Ludwigshafen „Das war die reinste Odyssee“

„Irgendwo in Lu“ sind wir jede Woche in der Stadt unterwegs auf der Suche nach interessanten Gesprächspartnern. Gestern Morgen ist uns Hafizollah Amani, 43, vor seinem Handy-Laden in Süd (Mundenheimer Straße) begegnet. Der Afghane aus Kundus lebt seit 1989 in Deutschland. Er ist mit einer Landsfrau verheiratet und hat drei Kinder: eine Tochter, zwei Söhne, vier, acht und zehn Jahre alt.
Damals waren noch die Russen da. Meine Familie wollte mit den Kommunisten nicht zusammenarbeiten und war in Gefahr. Sogar in der Schule wurde Druck ausgeübt. Obwohl ich erst 14 Jahre alt war, wurde ich aus meiner Klasse verbannt. Ich kam drei Monate ins Gefängnis, bis mich mein Vater freigekauft hat. Und danach sind Sie geflohen? Zunächst nicht, ich blieb noch zwei Jahre. Aber die Bedrohung hörte nicht auf. Mein Vater hat vergeblich versucht, die Verantwortlichen zu bestechen. Dann habe ich mich auf eigene Faust auf die Flucht begeben. Ich musste einfach weg. Wie kommt man als 16-Jähriger vom Hindukusch nach Deutschland? Ich bin auf dem Landweg nach Pakistan geflüchtet und habe ich mich dort einige Monate durchgeschlagen. Schlepper haben mich dann per Flieger nach Thailand gebracht. Von Bangkok ging’s über Sri Lanka nach Europa. Das war die reinste Odyssee. Im Januar 1989 bin ich dann in Frankfurt gelandet und wurde wochenlang am Flughafen festgehalten. Die nächsten Stationen waren Ingelheim, Bad Homburg und Andernach. Da war ich gerade mal 17. Und wie ging’s weiter? Bis zur Volljährigkeit haben Pflegeeltern die Vormundschaft für mich übernommen. Mit ihnen stehe ich heute noch in Kontakt. Sie haben mir bei der Sprache geholfen – ich konnte ja damals kein Wort Deutsch. Und sie haben mir eine Ausbildung als Elektrotechniker besorgt, nachdem ich in der Volkshochschule meine Mittlere Reife nachgeholt hatte. Dann bin ich nach Ludwigshafen gekommen. Und wie wurde aus dem Flüchtling ein Kleinunternehmer? (lacht) Das war nicht einfach. Nach der Ausbildung habe ich über einen Freund eine Stelle als Beifahrer bei einem BASF-Zulieferer bekommen und später viereinhalb Jahre bei einem kleinen Elektrobetrieb in Oppau gearbeitet. Danach habe ich mich selbstständig gemacht. In der Stadt kocht derzeit eine Flüchtlingsdebatte hoch. Ihr Rat an Menschen, die hier Zuflucht suchen? So schnell wie möglich die deutsche Sprache lernen. Das ist das A und O. Von der Stadtverwaltung würde ich mir wünschen, dass diese Menschen besser unterstützt werden. Politisch Verfolgte kommen sicher nicht freiwillig hierher. Die möchten niemandem zur Last fallen. Haben Sie kein Heimweh? Doch, sehr oft sogar. Ich vermisse alles: meine Familie, Freunde und vor allem die Gastfreundlichkeit. In Afghanistan wird man überall eingeladen – egal, wie schlecht es den Menschen geht. Ich fühle mich hier wohl. Aber zu Hause ist eben zu Hause. Gibt’s noch Kontakte in die Heimat? Ja, ich war erst im Vorjahr dort. Und meine Eltern leben noch in Pakistan. Wie ist die Lage in Afghanistan? Traurig. Das Leben ist hart, die Armut nach bald 35 Jahren Krieg groß. Korruption bestimmt den Alltag. Fühlen Sie sich hier willkommen? Ja. Zwei meiner Kinder besuchen hier die Schule. Es geht uns gut. Sie sitzen ja an der Quelle: Haben Ihre Kinder schon ein Smartphone? Ja, meine Tochter und der ältere Sohn (grinst). Sie dürfen es aber nur zu bestimmten Anlässen benutzen. Verkaufen sich ältere Handys noch? Die sind beliebter als neue Geräte, weil sie günstiger sind und die Leute nicht so viel investieren wollen.