Ludwigshafen „Das Original ist nur in meinem Kopf“

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Manche Tanzstücke überleben: Sie haben zu einer anderen Zeit an einem anderen Ort Premiere gefeiert und werden nach Jahren neu einstudiert. Wiederaufnahme – das klingt nach einem tiefgefrorenen Fertiggericht, das nur kurz aufgetaut wird. Kann die Flüchtigkeit der Bewegungen überhaupt konserviert werden? Tanzintendant Stephan Thoss zeigt in dieser Saison am Mannheimer Nationaltheater seinen amüsanten „Bolero“ (1999, Kiel) und sein surrealistisches „Nightbook“ (2010, Wiesbaden) und erklärt, wie er sein Werk noch einmal frisch kocht.

„Zuerst korrigiere ich gar nichts“, sagt Stephan Thoss zu seinem Ensemble im Tanzhaus Käfertal. „Und dann ganz viel.“ Die Tänzer lachen. Heute geht es ans Putzen. Drei Wochen vor der Mannheimer Premiere von „Nightbook“ sitzen die Schritte, aber am Ausdruck muss gefeilt werden. Plötzlich scheint sich über den morgenhellen Spiegelsaal die Nacht zu senken. Dräuende Streicher vom Band erwecken seltsame Traumgestalten. Alexandra Chloe Samion lehnt ihre Stirn auf einen Tisch. In der Rolle einer Schriftstellerin hadert sie mit den Geschichten, an denen sie gescheitert ist. Sie lupft vorsichtig die Tischkante. Darunter kauert der Tänzer Tenald Zace als wandelndes Archiv der unvollendeten Erzählungen. Wie ein Käfer krabbelt dieser düstere Schattenmann mit dem Bauch nach oben hervor, später fasst er den Arm der Schriftstellerin, kommt ihrem Gesicht ganz nah. Stephan Thoss flüstert unaufhörlich nach links und rechts zu seinen Assistenten. Dort muss das Bein höher, da war die Hand einen Tick zu spät. Zoulfia Choniiazowa und Giuseppe Spota nicken und kritzeln auf ihren Klemmbrettern. Sie sind das wandelnde Korrekturgedächtnis. Vor sieben Jahren ist das Nachtstück in Wiesbaden erstmals aufgeführt worden. Das Bühnenbild ist inzwischen zerlegt und anderweitig verwendet worden. Die Kostüme von damals haben ihre Elastizität verloren oder passen den Mannheimer Tänzern nicht und müssen neu angefertigt werden. Immerhin konnte das blutrote Sofa aus dem Fundus in Wiesbaden erworben werden. Weil die Scheinwerfer in jedem Theater anders hängen, kann selbst die Lichtstimmung nur nachempfunden werden. Auch die Erinnerung an die Schrittfolgen ist verblasst und von anderen Kreationen überlagert worden. Und doch hat Stephan Thoss alle Bewegungen in seinem Körper gespeichert – wie der Schattenmann. Auf alte Videoaufnahmen allein verlassen sich Choreographen nur ungern, denn darauf sind auch Fehler festgehalten. Aber die Bilder kurbeln den Denkprozess an. „Dann erinnere ich mich schon. Ich beginne die Melodie zu summen und bewege mich“, erzählt Thoss. Die Musik ist es, die den 51-Jährigen dann leitet, weil er sie in die Bewegungen eingeschrieben hat. Die Ferse pocht etwa zum Trommelschlag, und die Hüfte nimmt den Tonbogen auf. Zu schwierigen Passagen hat Thoss Strichmännchen skizziert, die die Form und Dynamik der Bewegungen festhalten, ergänzt mit Anmerkungen wie „scharf“ oder „schwebend“. Aber was rekonstruiert man bei einer Wiederaufnahme? Was ist das Original? Die Uraufführung kann es nicht sein, denn bis zu dem Abend wird alles gerade so zusammengefügt: Die Tänzer konnten noch nicht genug