Ludwigshafen
Diakonie: Eine soziale Idee feiert 100. Geburtstag
Lange Schlangen hungriger Menschen stehen für eine warme Suppe an. Die Bilder, die sich heute vor der Apostelkirche im Hemshof dem Betrachter bieten, ähneln denen von vor 100 Jahren. Zusammen mit anderen Frauen gründete Berta Steinbrenner drei Jahre nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg das „Evangelische Sekretariat Ludwigshafen am Rhein“, aus dem später die Diakonie Ludwigshafen entstand.
Wegen der Corona-Pandemie gibt es zum Jubiläum vorerst keine große Feier mit Musik und gutem Essen. Stattdessen gibt es eine Sonderausgabe von „Diakonie aktuell“, Videos mit Grußbotschaften und Spendenaufrufe per Brief.„Wir hätten gern gefeiert“, bedauert Petra Michel, Leiterin des Hauses der Diakonie und Regionalbeauftragte Ost, zu deren Bereich auch viele Kommunen in der Pfalz wie etwa Speyer und Germersheim gehören. Doch auch so hat die Diakonie Ludwigshafen viele Gründe, stolz auf ihre Geschichte zurückblicken zu können.
Große Probleme nach Krieg
„Arm, nichts zu essen, keine Wohnung“, so schildert Barbara Kohlstruck, Dekanin des Protestantischen Kirchenbezirks Ludwigshafen, die Lage der Menschen nach dem Ersten Weltkrieg. Von staatlicher Seite gab es so gut wie kein Fürsorgesystem. Viele Menschen waren im Zuge der Industrialisierung und wegen der Gründung der BASF in die Stadt geströmt, andere waren aus ihrer früheren Heimat geflüchtet. Die soziale Frage war in der jungen Stadt ein drängendes Problem.
Die Ideengeberin
Berta Steinbrenner, die engagierte Frau eines Tierarztes, hatte die Idee, die Hilfe in der Not als Pendant zur katholischen Caritas stärker zu organisieren. Nach ihr ist der Saal in der Apostelkirchengemeinde benannt, in dem viele Ehrenamtliche und ein paar Hauptamtliche Bedürftige zu coronafreien Zeiten mit Essen und Trinken versorgen. Mehrheitlich Frauen sind unter den Helfern.
Dass sich in der Diakonie von jeher viele Frauen engagiert haben, sei nicht zufällig, meint Kohlstruck. Wachheit und Aufmerksamkeit, Kreativität und Tatkraft sowie Nächstenliebe seien heute wie früher Eigenschaften, die vermehrt Frauen aufgrund ihrer Lebenssituation aufwiesen, erklärt Kohlstruck. Doch auch weitere Aspekte seien über die letzten 100 Jahre ähnlich geblieben. Die Folgen von Flucht und Wohnungsnot müsse die Diakonie seit 1921 immer wieder lindern, sagt Kohlstruck.
Professionalisierung in den 1970ern
„Seit den 70er-Jahren hat sich die diakonische Arbeit immer mehr professionalisiert und spezialisiert“, berichtet Petra Michel. Sozial- und Lebensberatung sei der Schwerpunkt der Arbeit. Schwangerschaftsberatung, Flucht und Vertreibung, Beratung bei Trennung oder Scheidung sowie bei Verschuldung, die fünf Arbeitsfelder der Diakonie sind in Ludwigshafen unter einem Dach zu finden und miteinander verzahnt.
„Vernetzung ist heute eher das Thema als früher“, beschreibt Michel den Wandel der Arbeit. Mit zahlreichen anderen kirchlichen Stellen, ob evangelisch oder katholisch oder von Stadt oder Land arbeitet die Diakonie heute zusammen. Wichtig sei aber, dass Kirche und Diakonie zusammen gehören. „Gerade rund um die Apostelkirche wird deutlich, dass die Arbeit der Diakonie vom Glauben getragen wird“, betont Kohlstruck. Obwohl hoch professionelle Mitarbeitende den Großteil der Arbeit erledigen, bleiben die Ehrenamtlichen nach wie vor ein wichtiger Teil der Diakonie. „Sprachmittler, Lernpaten, Küchenhelfer, Selbsthilfegruppenleitern und viele mehr bilden ein wichtiges Standbein“, betont Michel.
Mitgefühl gefragt
„Ein offenes Ohr, Mitgefühl und Respekt brauchen die Hilfesuchenden“, erklärt Michel. Sie sollen unabhängig von Religion und Herkunft bei der Diakonie Beratung auf Augenhöhe in einem geschützten Raum bekommen. Alles ist kostenlos, vertraulich und auf Wunsch auch anonym. „Nicht alle Kosten für die Beratungsarbeit sind durch Zuschüsse der öffentlichen Hand und Kirchensteuermittel gedeckt“, erklärt Ingo Martin, Fundraising-Referent beim Diakonischen Werk Pfalz. Mit einer Briefkastensammlung wenden sich viele Kirchengemeinden in der Woche der Diakonie an ihre Mitglieder. Doch man kann auch direkt spenden.
Spendenkonto
Diakonisches Werk der Pfalz IBAN DE50 5206 04100 0000 0025 00.