Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Der Tod und der Vater: Bov Bjergs neuer Roman auf dem Literaturfestival „lesen.hören“

„Serpentinen“ nach „Auerhaus“: Bov Bjerg in Mannheim.
»Serpentinen« nach »Auerhaus«: Bov Bjerg in Mannheim.

Sage niemand, das Mannheimer Literaturfestival „lesen.hören“ sei nicht „mondän“. Sagte Programmleiterin Insa Wilke in der Alten Feuerwache zu Beginn. Wie käme man dazu? Der Moderator, Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel, jedenfalls war aus Paris angereist. Bov Bjerg, der Star dieses Montagabends, gar als tags zuvor gekürter Hugo-Ball-Preisträger. Aus Pirmasens. Dann ging es um Herkunftsgeschichten und „Serpentinen“.

Bov Bjerg? Rolf Böttcher eigentlich, er nennt sich nach dem Ort Bovbjerg an der Westküste von Jütland. Und auf der „lesen.hören“-Bühne erzählte er, warum. Kurzum, weil er wie alle vier Gründer der Zeitschrift „Salbader“ einst unter mehreren Pseudonymen schrieb, eines davon Bov Bjerg eben. Grund: Das Redaktionskollektiv wollte vielstimmiger erscheinen. Leise Süffisanz lag über diesem Abend. Als Folie die sonore Ernsthaftigkeit, mit der der Moderator Schmidt-Henkel seine Begeisterung im Zaum hielt. So wurde es aufschlussreich.

Der Berliner Bov Bjerg ist 1965 geboren, stammt aus einem Kaff bei Göppingen, Schwäbische Alb, auf die er in seinen Werken immer wieder zurückkehrt, mit autobiografisch aufgeladenem Blick. Eine Institution ist er auf den hauptstädtischen Lesebühnen, die er – wie die „Reformbühne Heim & Welt“ – mitunter selbst erfand. Ein Bestsellerautor mit seinem Roman „Auerhaus“, das Buch läuft als Bühnenadaption an den deutschsprachigen Theatern rauf und runter – den Kinofilm zum Roman gibt es auch schon. Es ist die komische Story einer tragischen WG von Dorf-Außenseitern. Schülern, die als solidarische Selbsthilfegruppe versuchen, Frieder zu retten, der sich umbringen will. Ein rührendes Buch ist „Auerhaus“.

„Schreib’ doch was, was die Leute interessiert“

Der Titel geht zurück auf einen Song von Madness – der in der WG in Endlosschleife läuft. Jeder der es liest und ein Herz hat, will sofort mit einziehen. Und jetzt in Mannheim erzählte Bjerg: die Geschichte, in der eine drängende Lebenssehn- gegen eine Todessucht steht, und beide gewinnen, sei autobiografisch. Er selbst sei damals ins „Auerhaus“ gezogen, ein Jahr vor dem Abitur. Dass das ein Romanstoff sein könnte, sei ihm allerdings erst über Umwege gekommen.

Die Geschichte geht so, dass er mit seinem Roman „Deadline“ unterwegs war, 2008 in einer Auflage von 750 Exemplaren beim Mitteldeutschen Verlag erschienen, 224 davon verkauft, der Rest bei einem Lagerbrand verbrannt. Seine Lesung aus „Deadline“ in seiner alten Schule jedenfalls habe, erzählte er, das junge Publikum eher dösend verfolgt. Bis er im Gespräch auf die „Auerhaus“-Situation kam. Plötzlich sei da diese absolute Aufmerksamkeit gewesen. Nach dem Scheitern eines „völlig verstiegenen“ Romanprojekts habe er sich daran erinnert. „Schreib’ doch was, was die Leute interessiert“ habe er sich gesagt. So kam es also zu seinem Durchbruch. In Mannheim ging es jetzt um seinen neuen Roman „Serpentinen“.

„Serpentinen“ ist viel düsterer als der Vorläufer

Eine Fortsetzung zu Auerhaus“? Wenn es nach Bov Bjerg geht, nicht, wie schon zu lesen war. Trotzdem legt er darin selbst mehrere Fährten. Einmal wird der Erzähler mit Namen Höppner angesprochen, so hieß auch der Protagonist in „Auerhaus“. Einmal will er das Grab von Frieder besuchen, dem Selbstmörder daraus. Zudem erklärt er, dass alles anders gekommen wäre, hätte er, Höppner, Frieder retten können. Anders? „Serpentinen“ ist viel düsterer, härter, gruseliger auch als der Vorläufer geschrieben. Und nicht mehr so komisch. Ohne den Witz als Rückversicherung für die tiefe Traurigkeit, die auch in dieses dichte Werk eingesickert ist. Wie in Klagenfurt, als er 2018 beim Wettlesen um den Bachmann-Preis den Deutschlandfunkpreis dafür bekam, las er jetzt den Romananfang vor.

In „Serpentinen“ wird viel Auto gefahren. Mäandernd nähert man sich auch einer dunklen Wahrheit, die Motive und sprachlichen Wendungen drehen Schlangenlinien. Um was geht es? Die Reise, die ein Vater mit seinem siebenjährigen Sohn unternimmt. Heim in die alte Heimat Schwäbische Alb. Um sie ihm zu zeigen. Mehr noch, um sie los zu werden. Es ist ein Trip zurück in die kriegstraumatisierte Dunkeldeutschland-BRD, nach vorn in eine ungewisse Zukunft. „Jeder Depp, ein Wurzelsepp“, der Satz ist so etwas wie die DNA des Ganzen. Schwer lösbar erscheinen Fesseln der Herkunft.

Spross einer Selbstmörder-Dynastie

Der „Held“ ist Soziologieprofessor, international renommiert. Sein Vater ist Möbelpacker gewesen, ein Alkoholiker und übler Nazi, ein Prügler und schizophren. Vor allem, er hat sich umgebracht. Ein Selbstmörder, wie schon der Großvater und der Ur-Großvater. Er ist der Spross einer Selbstmörder-Dynastie. Und jetzt flüstert ein „schwarzer Gott“, so nennt er das, ihm selbst eine unbändige Todessehnsucht ein. Wie ein unsichtbarer Elefant steht ein erweiterter Suizid im Raum.

Die beiden auf der Mannheimer Bühne eierten eher darum herum. Wohl im Bestreben nicht zu viel zu verraten. Länger ging es so um den Druck, den Bildungsaufsteiger wie der Held verspüren. Menschen aus einfachen Verhältnissen, unzugehörig im Zielmilieu. Der Herkunft entfremdet. Bov Bjerg las dazu vor, wie sich der Professor unter – eigentlich – seinesgleichen windet. Jeder Small Talk ein Horror. Zu schweigen von mondänen Zusammenhängen. In Mannheim viel Applaus.

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