für Flaneure
Darstellung einer grausamen Strafe: „Gestürzter Prometheus“ am Carl-Bosch-Gymnasium
Der griechischen Mythologie zufolge schuf Prometheus die Menschen aus Ton, lehrte sie verschiedene Handwerke und Wissenschaften und brachte ihnen gegen den Willen der Götter das Feuer. Zur Strafe fraß ein Adler seine Leber, die sich jedoch immer wieder erneuerte. Unentwegt quälte der Adler auf Befehl des Göttervaters Zeus so den Titanen.
Die Plastik stammt von dem Künstler Michael Croissant, der 1928 in Landau geboren wurde und 2002 in München starb. Informationen über Werk und Künstler blieben der Schulleitung 1965 jedoch zunächst vorenthalten. Eines Morgens im Oktober stand die Skulptur, ohne dass der Direktor Bescheid wusste, auf dem Schulhof. „Die Sportlehrer wollten es als Sportgerät verwenden. Die Chemiker wollten es vorsichtig in kleine Stücke brechen und in Reagenzgläsern aufbewahren und danach untersuchen. Die Erdkundelehrer hielten es für einen außergewöhnlichen Meteorit“, heißt im Jahrbuch des Gymnasiums. „Den Granatsplitter haben wir ihn immer nur genannt“, erzählt Gerhard König. Der 72-jährige Lehrer, der immer noch stundenweise am Geschwister-Scholl-Gymnasium unterrichtet, war Schüler am Carl-Bosch-Gymnasium, als das Metall auf dem Schulhof landete.
„Der Gestürzte Prometheus“ war als Kunst am Bau für die damals gerade erst eingeweihte Turnhalle gedacht. Mit diesem Wissen konnten die Griechischlehrer „Prometheus“ übersetzen: „der Vorausdenkende“. Nicht vorausbedacht war allerdings, dass das Werk mit einer Höhe von 3,25 Metern, einer Länge von vier und einer Tiefe von 2,5 Metern mit etlichen scharfen Kanten für einen Schulhof völlig ungeeignet war. Deshalb kam es an die Turnhalle. Bis heute kursiert das Gerücht, es hinge falsch herum, weil die Bauarbeiter, die an der Montage beteiligt waren, mit dem Werk nichts anfangen konnten. Eine Untersuchung im Auftrag des Wilhelm-Hack-Museums im Jahr 2011 widerlegt dies jedoch. Allerdings hängt das als Freiplastik geplante Werk, das eigentlich von allen Seiten aus im Stehen zu betrachten sein sollte, nun um 90 Grad gedreht und einige Meter hoch.
Wie der Künstler das gefunden hat, ist nicht zu ermitteln. Sein Frühwerk „Gestürzter Prometheus“ fällt sowieso ein wenig aus der Reihe. Michael Croissants international preisgekrönte Plastiken wie „Kopf“, „Figur“ oder „Stehender“ sind zumeist von klaren geometrischen Formen bestimmt. Schaut man genauer hin, erkennt man auf dem Foto am unteren rechten Rand die Gestalt eines Adlers. Würde die Skulptur wie geplant auf einem Sockel auf dem Boden stehen, würde der Raubvogel – wie auch in anderen künstlerischen Darstellungen des Themas – von oben auf Prometheus´ Leber einhacken.
Vielleicht ist die Art der Präsentation schuld daran, dass Schüler, Eltern und Lehrer mit dem Kunstwerk nur wenig anfangen können. Schulleiter Urs Böckmann: „Ich befürchte, eine Liebesbeziehung werde ich zu diesem Kunstwerk nicht entwickeln.“
„Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage“, steht an der Tür des Gymnasiums. Engagiertes Eintreten für Frieden und Bildung ist Ziel der Schule. Prometheus hat den Menschen mit dem Feuer die Möglichkeit gegeben hat, sich selbst zu helfen. „Es macht mich stolz, dass Prometheus, der sich für Gleichberechtigung und Selbstermächtigung eingesetzt hat, für unsere Schule steht“, meint eine Schülerin der zehnten Klasse. Doch er wird für seinen Einsatz mit größtmöglichem Sadismus bestraft. „Das passt vielleicht zu den Erziehungsmethoden der damaligen Zeit“, meint der ehemalige Schüler Gerhard König: „Wer aufmüpfig war, bekam was auf den Deckel“.