Ludwigshafen
Dating am Steinway: Das neue Konzertformat „Face to Face“ im BASF-Gesellschaftshaus
Man kann komplette Konzertabende erleben, ohne dass dabei ein Wort gesprochen würde. Kammermusiker, Solisten, ganze Orchester nebst Dirigent marschieren schweigend auf die Bühne, absolvieren das angekündigte Programm und nehmen am Ende, immer noch wortlos und routiniert, den Schlussapplaus entgegen. Erst bei der Zugabe wird ein mikrofonloser Dank und die Ankündigung eines nicht im Programmheft aufgeführten Stücks in den Saal geflüstert. Wo ist das Problem, kann man da einwenden? Bei einem Konzert sollte doch vor allem die Musik sprechen und nicht die Musiker, was sollen da Erzählungen über Lieblingskomponisten oder verspätete ICEs auf der Anreise.
Die Künstler sind sich erst dreieinhalb Stunden vorher erstmals begegnet
Das radikale Gegenmodell wird nun im BASF-Gesellschaftshaus in Ludwigshafen erprobt. Es geht hier zwar nicht um klassische Musik, sondern um Jazz, aber auch da gibt es ja durchaus wortkarge Protagonisten. „Face to Face“ heißt das neue Konzertformat, jeweils zwei Musiker oder Musikerinnen, die sich bislang nicht kannten oder zumindest nicht als Duo auf der Bühne standen, verabreden sich zu einem Dialog, der nicht bloß musikalisch stattfinden soll. Die beiden Kuratorinnen Alexandra Lehmler, Jazzmusikerin aus Mannheim, und Carine Zuber, langjährige Leiterin des Jazzclubs Moods in Zürich, haben sich das ausgedacht. Vier Duoabende soll es geben, den Anfang machten Bojan Z und Marialy Pacheco.
Die hatten sich tatsächlich erst dreieinhalb Stunden vor Konzertbeginn persönlich kennengelernt, zuvor nur mal geskypt und ein bisschen in die Youtube-Videos des jeweils anderen hineingehört. Die Programmidee war ganz einfach: ohne große Vorgaben sollten die beiden ins Gespräch kommen, musikalisch wie im wörtlichen Sinne, sollten etwas erfahren voneinander, sich inspirieren lassen, gemeinsam improvisieren. Dating am Steinway sozusagen. Dass dabei zumindest ein einzigartiger Jazzabend entstehen würde, war gesetzt, dessen Verlauf und Qualität offen.
Schnell ist klar, dass da zwei gut miteinander können
Schnell war dann klar, dass sich der in Belgrad geborene, seit Ende der 1980er-Jahren in Paris lebende Bojan Zulfikarpasic, der sich der Einfachheit halber Bojan Z nennt, und die aus Havanna stammende, inzwischen in Köln lebende Marialy Pacheco gut verstehen würden. Spontan sympathisch waren sich die beiden offenbar, lachten viel, hatten sich und damit auch dem Publikum viel zu erzählen. Dabei entdeckten der 55-jährige Serbe und die 15 Jahre jüngere Kubanerin auch überraschende Gemeinsamkeiten. Bei ihrer klassischen Klavierausbildung erfuhren beide, im damals noch jugoslawischen Belgrad wie im kommunistischen Kuba, die kompromisslose Strenge russischer Lehrer. Bojan Z ließ sich irgendwann von den Beatles für Pop und Rock begeistern und fand zum Jazz, bei Marialy Pacheco sorgte Keith Jarretts Album „The Köln Concert“, das sie mit 15 geschenkt bekam, für den Offenbarungsmoment.
Pianistische Muskelspiele waren hier nicht gefragt
Mit Jarretts Komposition „My Song“ starteten die beiden auch in Ludwigshafen. Die einfache Melodie ist ein perfekter Ausgangspunkt für eine musikalische Annäherung. Anfangs fast schüchtern tasteten sie sich in die gemeinsame Improvisation, wurden schnell mutiger, entwickelten jeweils eigene Standpunkte. Besonders bei Marialy Pacheco war der Einfluss der kubanischen Musik unüberhörbar, aus Jarretts poetischer Träumerei wurde zwischendurch ein tänzerisch-leichtes Sambastück. Die Einflüsse der Balkanmusik mit ihren mitreißenden Melodien und vertrackten Rhythmen, von denen das Spiel von Bojan Z geprägt ist, wurden erst später deutlich. Auch solistisch stellten sich die beiden vor, improvisierten dann gemeinsam über einen Blues und weitere Stücke und waren zwischendurch in ihrer Plauderlust kaum zu stoppen.
Und das Publikum war diesmal wirklich mittendrin, saß rund um die beiden in der Raummitte platzierten Steinways, die mit ihrer ausladenden Größe Eindruck machten. Dass Bojan Z, der in Frankreich ein ganz Großer des Jazz ist, gegenüber seiner improvisatorisch vorsichtigeren Partnerin viel freundliche Rücksichtnahme walten ließ, machte die Sache nur noch sympathischer. Muskelspiele zweier Tastenlöwen waren hier nicht gefragt, dafür vielschichtige Kommunikation und Spaß für alle, die dabei waren. Was sie selber mitnehmen aus der Begegnung, wurden die beiden am Ende gefragt: Bojan Z will unbedingt nach Kuba reisen, und Marialy Pacheco verspricht, Sieben-Achtel-Takte zu üben.