Wildes LU
Eine Rarität auf dem Dach und ein gefiederter Star
Christian Guthor, Marktleiter vom Dehner-Gartencenter in Oggersheim, hat Klaus Eisele, den ehrenamtlichen Naturschutzbeauftragten der Stadt, kontaktiert. „Was passiert damit?“, will er von Eisele wissen und zeigt auf ein paar Zweige oberhalb der Jalousie im Gartencenter, die feinsäuberlich zu einem Nest zusammengefügt wurden. Mutmaßlich das Werk von Rabenkrähen. Der Naturschützer und Vogelexperte schaut nach oben und gibt Entwarnung.
Da sich der Nestbau noch im Anfangsstadium befinde und auch, um Konflikte und Verkotung vorzubeugen, könne er die Zweige entfernen. Glück gehabt, wird sich Guthor denken, denn zu einem späteren Zeitpunkt wäre das nur mit entsprechender Genehmigung möglich gewesen. Die Rabenkrähe ist nicht vom Aussterben bedroht, steht aber dennoch unter Artenschutz, allerdings dem normalen. Unter den besonderen Artenschutz fallen Vogelarten, die als stark gefährdet eingestuft werden, wie etwa der ebenso im Einkaufspark Oggersheim beheimatete Kiebitz.
Bäume für Vögel wichtig
Guthor hört dem Vogelexperten gespannt zu, will er doch alles richtig machen. Fast jeder zweite Baum vor dem Dehner-Gartencenter beherbergt ein Nest. „Größtenteils wohl von Ringeltauben“, meint Eisele. Die Nester allerdings sind in diesem Jahr noch nicht wieder bewohnt. Das wird erfahrungsgemäß ein bisschen dauern. Der Marktleiter hat bei Durchsicht des Bebauungsplans allerdings festgestellt, dass derzeit einige Bäume auf seinem Areal fehlen. Dies, so sagt er, werde er schleunigst ändern.
Bäume gehören als Parkplatzbeschattung in Oggersheim „Westlich B9“ zum Pflichtprogramm, sind ein Teil der Auflagen, die mit der Entstehung des Gewerbeparks den Firmen, die sich dort angesiedelt haben, gemacht wurden. Von Beginn an stand das Thema Klima- und Artenschutz im dortigen Gewerbegebiet ganz oben auf der Agenda. Die lockere Bebauung mit den Gräben, die breiten Grünzüge bieten nicht nur der Vogelwelt die Möglichkeit, sich fernab des Freizeitdrucks zu entwickeln. Im „ökologischen Gewerbepark“ sind die Unternehmen verpflichtet, etwa ihre Dächer und Fassaden zu begrünen.
Bienen auf Globus-Dach
„Das Gewerbegebiet ist die Frischluftschneise für Oggersheim und daher waren entsprechende Klimaschutzmaßnahmen von Anfang an von besonderer Bedeutung“, betont Eisele. Auf dem Dach von Globus sieht es aus wie auf allen anderen Flachdächern im Einkaufspark: Dachstauden, Sedumpflanzen und Gräser auf nahezu jedem Quadratmeter. „Wir haben hier vor Ort viel Wert auf Dach- sowie Parkplatzbegrünung gelegt, um den Natur- und Artenschutz zu unterstützen. Darüber hinaus prüfen wir gerade die Ansiedlung von Bienenvölkern auf unserem Dach“, sagt Francesco Brai, Geschäftsleiter der Globus-Markthalle in Oggersheim. Dazu stehe man bereits im Austausch mit einem lokalen Imker, so Brai. „Wir verstehen uns als Teil der Region und arbeiten gemeinsam mit unseren Partnern und im Austausch mit der Stadt Ludwigshafen daran, noch nachhaltiger und ressourcenschonender zu werden“, unterstreicht er.
