Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Die Sprache der Freiheit: Neues Ensemble feiert Internationalen Jazztag

Saxofonistin Alexandra Lehmler und Schlagzeuger Erwin Ditzner leiten das Jazzprojekt Green Dolphin Orchestra.
Saxofonistin Alexandra Lehmler und Schlagzeuger Erwin Ditzner leiten das Jazzprojekt Green Dolphin Orchestra.

Zwei bekannte Musiker aus der Region, ein neu zusammengestelltes Ensemble und ein Abend voller Überraschungen: So wird am 30. April der Internationale Jazztag der Unesco in der Alten Feuerwache in Mannheim gefeiert. Es gibt einen guten Grund, warum gerade der Jazz einen solchen Gedenktag braucht.

Sogar der Erdbeere wird im Mai erstmals ein eigener Jahrestag gewidmet. Jeden Tag ist irgendein Gedenk- oder Aktionstag; vieles davon ist leicht durchschaubares Marketing für irgendein saisonales Produkt wie eben Erdbeeren, anderes erinnert an denkwürdige Ereignisse der Vergangenheit oder Errungenschaften für die Gegenwart. Musikalisch sind solche Jahrestage bereits der Blockflöte, dem Rock’n’Roll und dem deutschen Schlager gewidmet. 2012 kam am 30. April der Jazz dazu, initiiert nicht von Gemüselobbyisten, sondern von der Unesco, der Bildungs- und Kulturorganisation der Vereinten Nationen. Schirmherr ist Jazzaltmeister Herbie Hancock. Weltweit gefeiert wird der Jazztag seither in mehr als 190 Ländern, aber braucht der Jazz solches Gedenk-Marketing überhaupt?

„Geballte Aktion“ weltweit und in Marokko

Fragen kann man da am besten Alexandra Lehmler, die ist nicht nur Saxofonistin, Komponistin, Bandleaderin und Programmkuratorin, sondern auch Jazzaktivistin in unterschiedlichen Verbänden und Gremien. „Ja klar, tut dem Jazz Aufmerksamkeit gut“, sagt sie, „und besonders eine solch geballte Aktion“. Sie meint damit die weltweit über tausend Konzerte, Workshops, Tutorials und anderen Veranstaltungen, die aktuell auf der Unesco-Internetseite zum International Jazz Day aufgelistet sind. Was im internationalen Sport schon lange nicht mehr geht, ist hier möglich: Kriege oder politische Konflikte führen hier nicht zu Boykott und Ausgrenzung. Musiker, Jazzenthusiasten und Veranstalter sind da in Israel und Iran genauso zu finden wie in Russland und der Ukraine. Die zentrale Veranstaltung findet diesmal im marokkanischen Tanger statt, mit dabei die chilenische Vokalistin Claudia Acuna, der aus Kamerun stammende Elektrobassist Richard Bona, der marokkanische Gnawa-Musiker Abdellah El Gourd, die Saxofonistin Lakecia Benjamin und Trompeter Ambrose Akinmusire aus den USA.

Und damit wären auch schon ein paar Gründe genannt, warum ein solcher weltweiter Jazztag über den sicher wichtigen Aufmerksamkeitsfaktor hinaus Sinn macht. „Jazz macht das Beste aus der Vielfalt der Welt“, hat es Unesco-Generalsekretärin Irinia Bokowa auf den Punkt gebracht. „Jazz ist die Sprache der Freiheit, bringt Menschen zusammen und überwindet Grenzen“, heißt es in der Begründung des Jazztages. All dies scheint angesichts der von vielen Krisen geprägten Weltlage immer bedeutsamer zu werden.

Geboren in der Corona-Zeit

Dass der internationale Jazztag auch in der Region gefeiert wird, geht auf die Verantwortlichen des Festivals Enjoy Jazz zurück. Die stießen die Sache an, als der Corona-Lockdown 2020 den Jazzmusikern jegliche Auftrittsmöglichkeit nahm. Alexandra Lehmler und der Ludwigshafener Schlagzeuger Erwin Ditzner waren von Anfang an dabei. Aus dem Mannheimer Jazzclub Ella & Louis wurde damals ein Streaming-Konzert veranstaltet, und weil das alle Beteiligten so gut fanden, setzte man die Zusammenarbeit am Jazz Day in wechselnden Besetzungen fort. Zum vierten Mal tritt das Green Dolphin Orchestra benannte Ensemble nun auf, diesmal in der Alten Feuerwache in Mannheim. Zur Besetzung gehören neben Lehmler und Ditzner die Trompeterin Heidi Bayer, Akkordeonspieler Fe Fritschi, Bassist Dietmar Fuhr, Pianist Apollonio Maiello und Eleanna Pitsikaki mit ihrem Kanun, einer arabischen Zither. Dazu kommt Pop-Avantgardist und Experimentalkünstler David Julian Kirchner, der Gitarrensounds und Texte beisteuert.

Geplant sind „unbekannte Wege“

Den Ablauf will man bewusst offenhalten, sagt Alexandra Lehmler. Sie bringt zwar eine eigene Komposition mit, diese soll aber der einzige festgelegte Part im Programmablauf bleiben. Es werde wechselnde Besetzungen geben, keine Standards, dafür viel spontane Improvisation, alles möglichst bunt. „Wir wollen unbekannte Wege gehen und uns gegenseitig überraschen“, kündigt die Mannheimer Saxofonistin an, „an diesem Abend kann alles passieren“.

Ein Abend im freien Austausch musikalischer Einfälle und Temperamente passt perfekt zur Idee des Jazztages. „Der Jazz hat Menschen aus ganz unterschiedlichen Gesellschaften und Kulturen zusammengebracht“, sagte Jazztag-Initiator Herbie Hancock in einem Interview, „Der Jazz kam dabei nicht als fremder Musikstil zu ihnen, sondern als Erweiterung der eigenen Musik.“ Auf diese nach Hancocks Ansicht unterbewertete Kulturleistung sollte der neue Gedenktag hinweisen, auf die völkerverbindende, humanitäre Kraft des Jazz.

Termin

Konzert mit dem Green Dolphin Orchestra, 30. April, 20 Uhr, Alte Feuerwache.

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