Ludwigshafen Eine Glocke als Taufbecken
„Viele Leute haben zugeschaut, als der Dachdecker durch die kleine Luke auf das Kirchturmdach gekrabbelt ist. Das war ein Spektakel“, erzählt Ehrenpresbyter Arno Erhard aus der bewegten Geschichte der Auferstehungskirche in Oppau. Der pensionierte Geschichts- und Erdkundelehrer kennt sich aus, in der Kirche und drumherum. Immer mal wieder führt er Besuchergruppen durch das Gotteshaus und in den Turm bis fast ganz nach oben. Pfarrerin Susanne Seinsoth war da noch nie. „Ich bin nicht schwindelfrei“, erklärt sie. Doch das sollte man schon sein, wenn man die Treppen im Turm erklimmt, die nach oben hin immer enger werden. Nur über eine Leiter kann man in das oberste begehbare Geschoss klettern. Die Arbeit eines Dachdeckers weiß man auf dieser Ebene erst richtig zu würdigen. Sturmtief Lothar hat im Jahr 1999 die letzten Schäden verursacht – oder war es dessen Vorgänger? So genau weiß Erhard das nicht mehr. Im Vergleich zu dem, was die Kirche vorher an Unglücken miterlebt hat, war das ohnehin eine Kleinigkeit. Die Auferstehungskirche ist bereits die siebte Kirche an diesem Ort. Schon kurz nach der Reformation wurde sie evangelisch. Die erste Kirche – Schutzpatron war St. Martin – fand frühe Erwähnung im Jahr 808 im Lorscher Codex. St. Martin heißt jetzt die katholische Nachbarkirche. Ein Hochwasser zerstörte das erste Gebäude, genau wie die beiden Nachfolgebauten, die immer stabiler und größer wurden. L-förmig war die neue evangelische Kirche im 19. Jahrhundert, im Winkel entstand der Turm. Der erhielt 1842 eine neue Gestalt und die Kirche einen Anbau. Diese Kirche wurde 1921 durch die Explosion des Stickstoffwerks in der BASF zerstört. Der Neubau konnte am 24. Juni 1923 eingeweiht werden. Die Kirche war nun wesentlich größer und hatte bereits den heutigen Grundriss. Doch auch dieses Gebäude wurde nicht richtig alt. Im Zweiten Weltkrieg, 1943, zerstörten die Bomben der Alliierten die Kirche. Auf den Grundmauern, aber in veränderter Form, baute Walter Blessing die Kirche 1951/52 mit dem 42 Meter hohen Turm wieder auf. Ihren Namen Auferstehungskirche erhielt sie bei der Einweihung am 14. Dezember 1952. „Viele alteingesessene Oppauer haben mir erzählt, dass sie sich nach einer Reise richtig zu Hause fühlen, wenn sie den Turm sehen“, freut sich die Pfarrerin. „Wir haben Zeit bis viertel nach elf“, erklärt Kirchendiener Karl-Heinz Meister ein paar Minuten vor elf. „Dann schlägt die Glocke. Da wollen wir nicht im Turm sein. Wenn wir es nicht schneller schaffen, müssen wir für einen Druckausgleich den Mund aufmachen. Das habe ich bei der Bundeswehr gelernt und bei der BASF.“ Der kundige Rentner war Chemikant bei der großen Firma in der Nachbarschaft. Jetzt hilft er in der Gemeinde als Kirchendiener. Für die Turmführung stellt er den Rasenmäher beiseite. „Da hat uns jemand Blumen geklaut“, ärgert er sich. Auch von einem fliegenden Turnschuh, der eines der Fenster zu Bruch gehen ließ, weiß er zu berichten. Bis die teure Reparatur durchgeführt war, hatten die Tauben Zeit, den Turm zu erobern. Ein paar ihrer Hinterlassenschaften liegen noch auf den Fensterbänken. Behände klettert er voraus. Beeindruckend sind die großen Zahnräder des alten Uhrwerks, das es auf der Ebene in Höhe des Speichers des Hauptschiffs zu sehen gibt. Es steht hier allerdings nur noch zur Zierde. Die Elektronik hat es übernommen, die Glocken zu schlagen. Vier sind es an der Zahl: die Totenglocke, die Abendbetglocke, die Mittagbetglocke und die Taufglocke. Mindestens alle Viertelstunde schlägt eine von ihnen. „Wir haben einen blinden Presbyter gehabt. Der hat uns erklärt, dass für Sehbehinderte die Glockenschläge wichtiger sind als die Zeiger und auch heute noch eine wichtige Funktion haben“, berichtet Ehrhard. Nicht mehr ihre ursprüngliche Funktion hat die „Speckglocke“, aus dem Jahr 1767 – benannt nach ihrem Hersteller. Sie hatte alle Zerstörungen und Kriege überdauert, war die älteste Glocke Ludwigshafens und wurde 1947 nochmal repariert. Nach einem Riss war sie unbrauchbar geworden. Seit 1978 taufen die Pfarrerinnen und Pfarrer in dem Taufbecken, dem die Glocke jetzt als Unterbau dient, die Oppauer Kinder. Die ersten, die getauft wurden, waren hier auch Konfirmanden, haben in Oppau geheiratet und ihre eigenen Kinder im gleichen Taufbecken taufen lassen.