Ludwigshafen „Die Menschen sind schon ziemlich in Ordnung“
Der Fernsehjournalist Christian Vogel ist mit dem Motorrad einmal um die Welt gefahren. Seine Reise dokumentiert er in dem Film „Egal, was kommt“. Um ihn vorzustellen, setzte er sich erneut auf seine Reiseenduro und parkte direkt vor dem Mannheimer Odeon.
„Egal, was kommt“ beginnt in der mongolischen Steppe. Der Biker liegt erschöpft am Boden, sein Motorrad, eine BMW R 1200 GS, daneben. Die Reifen sind im staubtrockenen, sandigen Untergrund stecken geblieben und haben das Gefährt und den Fahrer zu Fall gebracht. Christian Vogel hat größte Mühe, das schwere, bepackte Fahrzeug wieder aufzurichten und meint: „Ich habe mich maßlos überschätzt und weiß nicht, wie ich das jemals schaffen soll.“ Ihm zu Hilfe kommen schließlich Nomaden, die seine Enduro aus dem Dreck ziehen, auf ihren Kleinlaster hieven und eine Strecke weit transportieren. „Losgefahren bin ich allein. Wieder angekommen bin ich dank anderer“, fasst Vogel griffig die vielleicht wichtigste Erkenntnis seiner Weltumfahrung zusammen. Unterstützung erlebte er insbesondere auch in Indien, als er in einen schweren Verkehrsunfall verwickelt war und lange auf bestimmte Ersatzteile und eine Operation an der Handwurzel warten musste. Den Filmtitel „Egal, was kommt“ habe er deshalb bewusst gewählt, um zu erklären: „Es wird schon irgendwie gehen, man kann dem Leben ruhig vertrauen.“ Die nahezu einjährige Reise habe seine Sicht auf die Welt verändert, sagt Vogel. Vor allem habe sie seine Vorurteile abgebaut. „Ich habe erkannt, dass meine Ängste und Vorstellungen nur in meinem Kopf existierten und nichts davon real ist. Die Welt und ihre Menschen sind schon ziemlich in Ordnung.“ „Frei sein, nicht wie sonst nach Terminkalender leben“, war sein Ansporn, als er Arbeit und Wohnung in Kassel kündigte, sich von Eltern und Freundin verabschiedete, um zunächst von Frankfurt mit dem Flugzeug zu starten. Seine eigentliche Fahrt begann in Orlando, Florida, und führte von dort quer über den nordamerikanischen Kontinent bis nach Prudhoe Bay ganz im Norden Alaskas. Dann von Wladiwostok durch China in die Mongolei, durch Russland, Kasachstan, Tadschikistan, Pakistan und Indien bis Goa, durch den Iran, die Türkei und Europa bis ins portugiesische Cabo da Roca, den westlichsten Punkt des europäischen Festlands. „Ich wusste schon ziemlich genau, welche Länder ich durchqueren wollte, aber die genaue Route hat sich durch Tipps, Einladungen, das Wetter oder den Verkehr oft erst vor Ort ergeben“, erinnert sich der 34-Jährige. Deutlich zeigt sein Film auch, welche Annehmlichkeiten die Digitalisierung für so ein Abenteuer in unserer Zeit mit sich bringt: Vorne am Lenker klemmt das Navi, nach dem der moderne Weltreisende sich richtet, und beinahe beständig hält er online Kontakt zu seiner hessischen Heimat. Seinen Film hat er aber ganz ohne Hilfe gedreht, die Kamera am Lenker montiert oder auch mal per Hand auf sich selbst gerichtet. Wie bunt die globalisierte Welt dennoch ist, merkt er on the road. „In den USA oder in Russland sind Motorradreisende aus Europa beispielsweise so gar nichts Besonderes“, erläutert er. „In der mongolischen Steppe oder am Rand der afghanischen Grenze schon eher.“ Dort treffe man auf Einwohner, denen es vollständig unvorstellbar sei, was er da gerade tue, welche Strecke er bereits zurückgelegt hat oder auch was ihn antreibt. „Wenn man diesen Menschen erzählt, dass man im Grunde einem Gefühl folgt, dann schauen sie einen nur ungläubig an“, so Vogel. „Für viele Menschen auf dieser Erde ist es allein finanziell oder politisch schlichtweg unmöglich, überhaupt jemals ihr Land zu verlassen.“ Die Eigenheiten und Lebensbedingungen dieser Menschen streift der Film dabei nur ganz am Rande. In „Egal, was kommt“, und vielleicht bezieht sich der Titel ja auch darauf, ziehen die Reisebekanntschaften eine nach dem anderen vorbei wie die zum Teil grandiosen Landschaften, die Christian Vogel mit hoher Geschwindigkeit durchmisst. Dabei betont der Filmemacher doch selbst, wie wichtig ihm unterwegs die Begegnungen mit anderen Menschen waren. „Die Menschen, die man trifft und die Erfahrungen, die man mit ihnen macht – das macht das Reisen aus“, beteuert er und schwingt sich wieder aufs Motorrad, um seine Dokumentation gleich anschließend auch in Heidelberg zu präsentieren.