Ludwigshafen
Die Reportage aus Ludwigshafen: Beim Tätowierer
Wer schön sein will, muss leiden. Dieser Spruch gilt wohl nirgends so sehr wie beim Tätowierer. Warum Menschen jeden Alters ihren Körper für die Ewigkeit verzieren lassen und der Name des Partners keine gute Motiv-Idee ist. Ein Besuch im „Tattooplace“ im Stadtteil Süd.
Es sieht aus, als würde Stoyan Bashalov ein Bild malen. Mit langsamen, konzentrierten Bewegungen zieht er seinen „Pinsel“ über den Oberarm von Andreas Wessa. Es entstehen Linien, Flächen, Schattierungen. Doch die Tonspur zum Bild klingt ein bisschen nach Zahnarzt. Ein gleichmäßiges, monotones Surren liegt in der Luft, sobald Bashalov per Fuß die Tätowiermaschine in Gang setzt. So bewegen sich – je nach Aufsatz – mal eine, mal mehrere Nadeln gleichzeitig, die in die Haut stechen und dort Farbe einbringen. Stoyan malt nicht nur, er tätowiert.
„Viel Arbeit, viele Schmerzen“
Mit den Worten „viel Arbeit, viele Schmerzen, aber zum Schluss sieht es schön aus“, hatte er die Sache gleich zu Beginn auf den Punkt gebracht. Kunde Andreas Wessa bekommt heute ein sogenanntes Cover-up. Dabei wird ein bereits vorhandenes aber schon verblasstes Tattoo mit einem neuen Motiv übertätowiert. Eine Herausforderung, wie der 38-jährige Tätowierer erklärt. Denn das neue Bild muss das alte komplett überdecken – farblich wie auch flächenmäßig. Dabei ist der Vergleich mit der Malerei gar nicht so absurd. Tätowieren ist Kunst, wie Bashalov betont. Sein Motiv malt er in der Regel selbst, bringt es dann mit Stencilpapier – einer Art Pauspapier – als Vorlage auf die Haut auf. In diesem Fall füllt es den gesamten Oberarm. Dann kommen die Nadeln.
Die Farbe darf nicht irgendwie in die Haut gestochen werden. Der Tätowierer braucht das richtige Gespür dafür. Denn ist sie zu weit oben, bleibt sie zu blass. Zu tief würde es anfangen zu bluten, die Farbe würde ausgewaschen, die Heilung schwierig, erklärt Stoyan, den hier, im „Tattooplace“ in der Mundenheimer Straße alle beim Vornamen nennen.
Erste Tätowierung mit 23 Jahren
Immer wieder taucht er die Nadel in die Farbe, wirft einen konzentrierten Blick auf die Vorlage, die er auf einem Tisch vor sich stehen hat, zieht mit den Fingern der linken Hand die Haut des Kunden straff und schaltet die Maschine an. Auf der Außenseite seiner Hand: ein Vorrat an Vaseline, mit der er die tätowierte Stelle immer wieder einreibt, nachdem er zuvor mit einem Tuch die Farbreste weggewischt hat. Das Fett pflegt und hält die Haut feucht. Wenn Stoyan über das redet, was er tut, klingt er wirklich wie ein Maler. Er spricht vom „Spiel mit Kontrast und verschiedenen Farben“. Das Ergebnis sieht beeindruckend aus.
Tut’s weh? „Das ist abhängig von der Stelle, wo gestochen wird“, sagt Wessa diplomatisch. Auch sei es abhängig von der eigenen Tagesform. Aber, ja: Es tue weh. Es sei ein „Brennen, wie wenn man langsam ein Pflaster abzieht“, beschreibt der 49-Jährige. Seine erste Tätowierung hat er sich mit 23 Jahren stechen lassen. Seitdem wurde es immer mehr. „Wenn man erstmal anfängt“, sagt der Maxdorfer und lächelt. Seinen linken Arm ziert ein Drachen, die Brust unter anderem die Namen von Frau und Tochter.
Name des Partners? Besser nicht.
Auf den rechten Arm kommt nun ein asiatisches Motiv. Für so ein großes Bild braucht es mehrere Sitzungen. Die gestrige habe etwa sieben Stunden gedauert, heute soll das Motiv fertig werden. Eine zeitaufwendige Sache – und nicht günstig. Tätowierungen fangen bei 50 Euro an, sagt Astrid Simic, Chefin im „Tattooplace“. Nach oben gebe es quasi keine Grenze. Den Nadeln voraus geht ein erster Beratungstermin. „Manchmal haben Leute eine Vorstellung, die nicht umzusetzen ist“, sagt Simic. Vom Namen des Geliebten „raten wir sofort ab“, ergänzt sie mit Nachdruck. Schließlich ist eine Tätowierung etwas fürs ganze Leben. „Und kurz darauf ist dann mit der Beziehung Schluss.“
Entfernen lassen? Ja, das geht, sagt Simic, mit Laser. Das sei aber teuer, schmerzhaft und danach die Haut kaputt. Kunden im Piercing- und Tätowierstudio sind irgendwie alle: der Arzt, der Manager, die Mutter, der Handwerker. „Und von 18 bis 80“, berichtet Simic von einer 81-Jährigen, die sich nach dem Tod ihres Mannes gleich mehrere Tattoos stechen ließ. Er hatte es ihr zuvor verboten.
Hygiene ist höchstes Gebot
Bevor Stoyan oder Kollegin Lara die Maschine ansetzen, muss der Kunde Formulare ausfüllen und unterschreiben. Wer beispielsweise Blutverdünner nimmt, wird nicht tätowiert, sagt Stoyan, der seit sechs Jahren in dem Beruf arbeitet. Und auch er beachtet so einiges: Die Nadeln werden immer nur einmal verwendet und danach entsorgt. Er zeigt einen noch steril verschweißten Aufsatz. Auch arbeitet er immer mit Handschuhen. Hygiene ist höchstes Gebot.
Während es weiter surrt und sticht, erzählt Kunde Wessa noch, warum er sich das antut. „Das ist Schmuck, den mir keiner nehmen kann.“ Ein Ring könne verloren gehen, eine Kette reißen. Die Tätowierung bleibt. In zwei bis drei Wochen muss er wieder kommen. Dann kontrolliert Stoyan, ob das Tattoo gut verheilt ist. Und dann? „Kommt der Unterarm dran.“