Ludwigshafen Die Trainer-Ikone

Kai Wandschneider ist ein außergewöhnlicher Trainer, einer der auch mal unbequeme Dinge sagt. Er ist ein Mahner, der seinen Spor
Kai Wandschneider ist ein außergewöhnlicher Trainer, einer der auch mal unbequeme Dinge sagt. Er ist ein Mahner, der seinen Sport liebt.

«Ludwigshafen.» Mehmet Scholl, einst Fußballer des FC Bayern München, nannte sie „Laptop-Trainer“. Damit meinte er die junge Generation der Fußball-Coaches, die mehr auf wissenschaftliche Erkenntnisse hören denn auf ihr Bauchgefühl oder ihr Wissen. Auch im Handball wird gerne auf junge Trainer gesetzt. Der Hype ist aber nicht so ausgeprägt wie im Fußball. Kai Wandschneider beobachtet diese Entwicklung mit einem Schmunzeln. Der 59 Jahre alte Trainer der HSG Wetzlar, Gegner der Eulen Ludwigshafen heute, 20.30 Uhr, Friedrich-Ebert-Halle, ist so etwas wie die Trainer-Ikone in der Handball-Bundesliga. Der frühere Redakteur beim Kölner Stadtanzeiger wurde 2017 zum Handball-Trainer des Jahres gekürt. Wandschneider ist ein Querdenker, ein kritischer Geist, gebildet, eloquent, belesen. Er ist ein Mahner, der Missstände im Handball anprangert und dabei auch mal aneckt. „Ich bin am Ende meiner Trainerkarriere. Ich habe etwas zu sagen und sage es auch. Ich trage dann gerne die Konsequenzen, denn es ist für mich eine Auszeichnung, nicht zu bestimmten Kreisen zu gehören“, sagt Wandschneider. Nicht alle im Handball kommen mit dieser Mentalität klar. Unbequeme Meinungen, Aussagen, die nicht in die Linie gewisser Leute passen, werden eben nicht gerne gesehen. Umso bemerkenswerter ist es daher, dass Wandschneider 2017 zum zweiten Mal nach 2013 zum Handball-Trainer des Jahres gewählt wurde. Denn, die Trainer und Manager, die den Trainer des Jahres wählen, haben erkannt, welche großartige Arbeit Wandschneider in Wetzlar leistet. „Das ist der wichtigste Titel für einen Trainer“, sagt Wandschneider. Wandschneider ist seit März 2012 Trainer bei der HSG Wetzlar. Die Mittelhessen spielen seit 1998 ununterbrochen in der Bundesliga. Der Verein hat ein Alleinstellungsmerkmal, das einerseits Respekt, andererseits Mitleid hervorruft. Denn Wetzlar hat die meisten Juniorenspieler von allen Bundesligisten zu Nationalspielern entwickelt. Dafür bekommt die HSG große Anerkennung aus der Liga. Tobias Reichmann, Andreas Wolff, Steffen Fäth, Philipp Weber oder Jannik Kohlbacher sind einige Beispiele. „Wir haben alle diese Spieler verloren. Das geht in einem immer schnelleren Rhythmus. Ein Steffen Fäth war noch sechs Jahre bei uns, ein Benjamin Buric nur noch zwei Jahre und ein Philipp Weber nur ein Jahr. Das ist immer ein Wettlauf mit der Zeit“, sagt Wandschneider. Ein Wettlauf, den die HSG immer öfter verliert. Immer wieder muss er dann eine neue Mannschaft aufbauen. Das gelingt Wandschneider immer wieder, aber es wird immer schwerer. Die HSG gehört nämlich nicht zu den Teams mit einem Top-Etat. Vier Millionen Euro beträgt das Budget nach Vereinsangaben. „Das ist aber brutto“, relativiert Wandschneider: „netto steckt viel weniger in der Mannschaft. Wir müssen die Halle zahlen, haben keine Catering- und Zuschauereinnahmen. Zieht man alles ab, dann haben wir den drittniedrigsten Etat der Liga. Und er sinkt von Saison zu Saison. Nun ist auch noch unser Hauptsponsor ausgestiegen. Wir können den Etat nicht halten und bewegen uns in Richtung Eulen“, betont Wandschneider. Das große Manko sei, sagt der HSG-Trainer, dass Wetzlar nicht mit den Metropolregionen Stuttgart, Leipzig oder Nürnberg mithalten könne. Zudem hätten die guten Platzierungen und sportlichen Erfolge in den vergangenen Jahren die Wirklichkeit geschönt. Für Wetzlar geht es um den Ligaverbleib. Deshalb sei ein Sieg bei den Eulen Ludwigshafen heute Abend so enorm wichtig. „Die Stärke von Friesenheim und Benjamin Matschke ist es, dass sie Vergangenes abhaken können. Die werden kämpfen bis zum Umfallen und wir müssen auf alle möglichen taktischen Varianten gefasst sein. Benny lässt sich immer irgendwie was einfallen, um den Gegner innerhalb des Spiels vor neue Aufgaben zu stellen. Da musst du hellwach und konzentriert sein“, sagt Wandschneider, der seinen Vertrag in Wetzlar vor Kurzem bis 2021 verlängerte. „Ich bin froh, dass ich als eigenständig denkender Trainer Mitstreiter bei der HSG Wetzlar gefunden habe. Der Präsident, der Geschäftsführer lassen mir und meinem Co-Trainer Jasmin Camdzic Freiräume, gewisse Dinge zu entwickeln. Es ist nicht leicht, Bundesliga-Trainer zu werden und zu sein. Denn deine Herkunft entscheidet, ob du Bundesligatrainer wirst“, sagt Wandschneider, der den EHF-Masters-Coach absolviert hat und Vorträge vor Managern oder an Universitäten hält. Solche Querdenker wie Wandschneider gibt es nicht viele im Profi-Sport. Der frühere Nationalspieler Stefan Kretzschmar ist auch einer. „Ich mag Menschen wie Kai Wandschneider, die über den Tellerrand schauen. Er ist nicht nur in der Handballwelt unterwegs, nur ein geringer Teil in seinem Kopf beschäftigt sich ausschließlich mit unserer Sportart. Er lebt als Trainer von seiner Aura und Kraft“, sagt Kretzschmar. Wandschneider habe ein wahnsinnig großes Wissen, auch außerhalb des Handballs. Kai Wandschneider sei ein motivierender Tausendsassa, der das Selbstvertrauen seiner Spieler zu fördern weiß. „Seinen Jungs in Wetzlar gibt er das Gefühl, die besten Spieler der Welt zu sein. Er weiß genau, wie er jeden Spieler anpacken muss. Kai Wandschneider ist fair – egal, um wen es geht. Ein toller Typ, dem ich gerne zuhöre“, sagt Kretzschmar.

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