Ludwigshafen Die gute Stube der Kindheit
Renate Emmel aus Waldsee erinnert sich noch gerne an einen glücklichen Tag vor mehr als 20 Jahren. Denn an diesem Tag hat sie ein Haus für ihre Puppenstuben-Möbel und Püppchen gefunden. Dabei war die heute 66-Jährige damals ja eigentlich schon aus dem Spielalter raus. „Das Möbel und die Püppchen sind 60 Jahre alt. Ich habe sie mit sechs Jahren zu Weihnachten bekommen“, erzählt sie. „Doch wie das so ist, man wird erwachsen und die Kindersachen verschwinden.“ Sie wurden in einem Schuppen aufgehoben, doch der musste ihrem heutigen Wohnhaus weichen. Die kleinen Teile wurden in Schuhkartons aufbewahrt und die größeren Teile mussten weg. Das Gehäuse gab es nicht mehr. „Irgendwann sind mir die Puppenstubenmöbel in die Hände gefallen und ab dort habe ich nach einem geeigneten Gehäuse gesucht und nicht gefunden“, erinnert sich Renate Emmel. Als sie vor mehr als 20 Jahren morgens kurz nach 6 Uhr auf dem Weg zur Arbeit an einem Haus mit Sperrmüll vorbeigefahren ist, traute sie ihren Augen nicht. „Da stand ein leeres trauriges Puppenhaus. Ich habe eine Ehrenrunde mit meinem Auto gedreht und es eingepackt.“ Die Familie, die den Sperrmüll vor die Tür gestellt habe, hat sie nachträglich informiert, dass sie das Haus mitgenommen hat. „Mein Traum ging in Erfüllung. Ich habe das Haus gereinigt. Es war liebevoll mit Tapeten und Teppichboden versehen“, sagt sie. „Meine Möbel haben genau hinein gepasst.“ Seit mehr als 20 Jahren hat es bei ihr einen Ehrenplatz. „Es erinnert mich immer an eine glückliche Kindheit.“ (cju) Licht im Kühlschrank „Auf unserem Speicher steht noch meine 90-jährige Puppenküche“, sagt Christa Laudien aus Limburgerhof. „Als Nachkriegskind, ich bin im Dezember 1946 geboren, erbte ich sie von meiner Mutti.“ Immer zu Weihnachten sei sie im kleinen Wohnzimmer aufgestellt worden. Jedes Jahr war irgendetwas Neues zu entdecken. Ein Onkel habe sehr viel Spaß daran gehabt etwas zu basteln. „Einmal gab es in Küche und Wohnzimmer Licht, ein anderes Mal war fließendes Wasser in der Küche, dann stand dort ein kleiner Kühlschrank, der auch beleuchtet war, wenn ich die Türe öffnete, oder ein batteriebetriebener Staubsauger oder eine versenkbare Nähmaschine.“ Vor etwa zwei Jahren hat die 69-Jährige ihr weihnachtliches Lieblingsspielzeug mit Farbe, neuem Bodenbelag und einer schönen Tapete aufgefrischt. „Inzwischen spielt schon meine Enkeltochter in der vierten Generation mit dieser alten Puppenküche.“ (flor) Wiedergeburt für die Enkelin Als Kind eher selten mit ihrer Puppenstube gespielt hat Anni Claus aus Waldsee. „Mich haben andere Dinge mehr interessiert“, erinnert sich die 61-Jährige. Später landete das Spielzeug, das von ihrer Mutter stammt und vermutlich mehr als 80 Jahre alt ist, auf dem Dachboden ihres Vaters. Sie habe die Puppenstube weitgehend vergessen. Erst vor kurzem habe sie sich wieder daran erinnert, da sie das Spielzeug ihrer vierjährigen Enkeltochter gezeigt habe. „Sie war sehr erstaunt, mit was ihre Oma mal gespielt hat. Besonders die kleinen Töpfchen und Tortenplatten haben sie fasziniert und begeistert.“ Jetzt denkt Claus daran, die Puppenstube wieder herzurichten, schließlich hab doch der Zahn der Zeit daran genagt, einiges müsste repariert werden. „Vielleicht steht sie irgendwann in neuem Glanz in meinem Wohnzimmer - wer weiß?