Ludwigshafen Diagnose: Armut

„Street Doc“ nennt sich eine Gruppe Ludwigshafener Ärzte, die kostenlose
medizinische Hilfe in sozialen Brennpunkten anbietet. Für Wohnsitzlose oder Asylbewerber
– oder einfach Menschen, die keine Krankenversicherung haben.
Eigentlich wäre jetzt ja Peter* drangewesen, aber der ist an diesem Nachmittag schon jenseits des Protests, weil ziemlich rammdösig vom Alkohol. „Magenschmerzen“, sagt Peter, gerade erst in die Bayreuther Straße eingewiesen, wegen der üblichen Kausalkette: Trennung von der Frau, Suff, Mietschulden. Das Viertel ist Einweisungsgebiet, Menschen, die wegen Mietrückständen aus ihrer Wohnung fliegen, landen hier. Und das Viertel ist in Ludwigshafen so etwas wie das Synonym für den sozialen Abstieg, für das „Ganz unten“ mit der ganz realen Chance, nie wieder hochzukommen. Wie fühlt man sich, als Neuling in der Bayreuther Straße? „Scheiße halt“, sagt Peter. Es bleibt genügend Zeit für ein Schwätzchen, wird ein wenig länger dauern im Behandlungszimmer: Uebel wird seine Diagnose stellen, dann mit dem Krankenhaus telefonieren, erfahren, dass man dort den Asylbewerber aus Versicherungsgründen nicht behandeln kann, schließlich einen befreundeten Facharzt anrufen und dort einen Termin für seinen pakistanischen Patienten vereinbaren. Uebels Jobbeschreibung in kurz und bündig: „Man muss alles improvisieren.“ Warum tut er sich das an, als niedergelassener Facharzt, der an diesem sonnigen Mittwochnachmittag auch auf dem Golfplatz sein Handycap verbessern könnte? „Frag’ ich mich auch“, sagt Uebel, und lacht. Zusammen mit einem Dutzend weiterer Mediziner aus Ludwigshafen betreut Uebel das Projekt „Street Doc“: An drei Standorten in der Stadt bieten die Mediziner einmal pro Woche Sprechstunden an, kostenlos und ohne Pflicht zur Versicherungskarte. Für Menschen, die gar nicht krankenversichert sind oder sich nicht zu niedergelassenen Ärzten trauen. Für Wohnsitzlose oder Asylbewerber oder die Bewohner der Ludwigshafener Einweisungsgebiete wie das an der Bayreuther Straße. Man taucht in eine Parallelwelt der Armut ein, folgt man Uebel und seiner Sprechstundenhilfe Anni Pfeiffer an diesem Mittwoch auf ihrer Tour. Und man bekommt eine Ahnung davon, dass Armut nicht immer nach Armut aussieht – wenn sie auch manchmal so riecht. Ziemlich streng jedenfalls im ersten Stock der Teeküche für Wohnsitzlose an der Ludwigshafener Rohrlachstraße, die eines der „Street Doc“-Behandlungszimmer beherbergt. Schmales Treppenhaus, schmale Stiege, die in einem schmalen Flur mit zwei Klappstühlen endet, dem improvisierten Warteraum. Kurz vor 13 Uhr am Mittwochnachmittag, drei Hilfesuchende auf dem oberen Treppenabsatz. Es stehen da ein junger Mann in schwarzer Lederjacke, dem man keine Armut ansieht, ein älterer Mann in etwas abgewetzter brauner Lederjacke, bei dem sie schon deutlicher durchschimmert, und eine junge Frau im billigen grauen Jogginganzug, und bei der kommt dann alles zusammen: Bulgarin, ohne Job, keinerlei Bezüge aus den Sozialsystemen und von Krankenversicherung gar nicht erst die Rede. „Den typischen Patienten gibt es nicht“, hat Uebel schon zu Beginn des Nachmittags gesagt. Die Patienten an der Rohrlachstraße, ziemlich zentral im Ludwigshafener Stadtteil Hemshof gelegen, belegen die These: Die beiden Herren waren mal selbstständig, der Herr im braunen Leder sogar ziemlich erfolgreich, Handwerker mit eigenem Betrieb. Irgendwann ist das Geschäft nicht mehr so gut gelaufen, irgendwann hat man nicht mehr in die Krankenversicherung eingezahlt, und irgendwann war man dann eben nicht mehr krankenversichert. Es gibt das Projekt „Street Doc“, weil „das Projekt notwendig ist“, meint Walter Münzenberger, der Initiator, Leiter der Ökumenischen Fördergemeinschaft, die unter anderem Jugend- und Sozialarbeit in den Ludwigshafener Einweisungsvierteln anbietet. Und notwendig ist es deshalb, weil Armut inzwischen oft weniger konzentriert auftritt als noch vor einigen Jahren, sich quer durch Milieus und Stadtquartiere zieht: Zur Klientel der Straßendoktoren gehören