Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Das neue Wir : Uraufführung des „Trickster Orchestra“ im BASF-Feierabendhaus

Dirigentin und Komponistin Cymin Samawatie.
Dirigentin und Komponistin Cymin Samawatie.

„Wie geht das neue Wir?“, hieß die Frage, auf die Cymin Samawatie, Ketan Bhatti und Seda Keskinkiliç am Freitagabend mit ihrem Werk „Amphiphilie“ eine Antwort versuchten. Die Uraufführung im BASF-Feierabendhaus war inspirierend.

Auf der Bühne versammelten sich an diesem Abend Musiker und Instrumente aus verschiedenen Ensembles der Region, aber auch aus verschiedenen Gegenden der Welt und verschiedenen Musiktraditionen. Die Leute des „Trickster Orchestra“, federführend Samawatie und Bhatti, konnten in der Metropolregion aus dem Vollen schöpfen. Das Orchester setzte sich zusammen aus Mitgliedern der Staatsphilharmonie, des „Ensembles Colourage“ (das seinerseits Musizierende aus „Orientalischer Musikakademie“, Staatsphilharmonie und Popakademie zusammenbringt), Sängern des „Klangforums Heidelberg“, Streichern des „Kurpfälzischen Kammerorchesters“, Bläsern des Nationaltheater-Orchesters und Mitgliedern des „Trickster Orchestras“, zu deren Instrumenten auch die japanische Koto, eine Zither-Art, das chinesische Sheng, eine Harmonika-Art, und orientalische Flöten gehören.

Klangvielfalt als Abbild der modernen Gesellschaft

Diese Vielfalt, über Genres und Kulturkreise hinweg, sorgt nicht nur für eine besonders reichhaltige Palette von Klangfarben – es ist auch ein Abbild der modernen Gegenwartsgesellschaft. Die Frage nach dem „neuen Wir“ kam von der BASF-Kulturabteilung. Und sicher spielt es eine Rolle, dass das Unternehmen ein internationaler Konzern ist. An seinem Stammsitz in Ludwigshafen wird besonders deutlich, dass die Gesellschaft inzwischen bunt und vielfältig geworden ist – zumindest von außen betrachtet.

Aber wie kommen diese verschiedenen Kulturen, Lebensweisen, Weltanschauungen und Traditionen zusammen? Wie wird aus dem „Nebeneinander“ ein „Miteinander“? Oder gibt es vielleicht auch „Gegeneinander“? Cymin Samawatie als Komponistin und Seda Keskinkiliç als Librettistin sagten übereinstimmend im Vorgespräch, dass es notwendig sei, eine neue Sprache zu finden, weil das bisherige Vokabular aller Beteiligten nicht ausreiche. Das spiegelte sich in der Musik wieder: Es entstanden Klangkombinationen, die Instrumente verschiedener Traditionen zusammenbringen und so ganz neue Klangfarben erzeugten. Aber die neue Sprache war auch im Umgang mit den Instrumenten selbst gefordert: Neben den „herkömmlichen“ Spielweisen forderten die Komponisten auch unkonventionelle Klangerzeugungen bis hin zu Geräuschen. Auch die Musizierenden mussten dafür ihre gewohnten Komfortzonen verlassen und sich auf Neues einlassen.

Fast eine Metapher: Einige Besucher verließen vorzeitig den Saal

Dazu gehörte auch die freie Improvisation, das Spielen aus dem Moment heraus, in Interaktion mit den anderen Instrumenten. Das ist zum Beispiel für die klassischen Musiker, die an feste Noten-Vorgaben gewöhnt sind, oft neues Terrain. Die sieben Stücke des Abends waren teils ausnotiert, teils gemeinsame Improvisationen. Trotzdem war herrschte keine Willkür: Deutlich zu sehen war, wie Dirigentin Samawatie auch hier Struktur und Dynamik leitete, einen Rahmen vorgab, den die Musiker ausfüllten. Natürlich kam da nicht durchweg harmonischer Wohlklang heraus. Klänge wurden auch gegeneinander gesetzt, es gab Dissonanzen, lärmenden Krach, aber auch Zartheit. Das gefiel auch nicht jedem, eine Hand voll Zuhörer verließen den Saal – auch das könnte man als Metapher sehen: Der Prozess des gesellschaftlichen Wandels wird ja auch nicht von allen mitgetragen.

Im Titelstück „Amphiphilie“ versuchte Librettistin Keskinkiliç prototypische Charaktere oder Stimmen zu Wort kommen zu lassen. Sehr eindrücklich setzten das die Sänger des „Heidelberger Klangforums“ in verschiedenen Sprachen um. Das mutige Musikprojekt wurde von allen Beteiligten mit viel Engagement, gutem Zusammenspiel und großer Präzision realisiert, was sich bei den schwierigen rhythmischen Passagen besonders zeigte. Freilich sind auch die Hörer gefordert, sich einzulassen und sich eigene Gedanken zu machen – um letztlich einen gesellschaftlichen Diskurs anzustoßen. Das Publikum war hoch begeistert und feierte Werk und Künstler mit langem Applaus.

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