“ (flor) Für ein paar Kartoffeln Bis heute hat Doris Rittmann aus Birkenheide nicht vergessen, wie sie zu ihrer Puppenküche kam. Während des Zweiten Weltkriegs sei eine Frau aus Kaiserslautern auf dem abgelegenen Bauernhof ihres Onkels in der Nordpfalz aufgetaucht. „Sie bat eine komplette, handgemachte Puppenküche an, bestehend aus einem Schlafzimmer und einer Küche. Diese war hellblau gestrichen und sehr liebevoll im Detail gearbeitet“, erinnert sich Rittmann. Die Frau habe im Tausch dafür Kartoffeln gewollt und sie auch bekommen. „Aber sicher nicht entsprechend viele, denn sie meinte, dass ihr Mann damit nicht zufrieden sei. Er habe schließlich Tage und Wochen an diesen Möbelchen gearbeitet“, erzählt die 74-Jährige. „Obwohl mein Onkel selbst drei kleine Kinder gehabt habe, die gerne mit der Küche gespielt hätten, bekam ich sie geschenkt, da mein Vater gerade im Krieg gefallen war“, sagt sie. Noch heute besitze sie die wertvollen Möbelchen. Auch ihre Tochter und Enkelkinder haben damit schon gespielt. „Meine Gedanken aber sind noch heute bei dem unbekannten Hersteller und ich entschuldige mich, weil er wirklich nicht genug für seine Kunst bekam.“ (flor) Unter Denkmalschutz Das größte Puppenhaus Deutschlands im alten Landgasthof Forelle am Eiswoog im Pfälzerwald hat Erika von Usslar in Schifferstadt stark beeindruckt. Das zweiflügelige teilweise verglaste mindestens fünf Meter lange und liebevoll gestaltete Holzhaus sei von 1883 bis 1885 vom Modellschreiner Lemaire aus Eisenberg hergestellt worden. „Die Inneneinrichtung des Puppenhauses spiegelt die damalige Zeit wieder und der reiche schmiedeeiserne Zierrat am und im Haus lässt Rückschlüsse auf das Tätigkeitsfeld der Besitzerfamilie, die Eisengießerei, zu.“ In Auftrag gegeben habe das Puppenhaus Elise von Gienanth, die Tochter des BASF-Gründers Friedrich Engelhorn, für ihre beiden Töchter. Heute steht es unter Denkmalschutz. (flor) Hähnchengrill an Heiligabend Schon ihr ganzes Leben begleitet Bine Stoll aus Neuhofen ihr Puppenhaus, „ein wahrer Schatz, der nun schon in der vierten Generation bespielt wird“. Ihr Urgroßvater habe einst das Elternhaus von einem Schreiner als Puppenhaus nachbauen lassen. Als jüngste Enkeltochter habe sie das Glück gehabt, das Spielzeug zu erben. „Es fasziniert bis heute meine kleinen und großen Gäste“, sagt Stoll. „Als ich klein war, brachte das Christkind jedes Jahr etwas Neues fürs Puppenhaus und man kann sich gar nicht vorstellen, welch ein Jubel ausbrach , wenn der Neuzugang, von der Nähmaschine bis zu neuen Bewohnern, entdeckt wurde.“ In einem Jahr habe sie das Christkind vor eine große Herausforderung gestellt, erinnert sich Stoll. „Auf meinem Wunschzettel stand, warum auch immer, ein Hähnchengrill für den Puppenhausgarten. Aber da ein Christkind ja bekanntlich alles schafft, stand der Grill an Heiligabend tatsächlich im Garten.“ Da die Puppenhausfamilie auch einkaufen müsse, kamen irgendwann noch ein Spielwarenladen und eine Gemischtwarenhandlung hinzu. „Auch eine Puppenschule durfte natürlich nicht fehlen“, sagt Stoll. Ganz besonders sei, dass in über hundert Jahren nie etwas „kaputtgespielt“ wurde. Bis heute gingen alle sorgsam damit um. (flor) Eine Hülle zum 50. Anfang des vergangenen Jahrhundert hat der Großonkel von Luzia Sporn aus Schauernheim ihre Puppenküche gebaut. 1954 hat sie sie dann als Zwölfjährige geschenkt bekommen. „Ich habe nicht so sehr damit gespielt, weil ich Angst hatte, dass etwas kaputt geht“, sagt sie. Mittlerweile hat die Puppenküche aber einen Ehrenplatz in der Wohnung und wurde sogar erweitert. „Zu meinem 50. Geburtstag habe ich die äußere Hülle bekommen“, erzählt Luzia Sporn. Denn die alte wurde einst weggeworfen und nur das Interieur behalten. Zur Küche kamen dann noch ein Schlafzimmer und ein Badezimmer hinzu. „Die Schlafzimmermöbel hat ein Bekannter mit Liebe gemacht“, sagt sie. „Der Plan für das Haus stammt von meinem Mann. Es sieht einfach goldig aus.“ (cju) Die Serie Einmal im Monat fragen wir in der Serie „Gibt es das noch?“ nach Dingen, die vermeintlich aus dem Leben verschwunden sind.