Ludwigshafen Eine Prise Juckpulver

Aus Marmor und Muschelkalk sind die Skulpturen, die Dieter Kränzlein, Bildhauer aus Bietigheim-Bissingen, formt.
Aus Marmor und Muschelkalk sind die Skulpturen, die Dieter Kränzlein, Bildhauer aus Bietigheim-Bissingen, formt.

Ob Kontaktdaten von vietnamesischen Wanderarbeitern oder die tief liegenden Horizonte Irlands: Ganz unterschiedlich haben sich die Künstler inspirieren lassen, deren Werke von Freitag bis Sonntag bei den Galerientagen ausgestellt sind. Neun Galerien aus dem Rhein-Neckar-Dreieck haben bei freiem Eintritt, Bewirtung und Programm ihre Schatzkisten im Mannheimer Kunstverein geöffnet. Es waren schon einmal mehr, erfrischend in ihrer Vielfalt ist diese Schau der Szene aber doch.

Genug zu sehen gibt es allemal. Die Galerie arthea hat ihren Showroom am Rosengarten seit längerem aufgegeben, ist aber, jetzt von Nußloch bei Heidelberg aus, unverändert präsent. Von Werner Zeh zeigt sie Bilder, die sich mit den Kontaktdaten beschäftigen, die vietnamesische Wanderarbeiter an Hauswänden hinterlassen haben. Deftiger sind die Rot, Gelb, Weiß und Grün strahlenden Skulpturen von Dieter Kränzlein aus Marmor und Muschelkalk. Die Formen sind einfach; Riffelungen und Lineaturen beleben zusätzlich die Oberflächen. Plastisches steht nicht im Vordergrund der Galerientage und bei den Porzellanarbeiten von Shigekazu Nagae (ein Beitrag der international renommierten Keramikspezialistin Marianne Heller aus Heidelberg) könnte man schon ins Grübeln kommen, als was diese wunderbaren Arbeiten zu definieren wären. Es handelt sich um Gebilde in strahlendem Weiß und von schwereloser Schönheit, die mit größter Kunstfertigkeit aus gegossenen Platten montiert sind und an kunstreiche Papierfaltungen oder an vom Wind geblähte Tücher erinnern. Gegenüber: Glasobjekte der von Linde Hollinger aus Ladenburg vertretenen Heidelbergerin Christiane Grimm: Eine Apotheose des farbigen Lichtes, das mit den Tageszeiten wechselt und die schönsten Sensationen auf der Netzhaut hinterlässt.Von Sebastian Fath sehen wir eine handverlesene Auswahl aus den Ateliers von Tobias Wenzel (edelsteinhaft kostbar wirkende Aquarelle) und Bertrand Fournier, dem der Galerist ab 23. Mai in seinen Räumen in der Werderstraße die erste große Einzelausstellung widmet. Julia Philippi (Dossenheim) inszeniert mit Andreas Bracht einen Ausflug in die Stille, wie es im übrigen nicht sehr laut zugeht in der 24. Ausgabe der Mannheimer Galerietage. Auch Peter Zimmermann hat sich mit den quadratischen Landschaftsbildern von Holger Baehr auffällig zurückgehalten, einem Spätberufenen, der in Irland lebt und die Inspiration zu seinen Bildern aus der unmittelbaren Umgebung schöpft. Abgedunkelte Palette, tief liegende Horizonte, der Himmel drüber von einer abgebremsten Dramatik, irgendwo zwischen altmeisterlich und aktuell. Inspiration ist ein Stichwort, das mal passt und mal eher nicht. Auch Regina Reim, die in Speyer lebt, sucht die Verbindung von traditioneller und moderner Malerei, indem sie altmeisterlich gemalte Hintergründe mit aus eigenen, zerschnittenen Grafiken gefügten Collagen belebt. „Cosmic Business“ heißt die von der Speyrer Galerie Josef Nisters nach Mannheim gebrachte Serie, die etwas im Wortsinn „Fabelhaftes“ ausstrahlt, aber jede begriffliche Fixierung ins Leere laufen lässt. Kein Stress diesmal am Karl-Reiß-Platz. Selbst Friedrich W. Kasten gibt sich zahm, lässt seine Street-Art-Künstler im Schrank, hängt problemlose Siebdrucke von Julia Steinberg an die Wand und lässt allenfalls Holger Zimmermann eine Prise visuelles Juckpulver verstreuen; beide zu sehr moderaten Preisen. Ganz ausgeschert ist die Galerie Döbele in der Mannheimer Leibnizstraße. Mit wertbeständigen Papierarbeiten von „Klassikern“ wie Max Uhlig, Max Ackermann oder Hermann Glöckner setzt sie einen markanten Schlusspunkt. Oder ein Ausrufezeichen, so man will. Öffnungszeiten Eröffnung im Mannheimer Kunstverein, Augustaanlage 58, heute, 19 bis 22 Uhr. Samstag 12 bis 22 Uhr, Art & Cocktail, 16 Uhr Lesung von Claudius Kaboth „Fluxus – Vorlesen ohne Skrupel und Genregrenzen“. Sonntag 12 bis 17 Uhr, Art & Brunch.

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