Neue Serie: Natürlich Kunst!
Die Poesie der Bananenschale: Künstlerin Kathleen Knauer stellt aus Pflanzen Farben her
Omas Garten, wo die roten Geranien blühten, war ein Sinnbild für die Familie: Oma hat jede Pflanze gehegt, wusste, was sie brauchte und wer sich mit wem vertrug. Eine letzte Handvoll Geranienblüten hat sie ihrer Enkelin in die Hand gedrückt, bevor sie starb. Sie ahnte, dass Kathleen Knauer etwas damit anzufangen weiß. Die Künstlerin hat eine Geranientinte hergestellt und ihren Abschiedsschmerz auf einem Aquarellbild verarbeitet: Schattenumrisse in Birkenblättergelb und Walnussbraun, gewonnen aus dem hundertjährigen Baum, der den Garten überspannt. Und dazwischen ein giftiges Violett aus Efeubeeren, das den Krebs symbolisiert, mit dem die Großmutter kämpfte. Kathleen Knauer hatte Zeit, sich auf den drohenden Verlust einzustellen, und genau in diese Zeit fiel der große Umbruch, in dem sie radikal neue Wege ging, die zugleich tief in die Geschichte der Menschheit zurückführen.
Meisterin der „Plastikfarbe“
Die 43-Jährige hatte sich bis dahin einen Namen als „Meisterin des Acryls“ gemacht und ist Dozentin und Prorektorin an der Freien Akademie der Künste in Mannheim. Stimmungen und Nuancen des Lichts, die sie in Städten und Landschaften wahrnahm, vermochte sie in subtile großformatige Hintergründe einzuarbeiten und einen gestischen Farbschmiss darüber zu werfen. Sie schätzte das Fließende und schnelle Trocknen der „Plastikfarbe“ aus der Tube.
Dann wagte sie den Bruch. Ihren Erwerbsjob kündigte sie, um vom Lehren, Ausstellen und Verkaufen ihrer Kunst zu leben. Aus ihrem Atelier musste sie in dieser Zeit in ein anderes in der Schwetzinger Vorstadt umziehen – mit einer Küchenzeile, die sie in ein Farblabor verwandelt hat. In den Regalen drängeln sich Gläser voller Ocker, Erdstaub, Wüstensand und Pigmenten in allen Farben neben Muscheln und Schalen mit getrockneten Blüten: Mohn, Hibiskus, Kornblumen und Rosen.
Als Malerin hatte sie sich so viel mit der äußeren Farbwirkung beschäftigt; seit sie 2018 den Lehrauftrag für „Materialkunde und Maltechnik“ erhielt, wollte sie erfahren, woraus sie bestehen. Keiner konnte ihr mehr zeigen, wie man etwa eine klassische Leinwand-Grundierung mit Leim aus Hasenhaut und Champagnerkreide herstellt, das musste sie sich anlesen und experimentieren. „Ich bin tief eingetaucht und nie wieder aufgetaucht“, sagt Kathleen Knauer. Und sie lässt ihre Schüler Tinten aus Naturmaterialien herstellen, damit sie eine Ahnung davon bekommen, wie Künstler früher gearbeitet haben und welche Poesie sich darin verbirgt.
Die vier Urfarben
Einst malten Menschen mit wenigen Tönen: Schwarz aus verkohlten Kernen, Weiß aus Vogelkot, Gelb aus Ocker und Rot aus gebranntem Ocker. Die Entdeckung, dass etwa ein intensives Blau aus Färberwaid gewonnen werden kann, machte die Region, in der die Pflanze gedieh – Knauers Heimat Thüringen – so reich, dass sich Erfurt 1392 eine Universität leisten konnte.
Kühe produzieren Indischgelb
Mit der Seefahrt und dem Welthandel verlor Waid durch die Indigopflanze an Bedeutung, und es wurden neue Töne wie Indischgelb importiert: Indische Kühe wurden mit Mangoblättern gefüttert, sodass aus ihrem Urin ein sattes Gelb-Pigment extrahiert wurde, das der niederländische Meister Jan Vermeer verwendete. Ebenso wie er dem Rot in Gewändern und Hüten mehr Tiefe durch das Übermalen mit Lack aus der Krappwurzel verlieh.
