Ludwigshafen Die verlassenen Kinder

Das Festival „Offene Welt“ schaut aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln auf das Thema Migration. Im Falle des Dokumentartheaters „Erdbeerwaisen“ geht es weniger um die Menschen, die ihr Land verlassen, als um diejenigen, die bleiben müssen, in diesem Fall die Kinder der Saisonarbeiter. Das Stück ist eine Kooperation des Staatstheaters Braunschweig mit dem Nationaltheater im rumänischen Craiova.
Man nennt sie „Erdbeeristen“. Damit sind nicht nur die Saisonarbeiter gemeint, die in Deutschland, Italien oder Spanien Erdbeeren ernten. „Erdbeeristen“ sind auch alle anderen, die als Erntehelfer, Altenpfleger, Kindermädchen oder Bauarbeiter irgendwo in Europa tätig sind. In Rumänien sind dies 3,4 Millionen, ein Fünftel aller Erwerbstätigen. Zurückbleiben ihre Kinder, geschätzte 400.000, die von Großeltern und größeren Geschwistern versorgt werden oder sich selbst überlassen bleiben. Ein deutsch-rumänisches Theaterprojekt ging der Frage nach, wie diese sogenannten EU-Waisen leben, wie sie sich fühlen, was sie über die Arbeit ihrer Eltern wissen, wie ihre eigenen Lebensperspektiven aussehen. Die „werkgruppe2“, ein in Niedersachsen heimisches Theaterkollektiv, wurde mit der Recherche beauftragt. Die Gruppe arbeitet dokumentarisch, führt Interviews mit Betroffenen und entwickelt daraus Theatertexte. Auch in Rumänien führte man Dutzende von Interviews mit Kindern, Großeltern, einer Mutter, die wieder nach Hause zurückgekehrt ist. Das war teilweise mühsam, das Vertrauen gerade jüngerer Kinder musste erst einmal geduldig gewonnen werden. Die Regisseurin Julia Roesler, die Dramaturgin Silke Merzhäuser und die Schauspielerin Gina Calinoiu haben die Gespräche geführt, teilweise mit Hilfe eines Übersetzers. Julia Roesler hat aus dem Textmaterial einen zweistündigen Theaterabend gemacht, in die Rollen der Kinder und Erwachsenen schlüpfen in schnellem Wechsel die beiden rumänischen Schauspielerinnen Gabriela Baciu und Gina Calinoiu sowie ihre deutschen Kollegen Sven Hönig und Oliver Simon. Die Inszenierung ist einfach gehalten, ein Pulli, ein Kopftuch oder ein bunter Rock genügen, um klarzumachen, wer da gerade spricht. Die bei den Interviews aufgezeichneten Äußerungen, wurden nicht verändert, man wird damit ganz direkt konfrontiert mit den Gefühlen und Gedanken dieser Menschen. Die Großeltern leiden unter der neuerlichen Verantwortung, schimpfen auf die EU-Mitgliedschaft Rumäniens und die verheerende Wirtschaftslage. Vor allem aber sind sie ratlos: „Was soll man machen?“ Bei den kleineren Kindern bestimmt der Trennungsschmerz die Gefühlswelt, was auch die Aussicht auf tolles Spielzeug und neue Kleider nicht wettmachen kann. Bei den älteren Jugendlichen stellt sich eine Orientierungslosigkeit ein, sie haben sich an die Abwesenheit der Eltern gewöhnt, aber auch Großelternliebe und Handys können diese Leerstelle nicht füllen. Manche sind früh erwachsen geworden, denken materialistisch, andere weisen Verhaltensstörungen auf oder sind der Bürde der Verantwortung für ihre jüngeren Geschwister nicht gewachsen. Später wollen sie Popsänger, Fußballer oder Psychologin werden, manche ins Ausland gehen wie ihre Eltern. Aber alle wollen ihre eigenen Kindern niemals alleinlassen. Die vier Schauspieler zeigen all dies sehr eindringlich, skizzieren aus dem Stand heraus die Figuren und ihre Gefühlslagen. Neben den Kleidungsstücken ist eine große Pappkiste ihr einziges Requisit. Die ist Schrank, Versteck, Sitzmöbel oder Sinnbild für den Seelenballast, den diese Menschen mit sich herumschleppen. Und Kim Efert, der den Abend mit Gitarre und vielen Sounds begleitet, benutzt die Kiste als dröhnenden Klangkörper.