Ludwigshafen „Damals gab’s kein Amazon“
Ganz zufällig hat Oliver Scherb aus Waldsee das alte Rezept aus dem Jahr 1945 gefunden. „Kürzlich stöberte ich in einem alten Kochbuch meiner Uroma, da fiel es raus“, erzählt der 17-Jährige. Leider konnte er seine Urgroßmutter nicht mehr dazu fragen, denn sie lebt nicht mehr. Aus der Rechnung geht hervor, dass das Rezept für eine Salbe war und es in einer Apotheke in Rheingönheim eingelöst wurde. Mehr weiß er dazu nicht. Seine Urgroßeltern lebten in Waldsee, waren einfache Bauersleute. Das Rezept möchte Oliver Scherb auf jeden Fall aufbewahren, „vielleicht gebe ich es dem Heimatmuseum in Waldsee“. Er interessiert sich für alte Dinge, aber mehr für technische: „Ich repariere alte Mofas, mein ältestes ist aus dem Jahr 1980“, erzählt er. Oliver Scherb hat gerade seine Schule beendet und beginnt nun eine Lehre zum Anlagen-Techniker in der BASF. Zahlung in Reichsmark Auch Petra Laforce-Blanz Zahlkarte und Postanweisung waren Zufallsfunde. „In einem sehr alten Buch meiner Mutter Gertrud Laforce fand ich diese aus dem Jahr 1938. Damals wurde irgendetwas – noch in Reichsmark – bezahlt“, erzählt die Waldseerin. Leider weiß auch ihre Mutter selbst nicht mehr, warum die Zahlung über 316,31 Reichsmark geleistet wurde. „Obwohl sie geistig noch sehr fit ist und auch lange überlegt hat, fällt es ihr leider nicht mehr ein“, erzählt Petra Laforce-Blanz. Ihre Mutter ist Jahrgang 1922 und mittlerweile 95 Jahre alt. Was sie wundert: „Die Zahlkarte wurde von meiner Mama ausgestellt, da war sie gerade einmal 16 Jahre alt.“ Gertrud Laforce ist eine geborene Schlosser, ihre Familie hatte in Waldsee die bekannte Gaststätte „Zum Ochsen“ betrieben. „Im Ort hieß Sie nur: die Ochsenwirtin Trudel“, erzählt ihre Tochter. RHEINPFALZ-Rechnung mit Tipps Ganz besondere Rechnungen hat Gertrud Lorch aus Böhl-Iggelheim: Es sind Quittungen für das RHEINPFALZ-Abonnement, die speziell für ein Sammelalbum ausgestellt wurden. „Die gab es zu verschiedenen Themen“, erinnert sich die Böhl-Iggelheimerin. Sie hatte eines mit dem Titel „Tagebuch für meinen Garten“. Einmal im Monat kassierte die Austrägerin das Geld fürs Abonnement persönlich an der Haustür. Wer ein Sammelbuch hatte, bekam eine Rechnung, auf der oben ein Tipp zum jeweiligen Thema stand. „Das klebte man dann in das Buch, am Ende des Jahres hatte man dann viele Anregungen für das Gartenjahr“, erzählt die 81-Jährige. „Das war immer sehr interessant, ich habe da auch später oft reingeschaut.“ Ihr Tagebuch ist aus dem Jahr 1973, damals kostete das RHEINPFALZ-Abonnement 8,50 Mark im Monat. Gertrud Lorch ist seit 1959 treue RHEINPFALZ-Leserin. Erinnerung an legendäre Spiele Auch Winfried Seelinger aus Dannstadt-Schauernheim blättert gern in seinen alten Quittungen. Darunter ist jene von seinem ersten Fahrrad aus dem Jahr 1954, auf die er sogar ein Foto von sich auf dem Rad geklebt hat. Es war ein nigelnagelneues Rad der Firma Strickler aus Bielefeld. „Das war damals eine sehr bekannte Fahrrad-Marke“, erinnert sich Winfried Seelinger, der damals zwölf Jahre alt war. „Das Rad wurde am Bahnhof von Böhl angeliefert, damals gab es ja noch kein Versandhandel, der bis an die Tür liefert“, erzählt er. Damals lebte er mit seiner Familie in Böhl. 160 Mark kostete das neue Rad, das sogar schon eine Drei-Gang-Schaltung hatte. „Ich fuhr damit dann immer zur Schule nach Neustadt.“ Später kaufte er sich ein Rennrad, mit dem unternahm er mit Freunden viele Touren - nach Budapest oder ans Ijsselmeer. Aber auch zu verschiedenen Sportveranstaltung in der Region radelte er mit seinen Freunden. Ob Radrennen, Handball-Turnieren, Ringen, Motorrad-Rennen oder Fußballspielen – „Sport im Allgemeinen ist eine große Leidenschaft von mir, neben der Sammelleidenschaft überhaupt“, erzählt der 76-Jährige und lacht. Und darum hat er auch viele der Eintrittskarten aufgehoben. Darunter einige Fußball-Länderspiele im Ludwigshafener Südwest-Stadion. Zum Beispiel jenes Spiel Deutschland gegen Portugal im Jahr 1960, die Deutschen gewannen 2:1. „Uwe Seeler schoss in der 35. Minute das erste Tor für uns, und in der 61. Minute machte jener ominöser Helmut Rahn das zweite Tor“, erzählt er. Auch das hat er sich notiert. Mit der Linie 19 in die Innenstadt Einen alten, recht hübschen Fahrschein aus den 1950er-Jahren hat Bernd Hettler aus Limburgerhof aufgehoben. Den musste man damals beim Kontrolleur in der Bahn lösen. Er erinnert ihn an die vielen Fahrten von der Parkinsel in die Ludwigshafener Innenstadt mit seiner Mutter, als er noch ein kleiner Junge war. Damals lebte er mit seiner Familie dort, wo ganz in der Nähe das Straßenbahn-Depot mit der Drehbühne für die Straßenbahnen war. „Dort sind wir immer in die Linie 19 eingestiegen, wenn wir irgendetwas in der Stadt kaufen mussten, damals gab es ja noch viele gute Geschäfte in Ludwigshafen und es gab noch kein Amazon“, erzählt der 70-Jährige und lacht. Die Einkaufstour sei immer ein kleines Abenteuer gewesen. Als kleiner Junge mochte er die alten Kastenwagen mit Holzverkleidung. „In diesen gab es eine Klingel, die der Schaffner mit dem Fuß betätigte. Und manchmal durfte ich klingeln“, erinnert sich Bernd Hettler . Außerdem hat er noch einen Geldschein über 50.000 Mark aus dem Jahr 1923 aufgehoben. „Das Besondere daran ist, dass dieser von Konrad Adenauer unterschrieben war, der damalige Oberbürgermeister von Köln“, erzählt er. Damals hatten die Städte noch das Recht, eigenes Geld zu drucken. „Jener Herr Adenauer wurde dann bekanntlich der erste Bundeskanzler der jungen Bundesrepublik.“