Ludwigshafen
Chilly Gonzales begeistert im ausverkauften BASF-Feierabendhaus
Am Ende wollen sie ihn gar nicht mehr gehen lassen. Der in Köln lebende Kanadier und seine Mitstreiter werden gleich mehrmals frenetisch gefeiert, spielen Zugabe um Zugabe. Schweiß perlt von der Stirn. Nach 2015 und 2019 ist es „Gonzos“ dritter Besuch in Ludwigshafen. Das Konzertprogramm der BASF hatte sich das „Musical Genius“ zum 100. Geburtstag gewünscht. Nun wurde das Präsent mit einem Jahr Verspätung geöffnet, und es war ein berauschendes Erlebnis, ein Fest für Geist und Ohren. Mit Klassik, Jazz, Pop, Rhythmus, Melodien und Hymnen, die Herz und Seele, und manchmal auch das Zwerchfell berühren.
Äußerlich wirkt Chilly wie ein italienischer Mafiosi
Vom äußeren Erscheinungsbild wirkt Jason Charles Beck, so der bürgerliche Name, wie ein Gigolo oder italienischer Mafiosi: Schwarz-bordeauxroter Morgenmantel, hellbraune Seidenslipper, weißes Unterhemd, unter welchem eine Goldkette hervorblitzt. „I want to be Tony Soprano, but I'm better known for tones on the piano“, rappt er in „Bongo Monologue“. Da ist der 50-Jährige bei seinem Zwei-Stunden-Set schon längst zum spaßigen Teil übergegangen. Und doch beschreiben die Zeilen den Wandel, den er in seiner Selbstfindung durchlaufen hat. Anfang der 2000er ist der Kanadier eher für trashige Videos mit Peaches und Feist bekannt. Als „Worst MC“ mit Jogginganzug und Stirnband nimmt er Rapper wie Eminem auf die Schippe. Den Kleidungsstil hat er nur bedingt gewechselt, und doch schlägt der studierte Jazzpianist seitdem völlig andere Töne an.
Guinness-Weltrekord für das längste Solokonzert
Schweigen und Dunkelheit zu Beginn, die einzigen Lichter im großen Raum sind auf die Klaviertasten des modernen Maestros gerichtet. Mit „Rideaux Lunaires“ lässt Gonzales eine schicksalhafte Melodie erklingen. Düster und geheimnisvoll, wie der Schwarzen Romantik oder einem Polanski-Film entsprungen, in welchem sich die Figuren voller Hingabe ins verlockende Unglück stürzen. Doch da rettet sie schon der andere Chilly. Die Finger, die eben noch sanft und zart über die Klaviatur glitten, verwandeln sich in steife Schaufeln, flattern wie Flügelschläge eines Kolibris über die Tasten. Gonzales macht Musik zum Sport. Er hält mit über 27 Stunden den Guinness-Weltrekord für das längste Solokonzert. Der Musiker verbindet Klassik mit Jazz und Pop, und wird dabei von Stella Le Page am Cello, Yannick Hiwat an der Geige und Taylor Savy am Kontrabass noch angespornt.
Von Schokoladenseen und violetten Vulkanen
Viele Melodien wirken von der ersten Sekunde an vertraut, als wären sie schon vorher im Kopf und würden nur darauf warten, wie eine Jukebox angeschmissen zu werden. Vor allem gefühlvolle Stücke wie „Advantage Points“, „Knight Moves“, „White Keys“ oder „Dot“ sind cineastisch und voller Dramatik. Das liegt vielleicht in der Familie, sein Bruder Christophe Beck hat den Soundtrack von Filmen wie „American Pie“ oder „Hangover“ kreiert.
Dezent und zu Beginn noch sehr zurückhaltend, schimmert Stück für Stück die humorvolle Note des Künstlers durch. Wenn er einen hohen Ton anspielen will, den der Klavierflügel gar nicht hergibt, ein Kauderwelsch-Denglisch spricht, eine BASF-Melodie aus den Noten „b“, „a“, „es“ und „f“ kreiert oder im Rap vom Beginn allen Lebens mit Schokoladenseen und violetten Vulkanen singt.
Mischung aus Hans Zimmer und Helge Schneider
Vielleicht darf man sich Chilly Gonzales als eine Mischung aus Hans Zimmer und Helge Schneide, mit dem er sich auch schon ein Duett-Battle lieferte, vorstellen. Doch Musical Genius trifft es besser. Da er sich immer stärker als Klaviervirtuose statt als Unterhaltungskasper präsentiert, dennoch seinen Prinzipien treu bleibt, und sich dem Steif-Förmlichen, das der Klassikwelt oft noch anhaftet, mit Bademantel und Pantoffeln, vor allem aber mit zeitgenössischen, epischen Eigenkompositionen entgegenstellt.