Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Die neuen Hochstraßenpläne: Kleiner Schwenk mit großer Wirkung

Verläuft direkt vorbei am 70 Meter hohen Rathausturm: die Hochstraße Nord.
Verläuft direkt vorbei am 70 Meter hohen Rathausturm: die Hochstraße Nord.

Neue Pläne für die Sanierung der Hochstraße Nord sollen Abläufe verbessern, Staus verhindern und die Bauzeit um zwei Jahre verkürzen. Oberbürgermeisterin Jutta Steinruck (SPD) hat sie am Donnerstag vorgestellt. Eine entscheidende Rolle spielt das Rathaus. Das letzte Wort hat der Stadtrat bei einer Sondersitzung am 21. September. Fragen und Antworten.

Wie sehen die neuen Pläne aus?
Jutta Steinruck sprach in einer Videokonferenz von einer „kleinen Verschwenkung mit großer Wirkung“. Ihr mit Fachingenieuren ausgearbeiteter Vorschlag: den Verlauf der geplanten ebenerdigen Stadtstraße im mittleren Abschnitt um eine Nuance nach Süden verschieben. Sie soll die 1,8 Kilometer lange und irreparabel beschädigte Hochstraße Nord (B 44) auf einer Länge von 860 Metern ersetzen. Das hat der Stadtrat 2014 beschlossen. Mit dieser Verschwenkung würden die Bauprojekte Nordabriss und Stadtstraße an diesem neuralgischen Punkt nicht miteinander kollidieren, könnten also unabhängig voneinander in Angriff genommen werden. Die Stadtstraße könnte parallel zu den Abrissvorbereitungen gebaut werden und der Verkehr bis zu ihrer weitgehenden Fertigstellung auf der Nordtrasse weiterfließen. Das würde den Verkehr „entkrampfen“, die Einschränkungen „halbieren“, die Bauzeit „um zwei Jahre verkürzen“ und „vermutlich auch Kosten sparen“, betonte Steinruck. Größere Behinderungen würde es dann lediglich bei der Anbindung der Stadtstraße an den Nordkopf der Kurt-Schumacher-Brücke geben.

Welche Rolle spielt das Rathaus?
Eine zentrale Rolle. Das 70 Meter hohe Gebäude ist ein Sanierungsfall. Auf dem Tisch liegen seit Monaten mehrere Sanierungsvarianten, die alle um die 300 Millionen Euro kosten. Mitte August traf sich Steinruck mit den Fraktionsvorsitzenden im Stadtrat zu einem informellen Gespräch, um auszuloten, zu welcher Option die Mehrheit tendiert. Ihr Fazit: Ein Abriss und ein leicht versetzter Neubau würden ganz klar favorisiert, berichtete Steinruck. Damit würde der benötigte Raum für eine Verschwenkung der Stadtstraße geschaffen. Die Hochstraße verläuft direkt am Rathaus-Center vorbei und ist mit dessen Parkhaus baulich verwoben. Die Stadt hat das Einkaufszentrum für mehr als 45 Millionen Euro gekauft, um Planungsfreiheit für das an der Stadtstraße geplante Quartier „City West“ zu haben. Wohnraum für 3450 Menschen und 4850 Arbeitsplätze sollen dort erstehen. Bei der Sondersitzung am 21. September soll der Stadtrat eine Grundsatzentscheidung zum Rathaus treffen. Fällt sie so aus, wie es sich abzeichnet, steht die Tür für eine neue Hochstraßenplanung offen. Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) und Landesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) seien über die Pläne informiert, so Steinruck. Mit Mainz soll „ein lösungsorientiertes Verfahren“ abgestimmt werden.

Ändert sich etwas an den Beschlüssen zur Hochstraße Nord?
Nein, sagt Steinruck. „Wir schauen aber im Verfahren genau hin und überlegen, wo wir Verbesserungen erzielen können. Wir pflegen einen intensiven Bürgerdialog und wissen daher, wo der Schuh drückt und was den Menschen wichtig ist.“ Durch vorsichtige Anpassungen könnten deutliche Fortschritte erzielt werden – immer in Abstimmung mit dem laufenden Planfeststellungsverfahren. „Wir hinterfragen unser Vorgehen immer wieder. Die Planungen für die Stadtstraße stammen aus den Jahren 2014 und 2015. Unsere Lebenswirklichkeit hat sich in den vergangenen Jahren und Monaten aber rapide verändert“, sagte sie. Unter der Überschrift „Rathaus 2050“ habe sich die Verwaltung die Frage gestellt, wie sie ihre Arbeit zeitgemäßer, ressourcenschonender und kundenorientierter organisieren könne. Und ergänzend dazu: Wie passt das zur vorliegenden Planung der Stadtstraße? „Vor diesem Hintergrund haben wir uns die Stadtstraße noch einmal angeschaut und Optimierungspotenziale identifiziert – auch mit den Erfahrungen zum Abriss der Pilzhochstraße im Kopf.“ Die Fraktionschefs habe sie bereits am Mittwochabend darüber informiert. Klar sei: Die Wirtschaft sowie Pendler hätten angesichts des Mammutprojekts ein großes Interesse an kurzen Bauzeiten und möglichst wenig Verkehrsbehinderungen. Die Menschen und Geschäftsinhaber in unmittelbarer Nähe der Hochstraße Nord sorgten sich ebenso wegen der Beeinträchtigungen. Falls die neue Planung einer Überprüfung standhalte, ließen sich für alle Betroffenen deutliche Verbesserungen erzielen.

