Mannheim
Collini-Center: Nach Bewohnern schlagen Architekten Alarm
Eigentlich ist der Abriss des als marode eingestuften Gebäudes samt Galerie schon beschlossene Sache. Ein Neubau soll dem Anfang der 1970er-Jahre errichteten Komplex folgen. Nun aber schlagen nicht nur die Bewohner des unmittelbar angrenzenden und zu erhaltenden Wohnturms Alarm. Auch in der Wissenschaft- und Kunstszene regt sich Widerstand. Unter dem Titel „Gefährdete Arten – Erhalt vs. Abriss in Baden-Württemberg“ widmet sich eine Ausstellung des Bunds Deutscher Architekten in Stuttgart explizit dem Brutalismus-Bau am Mannheimer Neckarufer.
Die Architekten sprechen sich dabei für den Erhalt des zehngeschossigen Büroturms sowie der zweigeschossigen Einkaufspassage aus, auch wenn der Denkmalschutz diese zwar als „zeittypisch, jedoch nicht innovativ oder gestalterisch hochwertig“ genug einstufte. Nach den Bauten des Barock und Späthistorismus seien es vor allem die Bauwerke der Nachkriegsjahre, die das Mannheimer Stadtbild prägten. Auch das vom Architekten Karl Schmucker entworfene markante Collini-Ensemble zählt seit knapp 50 Jahren fest zur Skyline.
Leerstand seit Jahrzehnten
Seit Jahrzehnten herrscht in dem Komplex aber auch Leerstand. Das Kurpfalzbad in der Passage schloss bereits 1990 die Pforten, Kino und Restaurants kamen und gingen, 2021 wurden mit dem Auszug der technischen Ämter der Stadt endgültig die Lichter im Büroturm ausgeknipst, der fast zehn Jahre lang mit Gerüsten umhüllt war.
Der geplante vollständige Abriss durch die neue Eigentümerin Deutsche Wohnwerte konterkariert nach Ansicht der Karlsruher Architektin Soffia Jungmann die Nachhaltigkeitsaspekte, die in der Wettbewerbsauslobung vor drei Jahren gefordert wurden. „Die wirtschaftliche Betrachtung wurde bei der Entscheidung klar vor die kultur- und baugeschichtliche Relevanz des Gesamtensembles gestellt“, betont sie in einem Ausstellungstext. Gerade in der Skelettkonstruktion, den vielen verbauten Trägern und Stützen, erkennt sie Potenzial für einen Umbau. Zudem hebt sie die hohe Identifikation der Bewohner mit ihrem Wohnturm hervor, die sich selbst als „Collini-Bewohner“ bezeichnen.
Die Neubau-Pläne
Die vier geplanten Neubauten mit einer Nutzmischung aus Büros, Geschäften, Kindertagesstätte und Wohnungen sollen zwar in ihrer Gebäudeform Bezug auf den Bestand nehmen, der „Collini-Wohnturm als Ankerpunkt des südlichen Neckarufers“ erhalten bleiben. „Durch die Auflösung der Gesamtkubatur verliert die Stadt jedoch einen markanten Blickpunkt, der im Zusammenspiel mit der Neckaruferbebauung Nord das Stadtbild prägte“, so Jungmann.
Der eigentlich für den Herbst 2022 vorgesehene Abriss konnte aufgrund der fehlenden Genehmigung seitens der Stadt bislang nicht in Angriff genommen werden. Inzwischen aber sollen alle Unterlagen vorliegen. Derweil beklagen die Bewohner weiterhin den zunehmenden Verfall des ehemaligen Technischen Rathauses und der Galerie. Der Aufzug, der einzige barrierefreie Zugang vom Collini-Steg, der auch von den Anwohnern genutzt wird, ist nicht nur mit Graffiti beschmiert. Manche Ecken am leeren Gebäude sind offenbar bei Wildpinklern sehr beliebt. Zudem klettern Sprayer den Büroturm hinauf, besprühen die Fenster und zerstören Jalousien. „Den Bewohnern des Wohnturms gegenüber ist das absolut respektlos“, klagt Anwohner Thomas Holzner über die Missstände, die mit dem Auszug der städtischen Mitarbeiter aus dem Büroturm begannen.
Noch Fragen?
Die Ausstellung „Gefährdete Arten“ ist bis zum 31. März im BDA-Wechelraum (Zeppelin Carré, Friedrichstraße 5) in Stuttgart zu sehen.