Viele ziehen mit, aber nicht alle
Ein Großteil der Unternehmen würde die Maßnahmen vorbildlich umsetzen, meint Eisele. Allerdings nicht alle. So zeigt der Naturschützer beim Rundgang mit der RHEINPFALZ auch Negativbeispiele. Ein Baumarkt hat seine Bäume dermaßen gestutzt, dass sie so schnell keinen Schatten mehr spenden werden, geschweige denn als Habitat für Vögel dienen können. „Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs“, zählt Eisele auf und meint damit die Nester, die er in der Fassadenbegrünung bei Metro entdeckt.
Auch inmitten der dichten Fassadenbegrünung bei der Fahrradwelt XXL Kalker gegenüber dürfte es in diesem Jahr wieder lebhaft werden, sind doch auch dort Nester im dichten Grün an den Fassaden versteckt.
Vom Aussterben bedroht
Der Star im Oggersheimer Gewerbegebiet ist aber eine ganz besondere Vogelart, der vom Aussterben bedrohte Kiebitz. Rund ein Viertel aller Kiebitze in Rheinland-Pfalz sind in Ludwigshafen zu Hause, davon ein Großteil im Gewerbegebiet „Westlich B9“. Die Vögel, die zur Familie der Regenpfeifer gehören, sind selten geworden. Im Bundesland schätzt die Gesellschaft für Naturschutz und Ornithologie Rheinland-Pfalz die Zahl auf nicht einmal mehr 100 Paare. In einigen Regionen sind sie sogar komplett verschwunden. Die Brutgebiete liegen vor allem in Rheinhessen und in der Vorderpfalz.
„Der Kiebitz ist akut vom Aussterben bedroht“, sagt auch Eisele. Der Naturschutzbeauftragte der Stadt ist zugleich auch Vorsitzender des Ornithologischen Arbeitskreises Altrhein (Orbea). Er ist hocherfreut, dass etliche der als ortstreu geltenden Kiebitze Jahr für Jahr wieder nach Ludwigshafen zurückkommen und ihre Jungen auf den begrünten Flachdächern von Globus, Metro und Co. auf die Welt bringen. Drei, vier Wochen werde es wohl noch dauern, ehe sich rund ein Dutzend Brutpaare wieder auf den Dächern des Einkaufsparks in Oggersheim niederlassen, schätzt Eisele.
Gewerbe und Naturschutz
Die ersten Kiebitze sind bereits zurückgekehrt. Am Himmel ist gerade ein Kampf Rabenkrähe gegen Kiebitz zu beobachten. Wer wird das Rennen machen? Letzterer setzt sich erwartungsgemäß durch, die Rabenkrähe gibt auf und nimmt Reißaus, fliegt gen Oggersheim-West auf und davon. Nein, so schnell lässt sich der Kiebitz aus seinem Habitat nicht vertreiben, findet er hier doch nahezu ideale Bedingungen vor.
Fernab von Mensch und Bodenbeutetieren, wie etwa Marder, kann er sich in Ruhe entwickeln. Einer Vereinbarung mit der Stadt Ludwigshafen, Arbeiten auf dem Dach während der Brutzeit weitestgehend einzustellen, hätten die Eigentümer der Immobilien alle zugestimmt und würden sich auch daran halten, freut sich Vogelschützer Eisele. Ausnahmen gibt es natürlich, aber diese sollten eben eine Ausnahme bleiben und werden von Eisele streng überwacht.
Dass eine gewerbliche Entwicklung und der Natur- und Artenschutz miteinander funktionieren können, das zeige sich im Falle des Gewerbegebiets „Westlich B9“, erklärt der Naturschützer. „Das ist ein gutes Miteinander und kein Gegeneinander. Die natur- und artenschutzrechtlichen Vorgaben schmälern keinesfalls den Umsatz der Unternehmen“, sagt Eisele.
Die Serie
Viele Tiere haben sich Werksgelände oder öffentliche Areale als Lebensraum erobert. Es gibt eine erstaunliche Artenvielfalt an ungewöhnlichen Orten. Wir sind mit Naturschützern auf Expedition gegangen.
Teil 5 der Serie lesen Sie hier.