Hat das Ganze Auswirkungen auf den Abriss der Pilzhochstraße?
Nein. Laut Steinruck kann die verschwenkte Stadtstraße, die eventuell nur noch sechs statt der geplanten acht Spuren bekommen wird, bis kurz vorm Nordbrückenkopf unabhängig von der Hochstraße Süd gebaut werden. Die Stadt könne also früher als 2026 mit deren Bau beginnen. Die seit 11. Juni laufenden Abrissarbeiten an der Pilzhochstraße, ein 500-Meter-Teilstück der Hochstraße Süd (B 37), sind zu etwa 70 Prozent abgeschlossen. Aktuell wird das sechste von zehn Bauwerken abgetragen. Anfang Oktober sollen die Arbeiten beendet sein. Der Ersatzneubau soll 2025/26 stehen. Erst danach soll der eigentliche Nordabriss starten – falls die Trasse so lange durchhält. Der Verkehr könnte dann über die neue Hochstraße Süd umgeleitet werden.

Wie ist die Einschätzung der OB?
„Die ersten Prüfergebnisse sind interessant, denn sie versprechen echte Verbesserungen. Aber natürlich gibt es noch Fragezeichen. Wenn alle Fakten auf dem Tisch liegen, müssen wir politisch diskutieren und entscheiden“, sagte sie. Baudezernent Alexander Thewalt (parteilos) werde flankierend eine aktuelle Verkehrsuntersuchung für die Stadtstraße in Auftrag geben, um weitere Verbesserungen für Fußgänger und Radfahrer zu ermitteln. „Wir möchten das Planfeststellungsverfahren abschließen, da sind wir auf einem guten Weg. Grundbedingung ist, dass es keine Verzögerungen gibt. Wir sind aktuell aber noch in einem sehr frühen Stadium“, verdeutlichte Steinruck. In der jetzigen Phase präzisere Angaben zu möglichen Kosteneinsparungen oder zur Dauer eines Rathaus-Abrisses zu machen, verbiete sich daher. Jede Verkürzung der Bauzeit sei natürlich wertvoll. Unter den Bürgern, aber auch in der Wirtschaft, gebe es große Ängste wegen der Belastungen. Die neuen Überlegungen müssten außerdem noch von einem Planungsbüro geprüft werden.

Wie reagiert die Wirtschaft?
Die mögliche Bauzeitverkürzung sei „ein Hoffnungsschimmer am Horizont“, kommentieren die Industrie- und Handelskammern (IHKs) für die Pfalz und Rhein-Neckar die neuen Entwicklungen. Damit könne an der nördlichen Rheinquerung ein Totalausfall der Verkehrsader vermieden werden. Für Unternehmen sei jede Verringerung der Staugefahr von unschätzbarem Wert. In den Vorschlägen sehen die IHKs den deutlichen Willen der Stadtspitze, Abläufe zu hinterfragen und neue Ansätze zu finden. Nun müsse alles getan werden, um diese Chance zu nutzen. Die notwendigen Bauarbeiten an den maroden Hochstraßen stellten eine massive, langjährige Belastung für die Wirtschaft in der Metropolregion dar. Die unvorhergesehene Sperrung der Südtrasse habe gezeigt, wie fragil die Verkehrssysteme und damit auch Sanierungsplanungen seien, von denen nicht zuletzt die Wirtschaftskraft im gesamten Umland abhänge. Die Leistungsfähigkeit der Verkehrsachsen aufrechtzuerhalten, sei entscheidend für die Attraktivität des Wirtschaftsstandorts.

Die lange Variante der Stadtstraße wurde bereits 2014 vom Stadtrat abgesegnet. Bei einem Abriss des Rathauses könnte ihr Verlauf
Die lange Variante der Stadtstraße wurde bereits 2014 vom Stadtrat abgesegnet. Bei einem Abriss des Rathauses könnte ihr Verlauf leicht nach Süden verschwenkt werden. Das würde Platz schaffen, sie unabhängig vom Nordabriss zu bauen. Der Verkehr dort könnte bis 2026 weiterlaufen.
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