Frankenthal RHEINPFALZ Plus Artikel Ein Oster-Essay: Glocken-Geschichten

Zwischen Historie und Fiktion: Thomas G. Metzler liest aus seinem Buch „Schiller in der Glockengasse“.
Zwischen Historie und Fiktion: Thomas G. Metzler liest aus seinem Buch »Schiller in der Glockengasse«.

Es gibt Städte, die erkennt man am Klang. Nicht am Lärm, sondern am Ton. Frankenthal ist so eine Stadt.

Wer hier von Glocken spricht, spricht nicht nur von Kirchtürmen, sondern von Identität, Handwerk, Geschichte. Und von jener besonderen Mischung aus Bodenständigkeit und Größe, die man sich nicht aneignen kann. Die muss man gießen.

Aktuell lässt sich dieses klingende Erbe im Erkenbert-Museum besichtigen. Die Ausstellung „Glockenguss in Frankenthal“ zeigt: Glocken entstehen nicht beiläufig. Sie verlangen Geduld, Wissen, Mut – und ein Gefühl für den Moment, in dem flüssiges Metall zur Stimme wird. Modelle, Zeichnungen, historische Zeugnisse erzählen von einer Stadt, die einst zu den wichtigsten Glockengießerorten Europas zählte.

Etwas Größenwahn

Im Zentrum dieser Geschichte steht ein Koloss: die Kaiserglocke für den Kölner Dom. Gegossen 1874 von Andreas Hamm, war sie drei Meter hoch und wog 27 Tonnen – eine technische Grenzerfahrung, ein nationales Symbol, ein bisschen Größenwahn in Bronze. Das Material stammte teilweise aus Kanonen des Deutsch-Französischen Kriegs. Aus Waffen wurde Klang. Aus Krieg Metallurgie mit Sendungsbewusstsein. Aus dem Frankenthaler Gießereiwesen sollte sich später die Frankenthaler Industrie entwickeln.

Glockengeläut: Museumsleiterin Maria Lucia Weigel und Restaurator Bernd Mohr legen Hand an.
Glockengeläut: Museumsleiterin Maria Lucia Weigel und Restaurator Bernd Mohr legen Hand an.

Der Guss erfolgte – wie es die Tradition verlangte – freitags um 15 Uhr. Nicht aus praktischen Gründen, sondern aus symbolischen. Es ist die Stunde der Kreuzigung Christi. Der Moment, in dem Endlichkeit und Hoffnung zusammentreffen. Glocken wurden nicht einfach hergestellt, sie wurden in einen religiösen Zusammenhang hineingegossen. Der Ton sollte nicht nur tragen, sondern erinnern.

Als die Kaiserglocke vollendet war, feierte Frankenthal 1875 ein Fest. Kein stilles Abholen, sondern ein Ereignis für die ganze Stadt. Man zeigte die Glocke öffentlich, bestaunte sie, umrundete sie wie ein Monument. Dann wurde sie zum Kanalhafen gebracht und verschifft – ein Abschied mit Stolz und Wehmut. Dass sie später riss und schließlich eingeschmolzen wurde, gehört zur Ironie der Geschichte. Doch ihr Nachhall blieb.

Akustisches Erinnern – „Stadtgeläut“

Bis heute. Etwa im „Stadtgeläut“ am Samstag, 11. April, zum 151. Jahrestag des Kaiserglockenfestes. Das Geläut der hierzulande 90.000 Kirchenglocken zählt seit 2025 zum immateriellen Weltkulturerbe der Unesco. Es beginnt um 14 Uhr vor der Kirche Sankt Ludwig in der Wormser Straße. Nach der Vorstellung und dem Läuten der dortigen Glocken geht es gemeinsam in die Erkenbertruine. Dort kann man – ein seltener Zusammenklang – die Glocken der Dreifaltigkeitskirche und der Zwölf-Apostel-Kirche mit ihrem Carillon aus 25 Klangkörpern gemeinsam erleben.

„Tonkriegsglocke“: Miniaturobjekt von Eva Lippert (Jahrgangsstufe 11). Panzer (links) und Glocke bringen die blaue Pfütze zum Sc
»Tonkriegsglocke«: Miniaturobjekt von Eva Lippert (Jahrgangsstufe 11). Panzer (links) und Glocke bringen die blaue Pfütze zum Schwingen.

