Ludwigshafen Der Schrecken auf den zweiten Blick

Wekil Ahmad Hakkanis und Baumhauers afghanischer Bildteppich „Der unerwartete Überfall“ nach einer Radierung von 1656.
Wekil Ahmad Hakkanis und Baumhauers afghanischer Bildteppich »Der unerwartete Überfall« nach einer Radierung von 1656.

Till Ansgar Baumhauer ist Künstler und Wissenschaftler. Seine derzeit unter dem Titel „Trauma Transfer“ im Mannheimer Kunstverein ausgestellten Arbeiten beschäftigen sich mit der Frage, wie Erfahrungen von Krieg und Gewalt in kulturübergreifenden und interkulturellen Projekten sichtbar werden können.

Till Ansgar Baumhauer, 1972 in Kirchheim unter Teck geboren und ausgebildeter Maler, gibt als Berufsbezeichnungen Bildender Künstler, Publizist und Kurator an. Zwischen 2004 und 2011 arbeitete er als archäologischer Zeichner und Ausstellungsgestalter im Nationalmuseum Herat in Westafghanistan. Vermutlich war dieser Aufenthalt auch die Initialzündung für seine an der Bauhaus-Universität in Weimar vorgelegte Dissertation über „Kunst und Krieg in Langzeitkonflikten. Visuelle Kultur im Dreißigjährigen Krieg und im heutigen Afghanistan“. Die Liste seiner Ausstellungen, Lehrtätigkeiten, Vorträge und Publikationen füllt Seiten. Immer geht es dabei um jenes derzeit modische, als „artistic research“ bekannte Arbeitsfeld von Kunst hier und Wissenschaft dort. In der Pfalz bekannt geworden ist Baumhauer vor allem durch gemeinsam mit Konfirmanden gestaltete Glasfenster in den protestantischen Kirchen Elmstein und Frankenstein. Das Verfahren ist ziemlich simpel. Baumhauer versendet historisches Bildmaterial vornehmlich aus dem Dreißigjährigen Krieg an Künstler (eher Gebrauchskünstler oder Kunsthandwerker) in Afghanistan, Ecuador, Pakistan und der Volksrepublik China und bittet sie um ihre Interpretation der Vorlage, die eigentlich eine Transformation in den eigenen Kulturkreis darstellt. Die oft durch ihre Naivität verblüffenden Ergebnisse dieses Transfers schwanken zwischen schöpferischer Neudeutung und schierem, von der gewohnten Ikonographie nur mühsam kaschiertem Unverständnis. Als eine Art Leitlinie dient Till Ansgar Baumhauer der Bezug auf eine Episode aus Ovids „Metamorphosen“, in der die vom eigenen Schwager vergewaltigte und ihrer Zunge beraubte Philomela ihren Peiniger dadurch überführt und seiner Strafe zuführt, dass sie ihre Geschichte in einem für die Schwester gewebten Gewand öffentlich macht. Der mythologische Vergleich mag etwas schief sein, aber es ist doch verblüffend zu sehen, wie leicht – zum Beispiel in den afghanischen „Kriegsteppichen“ – die Erfahrungen des Schrecklichen ins Alltägliche umschlagen können. Längst haben Flugzeuge, Hubschrauber, Bomben und Panzer Eingang in den ornamentalen Formenschatz der traditionellen Teppichweberei gefunden. Dort sind sie so gut verwoben, dass erst der zweite Blick die böse Überraschung entdeckt. Und wenn sich Vertreter der längst zu einem Exportschlager avancierten pakistanischen Truck Art ein Foto der in Kundus von der Bundeswehr bombardierten Tanklaster vornehmen, bei deren Explosion vor allem zivile Opfer zu beklagen waren, macht das kitschig knallbunte, unbeschwert in das eigene Motivrepertoire eingespeiste Ergebnis schier fassungslos. Termin Bis Sonntag, 2. September, im Mannheimer Kunstverein, Augustaanlage 58. Öffnungszeiten täglich außer montags 12 bis 17 Uhr. Führungen sonntags um 15 Uhr (Telefon 0621/402208).

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