Natürliche Farben waren kostbarer als Gold, dienten als Zeichen der Macht – wie das Purpur aus Schnecken – und ließen Städte an den Handelswegen erblühen. Bis 1834 entdeckt wurde, dass das Abfallprodukt Teer den Stoff Anilin enthält, woraus man alle möglichen Farben bauen konnte. Mit der Erfindung der Tube 1841 mussten sich Künstler nicht mehr mit der Vorbereitung ihrer Materialien herumplagen und konnten sich ganz auf ihr Werk konzentrieren. Die synthetischen Farben waren stabil und kontrollierbar.
Doch damit geht auch Lebendigkeit verloren. Wer mit Pflanzenfarben arbeitet, muss sich auf die Zyklen der Natur einstellen und vorausdenken, erklärt Kathleen Knauer: Im Sommer werden Blüten gesammelt, im Herbst Beeren, im Winter Äste und Wurzeln. Aus den Pflanzenteilen werden die Farbstoffe herausgepresst oder gekocht und in einem Stück Stoff aufgesaugt. Das wird getrocknet und erneut in Farbwasser getränkt, bis es gesättigt ist. Diese „Tüchleinfarben“ können aufbewahrt und der Farbsaft bei Bedarf wieder gelöst werden – wie das die Alten Meister machten.
„Das ist Entschleunigung“
Kathleen Knauer ist immer mit einem Rucksack unterwegs und pflückt Blüten und Blätter am Straßenrand oder im Waldpark am Rhein. „Schon beim Sammeln entstehen erste Ideen für die Kunst oder werden wieder verworfen.“ Beim Zerreiben, Pressen, Vermengen in der Atelierküche verbindet sich bereits das Machen mit dem Malen. „Das ist Entschleunigung, und das habe ich dringend gebraucht“, sagt Kathleen Knauer. Stets versuchte sie in ihren Werken ein Stück Leben einzufangen. Noch konkreter geht das nun mit den Pflanzenfarben, die tatsächlich eine Spur des Welt sind – ebenso unberechenbar und vergänglich.
Welt voller Überraschungen
„Das Leben ist pure Veränderung, und wir haben verlernt, das anzunehmen“, meint Kathleen Knauer. Dass sie aus Omas Geranien Tinte und Pigmente herstellt, ist der Versuch, die Vergänglichkeit in etwas Neues umzuwandeln. Für ihre Arbeit „Home“ tränkt sie Stoffe mit Tinten von Orten, an denen sie sich zu Hause fühlt: Färberkamille, Salbei und Flockenblume von den Thüringer Wiesen oder Bananenschalen vom Frühstückstisch in ihrer Lieblingsferienwohnung. Damit ist die Künstlerin allerdings auch in einen Zwiespalt geraten. Sie weiß noch nicht, wie sie die Welt der konservierenden Plastikfarben mit den verblassenden Pflanzenfarben verbinden kann. Und die fragilen Werke mit den zarten Farben, sind nicht so leicht verkaufbar. „Mach’ doch mal wieder einen Schmiss“, sagen Kollegen und Sammler. „Du malst gar nicht mehr, du kochst nur noch“, wunderte sich die Großmutter. Doch es gibt für sie kein Zurück mehr, nur noch ein Weiterexperimentieren. Inzwischen kann sie aus einem Garten eine ganze Farbpalette zum Aquarellieren herstellen, zur Erinnerung an Menschen und vergangene Zeiten.
Kathleen Knauer geht jetzt mit anderen Augen durch die Welt. Sie sieht Goldruten mit ihrem Zitronengelb, die sie vorher gar nicht kannte. Sie weiß, wann die Beeren der Mahonien reif sind, die unscheinbar in den Straßen wachsen. Sie lässt einen verdorrten Strauß stehen und beobachtet, wie sich Gerbera-Blüten in ballettrosa Schirmchen verwandeln. Eine Welt voller Überraschungen!
Kreativ-Tipp: Wie stellt man Pflanzenfarben her?
