Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Ein Stil, der überzeugt: Klaviermatinee mit Anna Geniushene im BASF-Feierabendhaus

Wandelbar: Anna Geniushene am Piano.
Wandelbar: Anna Geniushene am Piano.

Sollte man den Eindruck von Anna Geníushenes Sonntagsmatinee im Gesellschaftshaus der BASF stichwortartig zusammenfassen, wäre das: Solides Handwerk, musikalische Reife, Wissen über und genaue Vorstellung von dem, was eine Komposition vom Spieler verlangt, dazu eine gern und unerschrocken ausgespielte Virtuosität, kurzum alles Eigenschaften, die eine solide Karriere garantieren.

Anna Geniushene ist bei internationalen Klavierwettbewerben (Leeds, Tschaikowsky Moskau, Busoni Bozen) immer ziemlich weit gekommen. Am erfolgreichsten war für sie der zweite Preis 2022 beim Van Cliburn-Wettbewerb in Fort Worth, Texas. Da war sie mit 31 die älteste Teilnehmerin, Sieger war der Jüngste, ein 18-Jähriger aus Südkorea. Klingt seltsam, zeigt aber nur, wie weit die Maßstäbe von Jurys manchmal auseinandergehen.

Siegertreppchen hin oder her, Musiker bewähren sich im Konzert, und da hatte die aus einer Musikerfamilie stammende Moskauerin, die heute mit ihrem Mann, dem litauisch-russischen Pianisten (und Duopartner) Lukas Geniusas und zwei Söhnen in Litauen lebt, einiges zu bieten. Eine Fünferfolge von Opus 1-Stücken erwies sich zwar als nicht gerade süffig, aber als originelle Methode, unterschiedliche Temperamente an ihren Anfängen vorzuführen: Eine zweisätzige Sonate von Muzio Clementi erklang als verständig aufgedröselte Spieldosenmusik, zwei Stücke von Tschaikowsky – Impromptu und Scherzo à la russe – bekamen den erforderlichen Tastendonner, der vermutlich seinerzeit die St. Petersburger Salons zum Brodeln brachte.

Dann wieder ein paar Gänge zurück und ein mit spinnwebzarter Delikatesse auf die Tasten gesetztes Wiegenlied von Mieczyslaw Weinberg, dieses gefolgt von einem Rondo des jungen Chopin. Das hatte Stil, das überzeugte. Einzig bei Robert Schumanns Abegg-Variationen war Genuishenes Spiel überraschend einseitig-virtuos, was den rappelköpfigen Romantiker dann doch um etliches verfehlte.

Bei Prokofjew mehr „zu Hause“

Die Ahnung, dass Anna Geniushene bei Prokofjew besser zuhause sein könnte, bestätigte sich im zweiten Teil mit dessen fünfter Klaviersonate in C-Dur von 1953 und der vierten in C-Moll von 1917. Letztere geht auf ältere Skizzen zurück und ist der Überlieferung nach ein Epitaph für den Freund Maximilian Schmidthof, der 1913 Selbstmord begangen hatte. Dafür sprechen die untypisch verschatteten ersten beiden Sätze, während im Allegro-Finale wieder die für Prokofjews Klavierstil essenziellen Stahlfinger gefordert sind. Dazwischen vier wie aus der Zeit gefallene Stücke aus der Feder des bedeutendsten ukrainischen Komponisten Valentin Silvestrov. Sie entstanden in diesem Jahr im Berliner Exil, wohin der 86-Jährige im März 2022 mit Tochter, Enkelin und einem einzigen Koffer mit Schriften und den neuesten Kompositionen geflohen war.

Als einen „ins Heute geworfenen Romantiker“ und „Meister der Stille“ kennt ihn (wenn überhaupt) die Musikwelt. Es sind ganz leise, nach innen horchende Reflexionen, die man auch Lieder ohne Worte nennen könnte und die beim ersten Hören melancholisch, fast depressiv, aber auch gelassen und unendlich zart resigniert wirken: Schwer einzuschätzen, aber still zu uns redende Trauermusik allemal. Nun ist es grotesk zu lesen, dass gerade im Exil die Karriere dieses Hochbetagten international in Schwung kommt. Auf einmal wollen von den Berliner Philharmonikern über die Rundfunkanstalten bis zur New Yorker Met und den Konzertveranstaltern alle Valentin Silvestrov haben. Schön, dass Anna Geniushene an diesen hierzulande fast vergessenen Komponisten erinnert hat.

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