austesten, wie sie ihre Kondition einteilen. Oder ist es die Essenz am Ende der Saison, wenn unzählige Varianten erprobt wurden? „Das Original ist nur in meinem Kopf“, antwortet Stephan Thoss. „Als ich diese Erkenntnis vor Jahren jemandem erzählte, dachte er, ich bin nicht ganz dicht. Ich überlege sehr lange mein Konzept, höre mir die Musik an, male Bilder dazu und sehe alles ganz genau. Und dann ist es viel Arbeit, bis ich dieses Stück auf die Körper übertragen habe und es endlich auf der Bühne sehe.“ Zwei Männer klopfen zwillingsgleich an eine unsichtbare Tür im Probensaal. Sie stampfen im tiefen Plié und schleudern umher, bis einer von Krämpfen geschüttelt auf den Boden geworfen wird, die Hand zu einer Klaue gefroren. Zu müde wirken die beiden heute, findet Thoss. Der Choreograph spreizt die Arme monstermäßig ab, die Augen tief unter zornigen Brauen versunken. „Ihr seid wütend, weil ihr als Figuren in dieser bescheuerten Geschichte gefangen seid. Roar, roar“, grummelt Thoss. „Im Moment wirkt ihr eher blub, blub.“ Mit dieser Demonstration hat der Leipziger die Männer erfolgreich gepuscht: Beim zweiten Durchlauf ruft er sichtlich begeistert. „Großartig, I love it.“ Für wenige Sekunden haben sie die Figuren zum Leben erweckt, die Thoss vor seinem inneren Auge sah. „Ich darf nicht wie ein Polizist ständig dazwischenrufen. Denn ich will mich ja inspirieren lassen“, sagt er. Denn manchmal gefällt ihm die Version der Tänzer besser. „Falsch ist richtig“, sagt er dann. „Die Arme müssen eigentlich anders sein, aber so sah es toll aus.“ Er passt sein Werk an die Körper seines Mannheimer Ensembles ganz neu an. In seiner ersten Saison zeigt Thoss einige Wiederaufnahmen, um den vier Gastchoreographen mehr Probenzeit für die neuen Stücke einzuräumen, und weil das Programm eng getaktet ist. Zum Einstudieren blieben zwischen den Premieren nur sechs Wochen. „Alles neu zu machen, ist riskant“, sagt er. „Man sollte nicht auf halbleerer Batterie arbeiten.“ Die Recherche für sein erstes „Nightbook“ war zwar aufregend, aber auch aufwendig: Thoss musste sich Musik suchen, ein Libretto ersinnen, sich verrückte Kurzgeschichten ausdenken. Für Mannheim verlängerte er das Stück um 20 Minuten, drehte alle Videos neu und schmiss eine Szene raus, weil sie ihm nun zu dicht erschien. Er feilt weiter an seinem Nachtbuch, weil es dem besonders nahe kommt, wie er mit Tanz erzählen will – ein Herzensstück. Ein Repertoire für die Zukunft zu erhalten, interessiert ihn dagegen (noch) nicht. Seine Kunst bleibt flüchtig, und das gefällt ihm. „Es ist doch gut, dass wir nicht zu dem Wahn des Konservierens dazugehören“, sagt Thoss. „Nach der Vorstellung bleibt noch ein Echo, dann verlöschen die Erinnerungen, und es ist weg. Du kannst wieder eine Aufführung besuchen, aber dann siehst du etwas anderes. Jede Vorstellung ist ein Unikat. Und wenn du nicht da warst, hast du Pech gehabt.“ Termine „Gesicht der Nacht“ mit StephanThoss’ „Nightbook“ im Mannheimer Nationaltheater am 28. April, 27. Mai., 10. Juli, 16. Juli, 22. Juli. „New Steps - Bolero“ am 7. Mai, 31. Mai und 11. Juni. Karten unter Telefon 0621/1680258. Einen Einblick in die Proben zu „Nightbook“ gibt ein Video unter www.vimeo.com/210744457.

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