Ludwigshafen Ein Backenzahn und andere Problemfälle

91-81301168.jpg

„Es ist gut, dass es so einen Platz gibt.“ Dem jungen Mann, dem dieser Stoßseufzer entfährt, geht es schlecht. Mit 26 ist er obdachlos, medikamentenabhängig, hat Magenschmerzen und spuckt Blut. Obendrein ist er nicht krankenversichert. Hilfe findet er bei den Street-Docs (englisch für Straßendoktoren) in der Dessauer Straße, Ecke Marienstraße im Hemshof. Mit der Ökumenischen Fördergemeinschaft als Träger behandeln Ärzte und Zahnärzte hier, in der Bayreuther Straße (West) und in der Kropsburgstraße (Mundenheim) ehrenamtlich Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben. „Morgen 7.30 Uhr nüchtern bei mir in der Praxis.“ Magen-Darm-Spezialist Peter Uebel leitet eine Praxis in Mundenheim. Der Mitinitiator der Street-Docs bietet dem jungen Mann, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, eine Magenspiegelung an, die er nicht abrechnen können wird. Wie zahlreiche andere Ärzte und Zahnärzte in Ludwigshafen und Umgebung hilft er ohne Bezahlung Menschen, die nicht krankenversichert sind. Andere trauen sich, obwohl versichert, nicht in eine normale Sprechstunde. Knapp die Hälfte der Patienten der Street-Docs gehören zu dieser Gruppe. Gleich im Anschluss an die Untersuchung des Medikamentenabhängigen durch Markus Hauck, Internist mit Praxis in Oggersheim, wird Dietmar Rudolf aktiv, einer von drei Sozialarbeitern, die abwechselnd in der Einrichtung tätig sind. Der Patient sieht gepflegt aus. Ein Freund begleitet ihn, bei dem er auch übernachten darf. „Unsere Hauptaufgabe ist, Menschen wieder ins System zu bringen. Wir bieten psychosoziale Versorgung, Krisenintervention, vermitteln Obdach. Oft geben wir den Menschen aber einfach nur etwas zu essen“, berichtet Rudolf. Gestartet sind die Street-Docs mit einer ärztlichen Grundversorgung im Oktober 2013. „Seit März letzten Jahres können wir hier auch zahnärztliche Behandlungen durchführen“, erzählt Walter Münzenberger, Geschäftsführer der Ökumenischen Fördergemeinschaft, von der Entwicklung des Hilfsprojekts in Ludwigshafen. „Am Anfang haben wir gedacht, wir könnten mit einem ausrangierten Krankenwagen die Brennpunkte abfahren“, ergänzt Uebel. „Dann hat uns die GAG mit großem Engagement einen ehemaligen Veranstaltungsraum zur Praxis umgebaut, zahlreiche Ärzte und Zahnärzte haben medizinische Ausrüstung, ein Röntgengerät, Liegen und Stühle gespendet, die wir mit einem Laster abgeholt haben. Den Zahnarztstuhl hat ein Techniker aus drei kaputten zusammengebaut.“ Auf dem Zahnarztstuhl muss jetzt Angel Marina Platz nehmen. Das neunjährige Mädchen hat Karies in einem Milchzahn. Hans Gärtner, Zahnarzt mit Praxis in Rheingönheim, versorgt das Loch, das eine Kollegin letzte Woche provisorisch verschlossen hatte, mit einer Füllung. Das dunkelhaarige Mädchen mit den leuchtend grünen Augen ist mit ihrer Großtante da. „Sie ist ein halbes Jahr in Ludwigshafen, spricht schon fließend Deutsch und ist gut in der Schule,“ erzählt Mihaela Dumitzu. Sie hat versucht, das Kind zu adoptieren. Angels Vater starb, als die Kleine vier Monate alt war. Ihre Mutter arbeitet in Österreich. Die Großeltern väterlicherseits wollten das Mädchen in Rumänien großziehen, waren damit aber überfordert. Mihaela Dumitzu nahm die Kleine in Deutschland bei sich auf. Die Adoption und auch die Versicherungsversorgung war im deutschen Behördendschungel nur schwierig zu bewerkstelligen. Dazu kommt, dass Angel auch Sehnsucht nach ihrer Mutter hat. Nächste Woche darf sie zur Mama nach Österreich. Eines von vielen schwierigen Schicksalen, mit denen die Street-Docs konfrontiert werden. Doch es gibt auch ganz praktische Probleme. „Wir brauchen dringend Zahnärzte, die uns ehrenamtlich helfen,“ appelliert Gärtner an die Kollegen. Während die Humanmediziner zumeist einmal im Quartal am Mittwochnachmittag in ihrer Freizeit helfen, müssen die Zahnärzte öfter ran. Auch Ina Schwind braucht Unterstützung. Die zweifache Mutter, die bei der BASF im Labor arbeitet, hat vor rund 30 Jahren Zahnarzthelferin gelernt. „Mittwochs fange ich bei der BASF früher an, damit ich nachmittags bei den Behandlungen assistieren kann.“ Wie viele Arzt- und Zahnarzthelferinnen arbeitet auch sie umsonst bei den Street-Docs. „Für die Zahnärzte brauchen wir eine weitere feste Kraft, gern auch auf 450-Euro-Basis“, wirbt Gärtner. Der Zahnarzt hat am Mittwoch viel zu tun. Mit einer gelben Decke und einem Rucksack mit dem Rest seiner Habe steht Pjotr aus Polen (Name von der Redaktion geändert) in der mit bunten Katzenbilder vom „Buero für angewandten Realismus“ freundlich gestalteten Praxis. Wie viele der Patienten, die hier Hilfe suchen, ist er männlich, obdachlos, stark alkoholabhängig und aus Osteuropa. In seine Decke gewickelt, hat er auf dem Berliner Platz geschlafen, bis ihn um drei Uhr morgens die Polizei geweckt hat. Jetzt hat er Magenschmerzen und einer der letzten verbliebenen Zähne des 46-Jährigen tut weh. Mit Schwinds Hilfe zieht ihm Gärtner den lockeren Backenzahn, packt ihn gut ein und gibt ihn Pjotr mit. Vielleicht wegen der Behandlung, vielleicht auch wegen des Alkoholpegels kann Pjotr nicht deutlich sprechen. „Wir leben davon, dass wir uns unterhalten können. Das ist hier schwierig“, konstatiert Gärtner. „Hier ist der Doktor“, stellt Uebel sich vor, nachdem er auf seinem Privathandy eine auf einem mittlerweile blutverschmierten Zettel notierte Nummer gewählt hat, den Pjotr vor ihn hält. Uebels Gesprächspartner kann seinen obdachlosen Landsmann leider nicht abholen. Pjotr, der nicht richtig sprechen und auch kaum geradeaus laufen kann, muss allein zu Fuß wieder auf die Straßen Ludwigshafens, auf denen er lebt. Eines kann er seinen Helfern zum Abschied aber doch noch sagen, während er auf das Holzkreuz zeigt, das er am Armband trägt: „Danke und Gott segne euch!“

x