Das Glocken-Thema ins Heute geholt haben Schülerinnen und Schüler der Frankenthaler Gymnasien: Die Arbeiten des Leistungskurses Kunst setzen sich mit Glocken und ihrem Klang nicht museal, sondern zeitgenössisch auseinander: als Skulptur, als Klangkörper, als Symbol. Glocken werden hier nicht verklärt, sondern befragt.

Struktur im Alltag

Diese Fragen reichen weit zurück. Glocken strukturieren seit Jahrhunderten den Alltag: sie rufen zum Gebet, markieren Zeit, markieren Feste und Katastrophen. In der christlichen Symbolik sind sie die Stimme zwischen Himmel und Erde. Sie vertreiben das Böse, segnen den Raum, ordnen die Zeit. Und doch haben sie längst auch einen säkularen Widerhall.

In der urbanen Gegenwart etwa, wo Klangschalen, Gongs und meditative Soundräume Konjunktur haben. Spiritualität sucht sich neue Formen, neue Frequenzen. Der Mensch hört wieder genau hin. Vielleicht weil der Alltag so laut geworden ist, dass nur der bewusste Klang noch durchdringt. Und man erlebt die heilende Wirkung von Sound und Frequenzen bis ins Innere der Körperzellen.

Experimentell und spannend: Glockenguss mit Flüssigwachs. „Das funktioniert wie bei den Schokohasen, sagt Restaurator“ Bernd Moh
Experimentell und spannend: Glockenguss mit Flüssigwachs. »Das funktioniert wie bei den Schokohasen, sagt Restaurator« Bernd Mohr.

Auch die Natur mischt mit. Die Osterglocke – botanisch Narcissus pseudonarcissus – läutet nicht aus Bronze, sondern aus Gelb. „Frühling lässt sein gelbes Band / wieder wachsen aus der Erde / Frankenthal im Blütenglück / dass zu Ostern Freude werde …“ könnte man dichten, frei nach Mörike. Doch ihr Name ist kein Zufall. Die Osterglocke kündet vom Neubeginn, vom Licht nach dem Winter. Eine stille Glocke im Beet, an den Ausfallstraßen , deren Symbolik sich ganz ohne Turm entfaltet.

Und dann ist da noch die Literatur. Friedrich Schillers Gedicht „Das Lied von der Glocke“ entstand 1799 – als große Parabel auf das menschliche Leben, von der Form im Lehm bis zur fertigen Gestalt.

Literarischer Seitenblick

„Fest gemauert in der Erden / steht die Form, aus Lehm gebrannt“. Schiller beschreibt nicht nur den Guss, sondern die Gemeinschaft, die daran beteiligt ist. Ordnung, Maß, Verantwortung – alles schwingt mit. Die Glocke als moralischer Resonanzkörper.

Ergänzt die Ausstellung „Glockenguss“ in Frankenthal: Arbeiten des Leistungskurses Kunst der Gymnasien. Hier: Glockenblume, flau
Ergänzt die Ausstellung »Glockenguss« in Frankenthal: Arbeiten des Leistungskurses Kunst der Gymnasien. Hier: Glockenblume, flauschig und hörbar – eine Gemeinschaftsarbeit von Fiona Enns Ronja Erban (Klassenstufe 11).

Einen literarischen Seitenblick wagt „Schiller in der Glockengasse“ von Thomas G. Metzler. Das Buch firmiert als „Ein Frankenthaler Krimi, anno 1782“ und ist weniger Biografie als fiktionale Annäherung an den Dichterfürsten. Auf der Flucht und auf der Suche. Nach Inspiration, die ihn vielleicht von Oggersheim nach Frankenthal geführt haben mag. Schiller zwischen Fiesko und Fiasko, zwischen Reimschmiede und Glockenguss. Als lausche er selbst dem Klang, der durch die Gassen zieht.

So fügt sich alles zusammen: Ausstellung, Geschichte, Literatur, Botanik, Spiritualität. Glocken sind keine Relikte. Sie sind gespeicherte Zeit. Und Frankenthal ist eine Stadt, die weiß, wie man Zeit gießt – und wie man ihr zuhört, wenn sie klingt.

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