Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Ein besonderer Augenblick: Cayns Kunstwerk am Hauptbahnhof

„Menschen und Minderheiten ein Gesicht geben“: Das möchte „Cayn“ mit seinem Kunstwerk am Ludwigshafener Hauptbahnhof erreichen.
»Menschen und Minderheiten ein Gesicht geben«: Das möchte »Cayn« mit seinem Kunstwerk am Ludwigshafener Hauptbahnhof erreichen.

Street-Art am Bahnhof: Das einzige Kunstwerk des Ludwigshafener Wilhelm-Hack-Museums, das man derzeit anschauen kann, ist die Miró-Wand. Wer trotzdem durch eine Galerie mit schönen Bildern flanieren möchte, kann einen Abstecher zum Hauptbahnhof unternehmen: Mehr als 20 Künstler haben sich verewigt. Einer von ihnen ist ein Landsmann von Joan Miró.

Vom Wilhelm-Hack-Museum ist es nur ein kurzer Spaziergang durch den Nieselregen, mit dem sich der Januar derzeit verabschiedet. Doch die paar Minuten lohnen sich, denn hinter der Eingangshalle des Hauptbahnhofes lockt eine Unterführung, die das Tor zu einer farbenprächtigen Welt ist. Eine, in die täglich zahlreiche Fahrgäste eintauchen können. Es kommen aber auch immer mehr Besucher, die es ganz gezielt zu jener Graffiti-Galerie zieht, die hier noch vor dem Winterblues entstanden ist.

Sehnsuchtsort für Freunde von Straßenkunst

Eine junge Frau breitet vor einem der Murals, wie die großformatigen Gemälde im Vokabular der Graffiti-Szene heißen, ihre Arme aus und beginnt wie eine Ballerina auf einem Bein zu tanzen. Das Klicken von Fotos liegt in der Luft. Ein Zug rauscht über die Köpfe der Passanten hinweg. Gelächter schallt durch die lange Bilderflucht. Die Galerie ist dabei, zu einem Sehnsuchtsort für Freunde der modernen Straßenkunst zu werden. Das Mural mit der expressiven Augenpartie einer schwarzen Frau wurde von „Cayn“ aus Barcelona gemalt.

Der Künstler, der mit bürgerlichem Namen Borja Sanchez (38) heißt, hat zwei Tage daran gearbeitet. „Ich habe es komplett mit der Dose aufgetragen“, erzählt er vom Sommer in Ludwigshafen. Manuel Gerullis, der das von der Deutschen Bahn offiziell in Auftrag gegebene Projekt initiiert hat, habe ihn gefragt, ob er die Zeit dafür habe. „Ich habe zugesagt, weil ich die Idee sehr interessant fand“, sagt Sanchez, der dafür aus Berlin angereist ist, wo er im Augenblick lebt und arbeitet.

Malen und Reisen

Eigentlich bringe es sein Beruf mit sich, dass er sich nie besonders lange an einem Ort aufhalte. „Ich bin nicht so der Typ, der irgendwo Wurzeln schlägt“, beschreibt er seine Art von Routine. „Mein Leben besteht aus Malen und Reisen, weshalb ich in der Regel keine zwei Jahre an einem bestimmten Platz bleibe.“ Aber „so ein kleines Virus“ habe alles verändert. Deshalb sei er in Berlin hängengeblieben, was für einen Künstler wie ihn aber nicht der schlechteste Ort zu sein scheint. „Die meiste Zeit verbringe ich damit, dass ich im Studio an meinen Aufträgen arbeite, darunter viele digitale Illustrationen und Animationen.“ Damit verdiene er seinen Lebensunterhalt. Mit klassischem Graffiti sei das derzeit nicht so einfach.

Begonnen hat seine Liebesbeziehung mit der urbanen Kunst im Teenageralter, als er sich durch die Straßen seiner Heimatstadt Barcelona treiben ließ. „Barcelona war damals noch eine recht graffitifreundliche Stadt, und ich hatte das Glück, in einem sehr kreativen Umfeld aufzuwachsen“, spricht Sanchez über die ersten Kicks, die ihn zu „Cayn“ werden ließen. Die Metropole sei, wie im Übrigen das ganze Land, schon immer ein guter Spot für Künstler gewesen: „In Spanien gibt es eine Menge talentierte und kreative Leute.“

Fotorealistischer Charakter

Seine ersten Graffiti-Werke seien verschnörkelte Buchstaben gewesen, „Style“ genannt. Die Kenntnisse habe er sich autodidaktisch beigebracht, um später Illustration und die Schönen Künste in Spanien zu studieren. Mit der Zeit habe er sich immer mehr der bildhaften Malerei zugewandt. Heute sind fotorealistische „Charakters“ wie das Mural in Ludwigshafen sein Markenzeichen. Bahnhöfe, sagt „Cayn“, seien unglaublich dynamische Orte, durch die täglich Tausende Menschen strömten. „Ich dachte, es könnte interessant sein, so ein großes Gesicht zu malen, das ständig die Menschen im Blick hat, die daran vorbeigehen“, redet er über seine Liebe zur Illusion als künstlerisches Mittel. Bei seinem Mural sind es die Augen einer jungen Schwarzen, in die man als Betrachter fällt. Zufall?

„Es war ursprünglich nicht meine Absicht, ein politisches Statement zu hinterlassen, aber da wir nun einmal über einen öffentlichen Ort sprechen, kommt man nicht darum herum“, meint „Cayn“, der für ein anderes Projekt Obdachlose in Tokio porträtiert und die Bilder als Kapitalismuskritik ausgestellt hat. „Ich finde es wichtig, Menschen und Minderheiten ein Gesicht zu geben, die in einer Gesellschaft einen schweren Stand haben“, möchte er ein Bewusstsein für deren Lage schaffen. In Ludwigshafen dürfte ihm das gelungen sein.

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