Ludwigshafen
Ein Großmeister der historischen Aufführungspraxis: René Jacobs kommt zur BASF
Man sollte mit Superlativen ja immer etwas vorsichtig sein. Aber es kann gar keinen Zweifel daran geben, dass unsere Vorstellung von der Musik des Barock und der frühen Klassik ohne die Arbeit von René Jacobs eine ganz andere wäre. Konsequent und erfolgreich hat Jacobs fortgesetzt, was einst vom legendären Nikolaus Harnoncourt begonnen wurde.
Wobei sein Einsatz für die historische Aufführungspraxis, sein Rückgriff auf historische oder eben nachgebaute Originalinstrumente nie Selbstzweck oder gar Ideologie war. Wie Harnoncourt geht es Jacobs um die musikalische Rede, um eine historisch legitimierte musikalische Rhetorik. Wir verstehen einfach viel besser, was Komponisten wie Händel oder Mozart, aber eben auch Beethoven gemeint haben, wie sie es gesagt, also komponiert haben, wenn wir ein Dirigat von Jacobs hören. Weil er die Werke eben versucht, aus ihrer Zeit heraus zu verstehen – und nicht aus unserer heutigen Perspektive.
Zunächst Lehrer am Gymnasium
Geboren wurde René Jacobs 1946 in Gent. Dass aus ihm einmal einer der wichtigsten Dirigenten unserer Zeit werden sollte, stand am Anfang seiner Ausbildung keineswegs fest. Zwar nahm er schon während seines Studiums Gesangsunterricht, aber sein Hauptaugenmerk galt der Philologie. Bevor er sich ganz der Musik widmete, unterrichtete er an einem Gymnasium seiner Heimatstadt Latein und Griechisch. 1977 gründete er mit dem Concerto Vocale Gent sein eigenes Vokalensemble und arbeitete in dieser Zeit als Countertenor mit den wichtigsten Vertretern der historischen Aufführungspraxis zusammen, von Alan Curtis bis eben Nikolaus Harnoncourt.
Wohin Jacobs dieser Weg geführt hat, kann man sehr gut an einer Einspielung erkennen, die 2019 quasi als Vorgriff auf das Beethoven-Jahr 2020 erschienen ist, in dem wir den 250. Geburtstag des Komponisten gefeiert haben: Mit „Leonore“ hat Jacobs zusammen mit dem Freiburger Barockorchester, mit dem er schon zahlreiche bahnbrechende Aufnahmen gemacht hat, die Urfassung von Beethovens einziger Oper „Fidelio“ eingespielt.
„Leonore“ statt „Fidelio“
Man kennt die Legende vom gescheiterten Musikdramatiker Beethoven. Einer, der alles konnte, schien mit seiner einzigen Oper gnadenlos gescheitert zu sein, weshalb er auch die Urfassung aus dem Jahr 1815 zwei Mal umarbeitete, bis am Ende aus „Leonore“ „Fidelio“ geworden war. Ausgerechnet für diese vermeintlich misslungene erste Fassung hat sich Jacobs entschieden. Das Ergebnis ist ebenso verblüffend wie überzeugend: Diese „Leonore“ ist pralles und mitreißendes Musiktheater.
Schon die Ouvertüre entwickelte eine Sogwirkung, der man sich unmöglich entziehen kann. Und genau so geht es weiter: Das ist packend, scharf akzentuierend musiziert, und das alles in atemberaubenden Tempi. So schnell jedenfalls hat man Beethovens Oper noch nie gehört. Es ist eine rasante Fahrt bis hin zu jenem Finale, in dem sich alles zum Guten wendet und über das der große Ludwigshafener Philosoph Ernst Bloch einmal gesagt hat, er müsse an dieser Stelle der Oper immer weinen.
In Richtung Romantik
Jacobs hat sich also längst von der Alten Musik emanzipiert und ist bei der Klassik angelangt. Im Konzert im Feierabendhaus der BASF geht er sogar noch einen Schritt weiter in Richtung Romantik. Da wäre zum einem die Ouvertüre zur vielleicht deutschesten, sicherlich aber romantischsten aller Opern: Webers „Freischütz“, von dem Jacobs vergangenes Jahr eine fulminante Einspielung vorgelegt hat. Nach den Mozart-Arien folgt dann zum Abschluss des Konzerts ein absolut zentrales Werk der deutschen Romantik: Schuberts Sinfonie Nr. 9 in C-Dur, D 944, die den Beinamen „Die Große“ trägt und die Robert Schumann einst erst nach Schuberts Tod bei dessen Bruder entdeckt hat.
Termine
Mittwoch, 25., und Donnerstag, 26. Januar, jeweils 20 Uhr im Feierabendhaus der BASF in Ludwigshafen, Konzerte mit Christiane Karg, Sopran, B’Rock Orchestra, René Jacobs, Dirigent.