Menschen, die gerade dabei sind, aus einer bürgerlichen Existenz abzugleiten – so wie die beiden Herren in der Rohrlachstraße oder Herr Wiczek* aus Polen, der in der Bayreutherstraße auf den Arzt wartet, obwohl er nicht da wohnt. Herr Wiczek hatte mal einen Job, vermutlich schwarz, dann hatte Herr Wiczek eine Gehirnblutung und jetzt hat Herr Wiczek keinen Job mehr und muss sich blutdrucksenkende Medikamente bei Peter Uebel besorgen. Hinter Herrn Wiczek kommt gerade Peter aus den Behandlungsraum und schwenkt triumphierend eine Schachtel Magentabletten. Als Münzenberger Uebel gefragt hat, ob er sich vorstellen könne, ein Projekt mit aufsuchender medizinischer Betreuung zu stemmen – da hat sich Uebel erst einmal angeschaut, mit wem er es da eigentlich zu tun bekommt. Er hat sich die Bayreuther Straße zeigen lassen, hat eine der Wohngemeinschaften besucht, vier Männer, Alkoholiker, auf engstem Raum. „Einer von denen liegt seit Jahren im Bett“, sagt Uebel mit einer Mischung aus Amüsement und immer noch ziemlich bassem Erstaunen, „der steht nur noch zum Urinieren und zum Stuhlgang auf – und wird von seinen Mitbewohnern versorgt.“ Seitdem hat Uebel in seiner Arbeit viele Erkrankungen gesehen, „die vor sich hindümpeln“ – weil die Betroffenen nicht mehr die Kraft haben, sich um ihr eigenes Leben zu kümmern. Er hat Krankheiten behandelt, die er sonst wohl nie behandelt hätte. „Die Krätze sehen Sie in der (niedergelassenen, d. Red.) Praxis eigentlich nicht“, sagt Uebel. Im Behandlungsraum in der Bayreuther Straße ist inzwischen Andrea* verschwunden, nichts Gravierendes, Insektenstich an der Ferse. Und im Hof der roten Blocks macht Straßen-Sozialarbeiter Robert Azari von der Ökumenischen Fördergemeinschaft weiter seinen Job. Der besteht im Grunde darin, die Malaise hinter der Krankheit zu behandeln. Oft genug müsste Uebels Diagnose nämlich schlicht „Armut“ lauten: Viele der Krankheiten, die bei den Straßendoktoren präsentiert werden – Peters Magenschmerzen vom Saufen oder die Krätze von Obdachlosen, die sich schlicht kaum waschen können –, sie sind bloße Symptome, Symptome einer Existenz am unteren Rand der Wohlstandsgesellschaft. Azari, Straßensozialarbeiter bei der Ökumenischen Fördergemeinschaft, versucht Hilfen anzubieten, die über die medizinische Behandlung hinausgehen. „Man guckt, dass man die Leute irgendwie ins Versorgungssystem bekommt“, illustriert Azari. Mit der Bulgarin aus der Rohrlachstraße wird er bei der Arbeitsagentur vorbeischauen, hätte die Frau einen Mini-Job, dann wäre sie wenigstens krankenversichert. Einem anderen Osteuropäer hat der Streetworker vor kurzem zu einer Zahnbehandlung verholfen – und damit mittelbar auch zu einer Arbeit: Wer die eigene Armut schon in Form eines schadhaften Gebisses vor sich her trägt, der wird sich schwer tun, ihr zu entkommen. Weshalb die „Street Docs“ bald auch Dentisten mit ins Boot holen werden: Man wird von der Rohrlachstraße wohl bald in neue Praxisräume umziehen, vielleicht an die Prinzregentenstraße – und dort auch kostenlose Zahnbehandlungen anbieten. War’s schwierig, die Kollegen zum Gratis-Liebesdienst am Kunden respektive dessen Raffel zu bewegen? „Haben Sie schon mal einen armen Zahnarzt gesehen?“, fragt Uebel zurück, und lacht. Letzte Station Kropsburgstraße, noch ein Einweisungsviertel, nur ein Patient, frische Spuren einer Schlägerei im Gesicht. Und noch so eines der Probleme, die man als niedergelassener Facharzt wohl eher selten hat: Bevor man dem jungen Mann, hagere Züge, Baseballkappe, die gebrochene Nase operieren kann, wird man ihn erst entgiften müssen – damit das Narkosemittel ordnungsgemäß wirkt. Nach knapp vier Stunden ist die Straßenarzt-Tour für diesen Mittwoch vorbei. Zwölf Patienten haben sich heuer insgesamt präsentiert, in etwa Durchschnitt. Hat sich etwas verändert für Uebel, seit er da tut, was er tut, und sich aus erster Hand anschaut, wie man lebt, wenn man durch die Maschen des sozialen Netzes gerutscht ist? „Bis vor zwei Jahren war meine Welt noch in Ordnung“, sagt Uebel und lacht wieder, diesmal lange.