Ludwigshafen Der „Pilot“ ist abgehoben

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Am Keyboard zählt Lehrer Severin Gleißer auf drei. Die Mädchen und Jungen setzen ein und der Klang der Querflöten, Oboen, Fagotte, Posaunen, Saxofone und Tuben erfüllt den Raum im fünften Stockwerk des Carl-Bosch-Gymnasiums. Es ist Donnerstag, 11 Uhr, und die Bläserklasse der sechsten Jahrgangsstufe hat Unterricht – eine Klasse mit Kindern, die im Orchester zusammen Blechblasinstrumente lernen. Was vor 22 Jahren als Projekt am Carl-Bosch-Gymnasium begann, hat sich inzwischen auf eine Reihe von Schulen ausgeweitet: Vier Grundschulen, zwei Integrierte Gesamtschulen und zwei Gymnasien in Ludwigshafen bieten Bläserklassen an. „Wir haben den Bläserklassenunterricht in der fünften und sechsten Klasse 1994 als eine von sechs Schulen in Deutschland eingeführt“, berichtet Joachim Schall vom damaligen Pioniergeist. Der 56-Jährige ist Leiter der musischen Schwerpunkte an der Schule: „Wir haben damit eine deutsche Form des Klassenmusizierens etabliert. Das war damals bei uns noch nicht bekannt.“ Vorbild waren die USA und Kanada, bei denen Bläserklassen schon zum Regelunterricht gehörten. Die „Akademie für Musikpädagogik“ in Wiesbaden startete den Pilotversuch in Deutschland und passte das Klassenmusizieren an das deutsche Schulsystem an. „Es war ein Wagnis“, erinnert sich Joachim Schall. Es habe auch viele Zweifler gegeben, die meinten, dass man Blasinstrumente nicht im Gruppenunterricht lernen kann. Die Zusammenstellung der ersten Bläserklasse sei nicht einfach gewesen, weil das Konzept nicht bekannt war. Allerdings hätten sich schnell erste Erfolge eingestellt: „Immer mehr Kinder wollten das machen.“ Auch die Eltern seien begeistert gewesen, dass man „richtige Orchesterinstrumente“ in großen Gruppen lernen kann. Vier Jahre später folgte die Einführung einer Streicherklasse. Inzwischen gibt es in den Jahrgängen 5 und 6 fünf Instrumentalklassen: drei Bläserklassen und zwei Streicherklassen – oder umgekehrt. Die Instrumente werden verliehen und vom Förderverein der Schule finanziert. Die Schüler können auch in der Mittelstufe weiter musizieren lernen, dann allerdings mit eigenen Instrumenten: „Ausgenommen sind die teuren Instrumente, die können weiter ausgeliehen werden.“ Die Schülerzahlen sprechen für sich: 900 von 1200 am Carl-Bosch-Gymnasium spielen laut Schall ein Instrument. Zwei von ihnen sind Luisa Lobmann (11) und Maya Rummel (12), die in Jahrgang fünf mit der Bläserklasse begonnen haben. „Das ist cool“, erzählt Luisa begeistert. Sie spielt Fagott und findet vor allem das Musizieren mit verschiedenen Stimmen „spannend“ – auch wenn es am Anfang schwierig war, den Takt zu halten. Maya, die Oboe spielt, sieht das genauso. „Ich habe das Instrument ausprobiert und es hat mir gut gefallen“, erzählt die Zwölfjährige, die am Anfang nicht wusste, für welches Instrument sie sich entscheiden soll. Das Kennenlernen verschiedener Blechblasinstrumente gehört zum Konzept der Klassen – auch am Wilhelm-Humboldt-Gymnasium, das das Angebot in der fünften und sechsten Klasse vor rund zehn Jahren eingeführt hat. Beim Wettbewerb „Aufwind“ für Schulblasorchester und Bläserklassen der Metropolregion Rhein-Neckar habe die Schule seitdem bereits mehrfach Preise erhalten, berichtet Christine Pfeifer, die zuständige Lehrerin. „Das Spielen im Ensemble macht den Kindern Spaß und fördert den Teamgeist“, erzählt sie. Zudem sei es mit den Bläserklassen gelungen, Schüler zu erreichen, die ohne das Angebot vielleicht kein Instrument gespielt hätten: „Uns ist es durch die Bläserklassen gelungen, ein Orchester und eine Big-Band aufzubauen – und das gibt unserer Schule ein richtiges musikalisches Profil.“ Kinder für Musik und das Erlernen eines Instruments zu begeistern, ist auch einer Kooperation der Bürgerstiftung und der städtischen Musikschule an der Bliesschule, einer der Ludwigshafener Grundschulen, gelungen. Das Projekt ermögliche seit rund fünf Jahren, dass jedes Kind ab der dritten Klasse ein Blasinstrument seiner Wahl lernen könne, berichtet Vorstandsmitglied Ute Nick von der Bürgerstiftung. Bläserklassen an Grundschulen gibt es seit zehn Jahren: „An der Goethe-Mozart-Schule in Oppau, an der Wittelsbachschule in Süd und an der Alfred-Delp-Schule in Maudach“, berichtet Angela Bauer von der städtischen Musikschule. Teils gebe es an den Schulen Kooperationen und Sponsoren, teils trügen die Eltern selbst die Kosten für den Unterricht und die Leihgebühr für das Instrument. Es gebe jedoch auch die Möglichkeit der Gebührenermäßigung oder des Gebührenerlasses, betont Bauer. Manchmal „hake“ es zwar an den Finanzen, die Bläserklassen in der Grundschule hätten sich aber bewährt: „Dadurch, dass wir in die Grundschulen kommen, erreichen wir mehr Kinder.“ Von den drei Gesamtschulen in Ludwigshafen bieten zwei Bläserklassen an: die Integrierte Gesamtschule Ernst Bloch in Oggersheim und die Integrierte Gesamtschule in der Gartenstadt. Auch hier können die Schüler in der fünften und sechsten Klasse ein Blechblasinstrument lernen, das sie von der Schule leihen können.

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