Eine zerquetschte Brombeere kann heftige Flecken hinterlassen. Blöd für das weiße T-Shirt, aber gut für kreative Leute. Um eine Presssafttinte herzustellen, sammelt man dunkle Beeren, etwa Holunder, Mahonie oder Kermesbeere. Die letzteren beiden sind giftig, daher bitte nicht in der Nähe von Essbarem verarbeiten und Handschuhe tragen. In einer Reibeschale drückt man die Beeren mit dem Stößel aus. „Immer wieder drücken und gleichzeitig dabei drehen“, betont Kathleen Knauer. Der Brei wird in Teefilter oder Käseleinen gegeben – je nachdem wie flüssig er ist. Den Saft kann man probeweise als Farbfeld auf ein Papier auftragen und gleich beschriften, was es ist. Wer wiederholt experimentieren möchte, kann sich in einem Aquarellskizzenbuch so die Ergebnisse und Herstellung dokumentieren.
Intensiver und stabiler wird der pure Farbstoff, wenn er „verlackt“ ist. Dazu löst man das Kaliumaluminiumsalz Alaun in heißem destilliertem Wasser und gibt einige Tropfen zum Saft, der seine Farbe etwas ändert.
Noch mehr Nuancen lassen sich herauskitzeln, indem man die Tinte auf Felder einer Palette gibt und jeweils andere Substanzen unterrührt: Natron, Soda, Zitronensäure, Vitamin C, Essigessenz oder Weinstein. Eine Kermesbeere kann sich so von Fuchsia in Bläulich, Violett oder sogar Grünlich verlagern. „Die Leute sind meist begeistert, wenn sie die Metamorphose beobachten. Das macht vor allem Kindern Spaß“, ist die Erfahrung der Dozentin.
Auch aus Blütenblättern, Rinden, Flechten und Wurzeln kann man Farbe gewinnen: Man kocht sie in Wasser aus und fügt Alaunlösung hinzu.
Kristalle auf dem Klecks
Künstlerischer wird das Experiment, wenn man eine große Farbfläche aufträgt und die Pulver auf einige Stellen rieseln lässt, wo sie mit dem Saft reagieren. Eine schöne Übung ist außerdem ein Schattenbild: Man legt ein Blatt unter einen Baum und umrandet mit der Tinte die Umrisse, die sich im Wind verlagern. Verwendet man unterschiedliche Pflanzen und Farbtöne, wird das Ergebnis komplexer. Und das Tolle ist, dass natürliche Farben oft harmonieren, da sie „unrein“ sind, also in sich bereits mehrere Farbanteile bergen.
Für die Pflanzenfarben gibt es keine sicheren Rezepte. „Man experimentiert und lässt sich überraschen. Und man darf nicht enttäuscht sein, wenn das Ergebnis anders ausfällt“, warnt Kathleen Knauer. Oft täuscht nämlich der Augenschein: Die leuchtenden Blüten des Sonnenhuts ergeben gar kein Gelb, dafür einen schönen Olivton. Ein strahlendes Gelb kann man wiederum mit einem Apfelzweig erzielen. Mit Materialien und Mengen zu hantieren, erinnert an ein Kochstudio. „Leute, die gut kochen, können meistens auch malen“, ist Kathleen Knauer überzeugt. „Denn sie sind es gewohnt, hier etwas hinzufügen und da ein bissel.“
Termin und LesezeichenEs gibt noch freie Plätze im Kurs „Herstellung und Verwendung von Farben und Tinten aus Naturmaterialien“, den Kathleen Knauer an der Marburger Sommerakademie von 5. bis 9. August unterrichtet. Kontakt www.marburg.de/sommerakademie.Kurse im eigenen Mannheimer Atelier unter www.malmalkunst.com, Farben der Natur Teil 1, Tintenherstellung Sa/So 5./6. Oktober und Farben der Natur Teil 2, Pigmentherstellung 16./17. November. Der nächste Workshop für Teenager ist am 8./9. September im Rahmen von WOW im Mannheimer Port25.
Die Serie
In der Verbindung zur Natur kann der Mensch eine schöpferische lebendige Kraft spüren, die künstlerisch inspiriert. In der Serie „Natürlich Kunst!“ sprechen wir mit einem Philosophen sowie Künstlern aus der Region, die wissen, warum der Rotkehlchengesang Kultur ist, wie man draußen gute Fotos macht und dass Kreativität in Wald und Wiesen heilend wirkt. jel