Ludwigshafen
Die Muse des Autorenkinos Eva Mattes mit ihrem „Persönlichsten Programm“ in Ludwigshafen
„Hey, Pippi Langstrumpf, die macht, was ihr gefällt!“ Eva Mattes’ „Persönlichstes Programm“ im Ludwigshafener Kulturzentrum Das Haus beginnt tatsächlich mit dem Titellied der alten Pippi-Langstrumpf-Filme. Die heute 64-jährige Schauspielerin hatte es 1969 im Synchronstudio eingesungen. In einer famosen musikalischen Lesung, am Flügel begleitet von Irmgard Schleier, blickte sie nun zurück auf ein halbes Jahrhundert auf der Bühne und vor der Kamera.
„Ich habe mit zwölf Jahren angefangen und bis heute nicht aufgehört. Ich habe fast ununterbrochen gespielt“, liest sie aus ihrer bereits 2011 veröffentlichten Autobiografie. Bereits als Teenager spielte Eva Mattes Theater in München und lieh fürs Fernsehen neben Pippi Langstrumpf auch „Lassies“ jungem Herrchen Timmy ihre Stimme. Zeitweise war sie mehr im Synchronstudio als in der Schule, rekapituliert sie.
Ein „schauspielerisches Urvieh“
Sie geriet schnell in den Neuen Deutschen Film, es war die Zeit. Für ihr Spiel in „Mathias Kneißl“ und „o.k.“, dem Skandal der Berlinale 1970, wurde sie mit dem Bundesfilmpreis in Gold bedacht – und mit einer knappen Charakterisierung in der Illustrierten „Stern“: „Keine Schönheit, aber ein schauspielerisches Urvieh“. Ein harsches Urteil, das sie heute milde belächelt.
In „o.k.“ spielte sie ein vietnamesisches Mädchen, das von US-Soldaten verschleppt, vergewaltigt und ermordet wird. Die Rolle der Phan Ti Mao machte sie bekannt. „Ich spielte die weibliche Hauptrolle in einem Antikriegsfilm“, beschreibt Eva Mattes heute ihren Stolz jener Tage, „einem Film, der sich in das Zeitgeschehen einmischte, einem Film, der radikal war, ästhetisch und inhaltlich wertvoll“.
Filmkarriere fürs Theater unterbrochen
Sie erkennt es als Glück, dass sie in jungen Jahren mit jungen Regisseuren wie Michael Verhoeven, Reinhard Hauff oder Fassbinder arbeiten konnte. So emanzipierte sie sich bereits im Jugendalter vom Kino ihrer Elterngeneration, von altbackenen Filmen also wie „Solange noch die Rosen blüh’n“ oder „Santa Lucia“, für die ihr österreichischer Vater Willy Mattes die Musik komponiert hatte, von „Pusztaliebe“ oder „Ich denke oft an Piroschka“, in denen ihre ungarisch-österreichische Mutter Margit Symo aufgetreten war. So umsichtig war Eva Mattes schon in jenen Jahren, dass sie dann nicht danach strebte, ihren Erfolg auszukosten, sondern sein Postament zu stabilisieren. Sie unterbrach ihre Filmkarriere, um 1972 zu Peter Zadek ans Schauspielhaus in Hamburg zu gehen. Auch der Titel ihrer Autobiografie, „Wir können nicht alle wie Berta sein“, geht auf eine Zadek-Inszenierung zurück, auf Ibsens „Wildente“, in der Eva Mattes die Hedwig spielte.
Mit frauenbewegter Note
Um der Hansestadt zu gedenken, singt sie „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“, so als stamme sie nicht vom Tegernsee und aus München, sondern als wäre sie eine echt norddeutsche „Deern“. Sie singt nicht nur, sie stellt auch dar. Den „Emigrantenchoral“ von Walter Mehring sowie Lieder der italienischen Musikerin Giovanna Marini, mit denen sie Bezug nimmt auf das Leben von Geflüchteten und Migranten. Mit Édith Piaf („La vie en rose“) und Marlene Dietrich („Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre“) bringt sie sowohl frauenbewegte als auch queere Noten mit ein. Sie erzählt und liest mehr, als sie singt und erntet am Ende sehr zu Recht anhaltenden Applaus und Rufe der Begeisterung. An einem rundweg überzeugenden, mitreißenden Abend, der eigentlich hätte ewig so weitergehen können.