Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Ein Parka für den Schamanen: Wie der neue REM-Jugendclub eine Ausstellung mit kuratiert

Club-Leiterin Kirstin Mues sichtet die Materialien mit den Jugendlichen.
Club-Leiterin Kirstin Mues sichtet die Materialien mit den Jugendlichen.

Im neuen REM-Club können sich Jugendliche ab 14 Jahren Wissen zum Innenleben der Reiss-Engelhorn-Museen aneignen. Dafür tauchen Sie in Alltag und Rituale in Sibirien ein.

Jonathan Puhl (14) und Ilay Traser (15) schauen sich Objekte an: Trommeln, die dem Ritual der Trance dienen. Schmuck, Jagdwerkzeug, kleine Figürchen, aber auch einen Mantel, der aus Fischhaut besteht. Denn für die Ausstellung „Schamanen Sibiriens“ erstellen die Teenager drei Charaktere, die sichtbarer und fester Bestandteil der am 20. September beginnenden Schau sein werden. „Das macht Spaß, so einen Einblick in eine andere Welt zu bekommen“, sagt Ilay. „Es ist cool, dadurch ein Museum mal ganz anders zu erleben“, stimmt Jonathan mit ein. Bei einem Besuch der Saurier-Ausstellung entdeckten ihre Mütter den Flyer für den Jugendclub und meldeten ihre Jungs an. Die sind nun froh über ihr neues Hobby.

Das Leben in Jurten am Polarkreis

Jeden Monat gibt es einen anderen Input: Provenienzforscher Jamie Dau erzählte ihnen über die Herkunft musealer Objekte und den verantwortungsvollen Umgang mit ihnen. Auch mit Kuratoren kamen sie ins Gespräch. Nun dürfen die Club-Kids selbst gestalten, kreativ sein, sich aber zunächst auch viel ethnologisches Wissen aneignen. Durch Texte, Fotos von Objekten, Zeichnungen und einem Film über die Landschaft und Lebenswelt der Nganasanen, nördlich des Polarkreises in Sibirien.

Man sieht Rentiere, Jurten und die rituellen Praktiken eines Schamanen. Mit Feuer, Gesängen, rhythmischen Trommelschlägen und einem mit Fransen versehenen Helm sucht er Kontakt zu Geistern oder Ahnen. „Um mit ihnen zu sprechen, oder auch zu kämpfen, um Krankheiten zu heilen oder den Fischbestand zu erweitern“, erklärt Gesa Wieczorek vom Projektteam der Sibirien-Ausstellung.

Wie man Schamane wird

Aber es ist kein Beruf, Schamane zu sein, sondern eine Berufung. „Sie sind auch Jäger oder Fischerin, oft geht der Initiation eine Krankheit voraus.“ Ein Fieber, ein Delirium oder was man im Westen eine Psychose nennen würde. „Das Gefühl, Kontakt zu einer anderen Welt zu haben. Doch sie müssen gesunden, diese Fähigkeit bewusst und kontrolliert einsetzen können. Das ist anstrengend, belastend, eine Verantwortung“, so Wieczorek.

In drei Gruppen wird die Clique eingeteilt. Denn auch sie werden sich nun näher mit dem Leben und den Ritualen der Nanai, Korjaken und Tschuktschen befassen. „Wir wollen für Kulturen sensibilisieren“, sagt Club-Leiterin Kristin Mues. Es gibt nicht das eine Volk in Sibirien, sondern ganz viele indigene Gruppen. Und somit auch unterschiedliche Praktiken im Schamanismus.

Wer könnte das sein?

Drei Personas sollen die Jugendlichen entwickeln. Alter, Geschlecht und die Biografie dürfen sie sich selbst überlegen. Geeignete Stellen in den Sachtexten werden unterstrichen, ein Steckbrief ausgefüllt, in die Gruppenarbeit eingetaucht. Bei Pizza, Trauben und Gummibärchen. Ein wenig wie bei Pen & Paper. Nur mit mehr Wissenschaft statt Fantasy.

Ilay und Jonathan im Team der Korjaken überlegen, wie ihre Person zum Schamanen werden könnte, was sie im Alltag macht und welches Alter sie hat: 35 tragen sie ein. Robin Pohl (15) befasst sich in seiner Dreier-Gruppe mit den Nanai. Seine Freizeit im Museum zu verbringen, ist für ihn nicht neu. Wie viele der Club-Mitglieder war er zuvor bei den Reiss-Nägeln, ein Club für Kinder ab acht Jahren. „Da haben wir etwas beigebracht bekommen, jetzt bringen wir bei“, sagt er.

Ein Extra für Teenager

Denn genau darum geht es. „Bei den Reiss-Nägeln wurde die Altersspanne irgendwann zu groß, wir wollten für Jugendliche ab 14 Jahren eine Club, um sie komplexer und auch autarker arbeiten zu lassen, sodass sie mehr partizipieren statt konsumieren“, sagt Mues. Doch nicht nur das Alter, auch die Uhrzeit musste man aufgrund der Schule anpassen, mehr in den späten Nachmittag gehen.

Der Workflow jedenfalls stimmt. Bei manchen Fragen wissen selbst die Experten aus dem Stand nicht weiter. Cedric (16) und Sophia (17) haben ein Bild von einem Darmparka entdeckt. Ob der Mantel aus Rentier oder einem anderen Tier besteht, kann auch Gesa Wieczorek nicht mit Gewissheit sagen. Klar ist aber, der wasserabweisende Anorak (besser als Gore-Tex) wird das Kleidungsstück der Persona sein. Ob es dabei bleibt, wird man in der Ausstellung in den Stiftungsmuseen im Quadrat C4 ab 20. September dann sehen.

Kontakt

Der Club ist für Jugendliche von 14 bis 17 Jahren. Es gibt sechs Treffen pro Jahr, man macht Workshops, Exkursionen und lernt Kuratoren kennen. Kontakt: https://www.rem-mannheim.de/rem-jugendclub

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