Ludwigshafen Ein Nordlicht in der Pfalz
Hans-Carsten Hansen hat zwar mehr als die Hälfte seines bisherigen Lebens in der Pfalz verbracht, 32 von 62 Lebensjahren. Wenn er über sich selbst spricht, fällt ihm aber als Erstes eine norddeutsche Eigenschaft ein: „Sturmfestigkeit“ habe ihm für seine Karriere am meisten genützt. Er selbst kommt zwar nicht gerade von der See, sondern ist geboren in der nördlich von Wolfsburg gelegenen Kleinstadt Wittingen und in einem Dorf in der Nähe aufgewachsen. Aber die Familie seines Vaters komme von der nordfriesischen Halbinsel Nordstrand. Von dort habe er mitbekommen, „sich nicht umhauen zu lassen“. Das hat er nicht. Nicht in den zehn Jahren von 2003 bis 2013, in denen er als Personalchef für die BASF-Mitarbeiter überall auf der Welt zuständig war. Und nicht in den zehn Verhandlungsrunden, in denen er für die Arbeitgeberseite die Tarifverhandlungen der Chemischen Industrie führte. In den letzten beiden Jahren bei der BASF hat er sich auf diese Aufgabe konzentriert. „Das war jedes Mal eine neue Herausforderung, Routine kam nie auf“, sagt er. „Es war immer mit einem hohen Adrenalinausstoß verbunden.“ Als Hansen 2003 BASF-Personalchef wurde, war die Zeit der Konsolidierung mit massivem Stellenabbau seit 1990 schon so gut wie geschafft. In der Zeit, in der er die Verantwortung hatte, ist die Zahl der Beschäftigten in der BASF-Gruppe von 87.159 im Jahr 2003 auf 113.292 im Jahr 2013 gestiegen. In Ludwigshafen sei sie mehr oder weniger konstant geblieben. Schon früh habe der Konzern die demografische Veränderung vorhergesehen und in den Nachwuchs investiert – auch in Programme für Jugendliche, bei denen es in der Schule nicht so gut lief. „Wir haben dabei nicht nur an unser eigenes Unternehmen gedacht, sondern zum Beispiel auch an Zulieferer, die Nachwuchs brauchen“, sagt Hansen. Überhaupt habe die BASF in den vergangenen Jahren sehr viel für die Region getan. Dank verschiedener Personalprogramme, dank der Investitionen am Standort, etwa in die milliardenschwere TDI-Anlage, und einer attraktiven Vergütung mit Erfolgsbeteiligung und Aktienpaketen sei die Stimmung in der Belegschaft sehr gut, sagt Hansen. Er selbst habe gleich gespürt, dass er in der BASF lange würde bleiben können und nicht zwingend würde wechseln müssen: „Innerhalb eines so großen Unternehmens gibt es genug Möglichkeiten, sich zu entwickeln.“ Direkt nach dem in Berlin und Göttingen absolvierten Jura-Studium war Hansen 1983 als Arbeitsrechtler in den Konzern eingetreten. „Wegen der Leute“, sagt er, „weil meine norddeutsche Herkunft nicht auffällig war.“ Da sein Vater ein Malergeschäft betrieb, habe er ein wenig Ahnung von Farben und Lacken gehabt, von Chemie an sich allerdings nicht wirklich – anders als Hansens 24-jähriger Sohn, der Chemiker wurde. Die Töchter, 26 und 28 Jahre alt, entschieden sich für kulturwissenschaftliche Studien. „Das Engelhorn-Hochhaus und die ,Tortenschachtel’ galten als Wahrzeichen der Stadt und der Hauptbahnhof als modernster Europas“, erinnert sich Hansen an die Zeit, in der er nach Ludwigshafen kam. Mit einer „gewissen Besorgnis“ sieht der Mundenheimer heute, was sich in der Innenstadt tut oder auch nicht. Zu den vom Vorstandsvorsitzenden Kurt Bock auf Eis gelegten Plänen für das neue Hochhaus möchte er sich nicht äußern. Er könne aber nachvollziehen, dass es da in Ludwigshafen eine gewisse Erwartungshaltung gebe. In Zukunft möchte sich Hansen seinen Ehrenämtern widmen: Er ist Mitglied des Ältestenrats im Bundesarbeitgeberverband Chemie, ehrenamtlicher Richter am Bundesarbeitsgericht in Erfurt, engagiert sich in der Heinrich-Pesch-Stiftung und freut sich, auch mal Dinge tun zu können, die Spaß machen: „Ausschlafen oder Schwedenkrimis lesen.“ In ausgesuchten Fällen arbeitet er als Rechtsanwalt in seinem Fachgebiet Arbeitsrecht. Auch Freundschaften, die in den Jahrzehnten bei der BASF gewachsen sind, möchte Hansen weiter pflegen. Eine Gelegenheit dazu gab es vergangene Woche, als sich rund 50 seiner engsten Kollegen im BASF-Weingut in Forst trafen, um ihn zu verabschieden. Jeder der Gäste bereicherte den Weinkeller des 62-Jährigen um einen guten Tropfen. In der Hinsicht hat sich das Nordlicht in der Pfalz übrigens ganz schnell zu Hause gefühlt: „Die Migration vom Biertrinker zum Weintrinker hat höchstens drei Jahre gedauert.“