Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Daniel Cremer entwickelt einen „Männerabend“ fürs Mannheimer Nationaltheater

Die Abschaffung des Patriarchats sorge für eine „gefährdete Männlichkeit“, eröffne aber letztlich viele Chancen, meint Regisseur
Die Abschaffung des Patriarchats sorge für eine »gefährdete Männlichkeit«, eröffne aber letztlich viele Chancen, meint Regisseur Daniel Cremer.

Auf voller Fahrt gestoppt: Der Regisseur Daniel Cremer entwickelt fürs Mannheimer Nationaltheater einen „Männerabend“, der nun kurz vor der Premiere vertagt wird. Um die Folgen des Patriarchats soll es gehen, und wie sich Männer gerade fühlen in Zeiten von Gendersternchen und „MeToo“. Statt auf der Probebühne trifft man sich nun in einer WhatsApp-Gruppe, neuer Premierentermin ist Ende April.

„Die Probe findet gerade in meinem Kopf statt“, meint Daniel Cremer überraschend gut gelaunt am Telefon. Montag und Dienstag gab es keine Proben, wie es dann weitergeht, weiß er noch nicht. „Ich sitze in der Theaterwohnung und warte auf Anweisungen“, sagt Cremer. Mit seinen Schauspielern ist er in ständigem Kontakt, man arbeite jetzt „mental“, jeder gehe den Abend einmal pro Tag im Kopf durch. Auch sonst sitzt Cremer in der Warteschleife, wollte mit seiner Performance „Wunder der Liebe“ beim Festival „Radikal jung“ in München auftreten. Das ist aber genauso abgesagt wie alle anderen geplanten Auftritte. Auch Gespräche über künftige Inszenierungen liegen auf Eis. Natürlich werde das finanziell für ihn zum Problem, sagt der 36-Jährige. Er ist ja nicht fest angestellt, sondern arbeitet als freier Künstler.

Jäger, die alles teilen

Ein paar Tage zuvor konnte man Daniel Cremer im Werkhaus des Theaters noch persönlich treffen. Auf der „Probenbühne B“ arbeitete der Regisseur mit seinem Produktionsteam und vier Schauspielern (drei Männer, eine Frau) an seinem „Sex - Die halbe Wahrheit“ überschriebenen „Männerabend“. Dessen Berechtigung muss in postpatriarchalen Zeiten natürlich erst mal begründet werden, schließlich ist die westliche Welt beim Geschlechterthema eher mit anderen Fragen befasst. Wie man Lohngleichheit herstellen kann zum Beispiel, wie Frauen in einen Aufsichtsrat kommen oder wie man sexuell übergriffige Männer in den Griff bekommt. „An der Oberfläche hat sich viel verändert“, sagt Cremer, „aber darunter gibt es eine große Verunsicherung“. Viele Männer hätten das Gefühl, dass ihnen „durch die Emanzipation etwas weggenommen wird“.

Daniel Cremer wollte nicht bloß in die aktuelle Debatte über „MeToo“ und „toxische Männlichkeit“ einsteigen, sondern sich dem Thema von Grund auf nähern. Fündig wurde er etwa in dem Buch „Sex. Die wahre Geschichte“ der amerikanischen Ethnologen Christopher Ryan und Cacilda Jetha. Da wird unsere Vorstellung von Evolution und Paarbeziehung grundsätzlich in Frage gestellt. Der Homo sapiens der Frühgeschichte wird als sexuell polygamer Jäger und Sammler beschrieben, den erst Ackerbau und Grundbesitz zu einem monogamen Wesen machten. „Bei den Jägern und Sammlern war Sex ein Mittel des sozialen Zusammenhalts, alle teilten alles mit allen, auch den Sexualpartner“, so Cremer, erst mit festgefügten Besitzverhältnissen konnten patriarchale Strukturen entstehen.

Ungewöhnliches Casting

So theorielastig wird es bei Cremers „Männerabend“ allerdings nicht zugehen, das erwähnte Buch wird überhaupt nicht vorkommen. Stattdessen „Männertypen zwischen Klischee und Satire“. Diese hat der Regisseur in achtwöchiger Probenarbeit mit seinen Schauspielern entwickelt; dabei wurde viel improvisiert, ausprobiert, vom Regisseur moderiert und am Ende ausgewählt. „Hat super geklappt“, freut sich Cremer, der für diese Inszenierungsweise nicht einfach vier Schauspieler besetzt hat, sondern mit mehreren Kandidaten gesprochen und es letztlich jedem freigestellt hat, ob er dabei sein möchte. Neben Boris Koneczny, Ingo Brück und Eddie Irle ist mit Tala Al-Deen auch eine Frau in den „Männerabend“ geraten.

„Männer und Emotionen“ sei die Kernidee für das Projekt gewesen, weil Männer zwar seit Jahrhunderten die Welt erklären, über ihre Gefühle aber kein Wort verlieren. „Wir möchten die Männer erst mal annehmen, wie sie sind, das zeigt schöne Sachen und hässliche Sachen“, so Cremer. Die Abschaffung des Patriarchats sorge für eine „gefährdete Männlichkeit“, eröffne aber letztlich viele Chancen.

Eine Zukunft, in der alle schwul sind

Daniel Cremer, 1983 in Mönchengladbach geboren, ist von Haus aus Regisseur und Dramaturg, hat auch selbst Stücke geschrieben. Nach Regiearbeiten für Schauspiel und Oper unter anderem in Köln, Berlin, Heidelberg, Basel und Zürich hat er in den vergangenen acht Jahren aber ausschließlich als Performer gearbeitet. Dabei sind skurrile Liederabende, verwirrende Kunstführungen in Museen und die Theatergruppe „Talking Straight“, die in einer erfundenen Fantasiesprache kommuniziert, entstanden. Auch ein Hörspiel über eine Zukunftswelt, in der alle schwul sind, hat Cremer geschrieben. „Die Herausforderungen der Zeit verlangen nach anderen Formen“, sagt er, den am Theater vor allem der „Live-Moment“ interessiert, die Unmittelbarkeit und Direktheit, die keine andere Kunstform zu bieten hat.

Riesenzitrone und Warnschilder

Das Bühnenbild des „Männerabends“ bietet einen offenen Raum mit ein paar surreal anmutenden Requisiten. Eine Zielscheibe hängt von der Decke, am Boden liegt eine Riesenzitrone, und hinten am Vorgang hängen gelbschwarze Warnschilder. Wie bei einem Crashtest stellt sich Cremer die Situation vor, statt Autos eben Männer, „die hohem Druck ausgesetzt werden“. Beim Telefongespräch spricht Cremer davon, dass „Ungewissheit auch Potenzial bietet“. Er meinte die Pandemie und ihre Folgen, passt aber auch ganz gut zu einem Theaterabend, der sich mit verunsicherten Männern und ihrer Suche nach neuen Rollenbildern beschäftigt.

x