Ludwigshafen Eine Diva und viele Männer

Beim ersten Halbfinale des neunten Choreografie-Wettbewerbs „No Ballet“ sind aus neun Tanzstücken die vier außergewöhnlichsten fürs heutige Finale gekürt worden: der in Europa tätige Japaner Shumpei Nemoto, der Österreicher Günther Grollitsch, der Israeli Michael Getman und der Mexikaner Jaciel Neri.
Das Niveau war durchweg hoch; die Hälfte der Nominierten hat bereits Preise gewonnen. Der Taiwan-Chinese Liu Yen Cheng und der Chinese Shan Gao, in Peking mit Preisen bedacht, gehören zu denen, die leer ausgingen. Der erste zeigte ein Paar zwischen Abstraktion und Expressivität, der zweite ein spirituelles Quartett. Auch die beiden anderen Beziehungsduos kamen nicht weiter: ein wilder bis sentimentaler Kampf rund um eine Matratze und ein temperamentvolles Paar mit ausgearbeiteter Gebärdensprache. Unter den Gruppenchoreografien siegten Günther Grollischs Quintett und Jaciel Neris Quartett. Grollitsch machte seine Tanzausbildung in Frankfurt. Seine Choreografie „New Times“ besticht durch eine tänzerisch perfekte und atmosphärisch stimmige Zusammenführung eines professionellen Paars und eines Trios aus Amateuren. Zuerst kommt das Trio als kompakte Gruppe, die wie nicht ganz von dieser Welt anmutet. Danach mit vollem Licht und Brio die Diva, gleich darauf ihr Anbeter. Sie tanzen ein komisches Duett in Posen der Annäherung und Abstoßung. Das Trio, nun ebenfalls in Weiß, hängt sich an den Verehrer; die Diva zieht den Männertrupp hinter sich her. „Nosotros“ (wir) von Jaciel Neri sind vier junge Männer, wie sie in den Straßen Mexikos herumlaufen. Zu eigenem rhythmischem Pfeifen protzen sie mit Machogebärden und akrobatischen Figuren aus dem Streetdance. Sie sind zugleich Kumpel und Rivalen. Dann ertönt Musik einer mexikanischen Feria. Die Sprünge werden noch höher, die Drehungen wilder, die Komik ausgelassener. Sie tragen dazu maskenartige Mützen. Nach dem kräftezehrenden Ausbruch liegen die Jungs flach und japsen nach Luft. Im verblüffend beruhigten dritten Teil der Choreografie, der ein wenig aufgesetzt wirkt, führen sie ihre soziale Verbundenheit vor. Shumpei Nemoto präsentierte ein Männerduo von geometrischer Abstraktheit, Reduktion und Kühle, die asiatisch anmutet. Ein parallel zur Rampe verlaufendes Lichtband biegt im linken Raumdrittel schräg in den Bühnenhintergrund ab. Darauf bewegen sich zwei Tänzer in exakt den gleichen Figuren. Durch die Verschiebung ihrer Bewegungslinien werden die Figuren asymmetrisch gebrochen, punktuell zusammengeführt und wieder getrennt. Aufwühlend, verstörend, suggestiv ist eine Begegnung von Mann zu Mann, die ihr Schöpfer Michael Getman „Face to Face“ nennt. Gesten militärischer Gewalt und der Demütigung gehen so nahtlos ineinander über, dass sie austauschbar erscheinen. Die Gesten sind quälend realistisch und zugleich ästhetisch sublimiert. Die beiden Tänzer sind abwechselnd Täter und Opfer, dass sie wie eine Person in zwei Körpern wirken. Es ist eine mutige Choreografie von mitreißender Innovationskraft.