht noch in eine weitere Schublade gesteckt werden“, sagt Hucke. „Ich bin doch kein Depp“, sei manchmal die Reaktion, wenn man versuche, sie auf das Thema seelische Gesundheit anzusprechen.

Vertrauen zu Bewohnern aufbauen

Aufgeben will man diese Menschen jedoch nicht. Bei der Erarbeitung des städtischen Sozialkonzepts für die beiden Ludwigshafener Einweisungsgebiete in Mundenheim-West und in der Bayreuther Straße sei von Anfang an ein sozialpsychiatrisches Angebot geplant gewesen, erzählt Jörg Breitmaier. Das Ziel: niedrigschwellige Gesprächskontakte vor Ort anbieten.

„Im Moment geht es für uns darum, Vertrauen aufzubauen“, sagt der 63-Jährige, der sich wie alle Beteiligten über die Auszeichnung des Projekts seitens der BASF freut. Auch in diesem Jahr hatte das Unternehmen seinen Wettbewerb „Gemeinsam Neues schaffen“ ausgeschrieben, mit dem es Kooperationsprojekte unterstützt, die das Gemeinwohl fördern. Das hinter dem Projekt „Street Doc Mental“ stehende Gesamtkonzept „Come together ... right now!“ wird von der BASF mit einem niedrigen fünfstelligen Betrag gefördert. „Davon profitieren wir natürlich ungemein“, sagt Jörg Breitmaier, dessen Fachkräfte nicht ehrenamtlich arbeiten, sondern ihre reguläre Arbeitszeit für den Einsatz in den Einweisungsgebieten aufbringen.

Angebot soll ausgebaut werden

Für die Zukunft hofft der 63-Jährige auch auf eine spendenbasierte Unterstützung von „Street Doc Mental“ – geplant sei nämlich, das Angebot weiter auszubauen und das sozialpsychiatrische Projekt mit der bereits existierenden Arbeit der Ludwigshafener „Street Docs“ zu vereinen. Diese Allgemeinmediziner, aber auch Internisten, sind bereits seit 2013 regelmäßig in den Einweisungsgebieten unterwegs und organisieren die medizinische Versorgung für jene Menschen, die den Zugang zum regulären Gesundheitssystem verloren haben.

Während der Corona-Pandemie mussten die „Street Docs“ ihre Sprechstunde auf den Hemshof reduzieren, erzählt Johannes Hucke. Sobald es die Situation zulasse, wolle man mit diesem Angebot – und zur gleichen Zeit dann auch mit den „Street Docs Mental“ – in den Einweisungsgebieten wieder vor Ort sein. Hucke zufolge fehlen den dort lebenden Menschen vor allem jene Faktoren, die im „normalbürgerlichen“ Kontext Trost und Entspannung ermöglichen: „Eine ruhige Wohnung, ungestörter Feierabend mit der Familie und lieben Freunden, gutes Essen, Teilhabe am kulturellen Leben.“ Wer einmal psychisch beeinträchtigt sei und unter der Bedingung des Obdachs leben müsse, finde meist keinen Anschluss mehr, resigniere und vereinsame.

Projektpartner: das Krankenhaus Zum Guten Hirten.
Projektpartner: das Krankenhaus Zum Guten Hirten.
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