Ludwigshafen Ein Leisten fürs Leben

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Dannstadt-Schauernheim. Wie wunderbar hätten sie sich hier eingefügt, meine camelfarbenen Schnürstiefeletten mit dem kleinen Blockabsatz. Ein bisschen wie ein Einkaufsbummel ist es schon, auch wenn die Modelle in den Regalen schon einige Jahrzehnte alt, nicht mehr ganz in Mode sind und auch nicht zu verkaufen sind. Da stehen runde, spitze, flache, hohe, breite, schmale, schwarze, braune, rote und sogar ein paar Hochzeitsschuhe. „Bitte nicht berühren“ steht auf den Schildern an den Schuhregalen. Schade. Bleibt nur das Betrachten. Vorerst. Denn für mich wird eine Ausnahme gemacht. Trotzdem halte ich mich zurück, fasse nicht jedes gute Stück an. Was sie wohl schon alles erlebt haben? Wie viele Kilometer mit ihnen gelaufen wurden? So mancher Schuh könnte bestimmt einiges erzählen. Die klobigen Wanderschuhe mit der klassischen Schnürung zum Beispiel. Oder die schicken Stiefeletten, die garantiert einmal zum Kleid bei besonderen Anlässen getragen wurden. Die Schuhe und Leisten, die sich im Regal stapeln, stammen größtenteils aus dem Besitz von Erwin und Thea Diehl aus Fußgönheim. Sie haben sie dem Kultur- und Heimatkreis (KHK) Dannstadter Höhe, der vor rund 20 Jahren die alte Schuhmacherwerkstatt im dritten Stock des Zentrums Alte Schule aufgebaut hat, leihweise überlassen. Das klassische Werkstatt-Inventar stammt von Otto und Emil Kälin. Die beiden Brüder hatten ihre Werkstätten in Dannstadt. Ihre Kinder haben dem Verein das Inventar gespendet. Nicht nur der Geruch nach Leder und Maschinen erinnert an damals. Unter den Dachfenstern hängen Bilder, die Otto und Emil Kälin bei der Arbeit zeigen. Eine Skizze von Ernst Oberbeck auf einem Schuhkartondeckel – wie passend! – zeigt Otto Kälin mit der großen Brille auf der Nase, auf einem Schemel sitzend und den Hammer in der Hand einen Schuh repariert. Ganz so unübersichtlich wie heute, wird es vor ein paar Jahrzehnten auf Otto Kälins alter Werkbank vermutlich nicht ausgesehen haben. Feilen, Zangen, und anderes Handwerkszeug liegt dort etwas ungeordnet umher. Aber wer zahllose Handgriffe machen muss, bis er einen Schuh fertig hat, der benötigt eben auch viel Werkzeug. 200 Arbeitsschritte braucht die industrielle Herstellung, lese ich auf einer der Tafeln. Ich will mir gar nicht ausmalen, wie viele es in Handarbeit sind. Interessant ist wahrlich der Übergang von manueller zu teils maschineller Arbeit, die die Werkstatt dokumentiert. Zum Beispiel mit Nähmaschinen, einer Ausputzmaschine und den beiden Sohlenpressen: eine mit Schraubstock, eine hydraulisch. Oder dem Glanzstück des kleinen Museums, der schweren Holznagelmaschine aus Gusseisen, für die der Verein das Fundament verstärken musste. Manfred Dimmler, Schatzmeister des KHK, holt einen kleinen Holzstift und einen Schuh. In zwei Reihen wurden die Stifte mit der Hand in die Sohle genagelt. „Holz dehnt sich bei Nässe aus, so blieb die Sohle dicht“, erklärt er. Welch eine Erleichterung muss da die elektrisch betriebene Maschine gewesen sein, in die der Schuh eingespannt wurde, die aus schmalen Holzstreifen Nägel stanzte und diese in die Sohle klopfte. „Aber es macht einen Höllenlärm“, sagt Dimmler und lacht. Peu à peu können die Herstellungsschritte eines Schuhs im Raum rekonstruiert werden, angefangen bei den hölzernen Leisten in allen Größen. Sobald der Fuß nicht mehr gewachsen ist, hielten sie ein Leben lang und dienten als Vorlage für jeden Schuh, der für den Träger hergestellt wurde. Eine schöne Vorstellung, so ein Paar Schuhe, die sich perfekt anschmiegen. Die Kälin-Brüder, erzählt Dimmler, haben sich vornehmlich um Reparaturen gekümmert. Davon zeugt auch noch das alte Auftragsbuch, das aufgeschlagen auf dem gläsernen Schaukasten liegt, in dem alte Dokumente aufbewahrt sind. „In der Regel wurde am Jahresende, also um Weihnachten oder Neujahr herum, kassiert“, sagt Dimmler. Er holt eine alte Mappe mit Schnittmustern hervor. Die stammt von seinem Vater, der wie die Kälins Schuhmacher war. Neben den klassischen Utensilien birgt der Raum auch einige Kuriositäten. Eine klobige Sandale zum Beispiel. „Schauen Sie mal“, sagt Dimmler, zieht an einem Hebel an der Außenseite des Schuhs. Klack, kommen vier Rollen zu Vorschein. Rollsandalen. Kluge Erfindung. Heute gibt es Kinderturnschuhe mit integrierten Rollen. Aber diese Sandalen sind schon lässiger. Die Liste der kleinen Schätze ist noch länger: Da ist der Pferdeschuh – nein, kein Hufeisen, sondern ein richtiger Schuh aus Leder in Hufform. „Den haben die Tiere vermutlich getragen, wenn sie Verletzungen hatten“, sagt Dimmler. Oder die Gamaschen, die Bauern sich über die Hosenbeine gezogen haben, um den Stoff nicht dreckig machen. Der alte orthopädische Schuh – vermutlich bei einem Klumpfuß zu tragen – hat schon bessere Zeiten gesehen. „Damals haben sich Schuhmacher auch darum gekümmert.“ Noch klobiger ist das Paar halbhohe Stiefel, das neben dem Regal steht. Unten Leder, oben Filz. Und irgendwie riesig. „Das sind wärmende Überschuhe für Wachleute beim Militär“, sagt Dimmler und schlüpft in den rechten Stiefel. „Das ist eine Rarität.“ Weniger ungewöhnlich sind die alten Fußballschuhe, die habe auch der Schuhmacher häufiger zu Gesicht bekommen. Schließlich mussten die Stollen regelmäßig erneuert werden. Die liegen in einer Blechdose in einem Regal. Genauso wie die alten sechseckigen Nägel, noch originalverpackte Pfennigabsätze und kleine Hufeisen. Moment. Kleine Hufeisen? Für Ponys? Nein, klärt mich Dimmler auf. Für Absätze, sagt er und holt einen Schuh mit Eisen hervor. „So halten die Absätze länger.“ Und klackern bestimmt schön, denke ich mir und grinse. So hatte der Mann auch seinen großen Auftritt. Schuhe, lerne ich, waren aber noch längst nicht alles, was Schuhmacher fertigten und reparierten. Ranzen, Taschen, Zaumzeug und Dichtungen gehörten dazu. An den Regalen hängen alte Ledertaschen für Schule und Alltag. Die stehen den heutigen Modellen in nichts nach und würden aufgearbeitet wieder zum schicken Accessoires werden. Ähnlich wie die Schuhe. Es kommt eben alles wieder. Obschon es wirklich verrückte Modelle gibt, wird der Schuh nicht neu erfunden.

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