Ludwigshafen „Brasilianer lieben es, zu feiern“

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Camilla Dojicsar kommt aus Brasilien, arbeitet aber zurzeit bei der BASF in Ludwigshafen. Heute beginnen in ihrer Heimat die Olympischen Spiele. Die 32-Jährige hofft, dass dieses Ereignis die Brasilianer viele Probleme in ihrem Land vergessen lässt. Zumindest ein paar Sommerwochen lang.

Was man Brasilianern gegenüber nicht ansprechen sollte: das 7:1 bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2014. Halbfinale. Deutschland gewinnt. Traumatisch. Wobei: Inzwischen sei es auch Stoff für Witze geworden, sagt Camilla Dojicsar und lacht. Heute beginnt das nächste sportliche Großereignis in dem 205 Millionen Menschen starken Land. Während dort gesprintet, gesprungen und gefeiert wird, ist Dojicsar in Deutschland. Sie lebt seit Februar in Mannheim und arbeitet bei der BASF in Ludwigshafen als Manager der Global Technical Academy, einer Unternehmensakademie für Ingenieure. Noch zwei Jahre lang wird sie hier bleiben. Doch was sich in ihrem Heimatland abspielt, verfolgt sie genau. Sie steht in regelmäßigem Skype-Kontakt mit ihrem Freund und der Familie. „Brasilianer lieben es, zu feiern“, sagt die 32-Jährige. Auch deshalb könnten die Olympischen Spiele ein bisschen helfen, das zu vergessen, was in dem südamerikanischen Land derzeit die Nachrichten dominiert. Vor wenigen Tagen wurde Anklage gegen Ex-Präsident Lula da Silva erhoben, wegen Behinderung der Justiz. Gegen Präsidentin Dilma Rousseff gibt es Korruptions-Vorwürfe. Dazu schüttelt eine Wirtschaftskrise das Land kräftig durch. Immer mehr Arbeitsplätze gehen verloren. Es gebe soziale und wirtschaftliche Probleme – und beides beeinflusse sich gegenseitig, sagt Dojicsar. Die Menschen in Brasilien, insbesondere die jungen, seien politisch interessiert. Seitdem das Internet – viel später als in Deutschland – weit verbreitet ist, können sie einfach an Informationen aus anderen Ländern kommen, vergleichen, auch Forderungen an die Politiker stellen. Beim Interviewtermin in der BASF spricht die Brasilianerin Englisch, erzählt aber, dass sie im Moment Deutsch lernt. Schwierig sei das mit der Grammatik – weil die Verben erst am Ende des Satzes stehen. Und der kann lang sein. Wie fällt sonst der Vergleich Deutschland – Brasilien aus? Hier seien die Menschen „pünktlich und diszipliniert“. Wenn eine Besprechung angesetzt sei, beginne sie auch zu genau dieser Uhrzeit. „In Brasilien brauchen wir mindestens zehn Minuten, um erst mal über unser Leben zu reden, über Fußball, über Essen“, sagt Dojicsar. Und: „Der öffentliche Nahverkehr ist perfekt in Deutschland.“ Ganz im Gegensatz zu ihrem Heimatland. Als sie letzte Woche dort war, habe sie erst mal einen Schock bekommen: „Viele Autos, der Verkehr ist verrückt, die Menschen rennen.“ „Die Stadt stoppt nicht“, sagt sie dann noch. Dojicsar kommt aus São Paulo, wo sie ebenfalls bei der BASF arbeitet. Gerade, als sie ihre Familie besucht hat, wurde in einer Nebenstraße die olympische Fackel vorbeigetragen. Ein besonderer Moment. Alle Menschen haben zusammen gefeiert: arme Leute, reiche Leute. Ein Beweisbild gibt’s allerdings nicht. Dojicsars Handy-Akku war leer. Der Abstand zwischen Arm und Reich ist in Brasilien groß. Eine Gelegenheit, den zu vergessen, gibt’s auch beim Fußball. Brasilianer lieben diesen Sport. „Im Stadion trägt jeder dasselbe Shirt, und alle rufen gemeinsam ,Tor!’“, sagt Dojicsar. Soziale Verschiedenheiten sind in diesen Momenten egal. Nicht mehr vorhanden. Die 32-Jährige spielt auch selbst gerne Fußball. Und was ist von der WM 2014 geblieben? Einige Stadien, die heute geschlossen seien, weil sie zu weit außerhalb liegen und sie niemand mehr nutzt, erzählt Dojicsar. Auch deshalb hatten die Brasilianer Bedenken, als 2009 verkündet wurde, dass die Olympischen Spiele ins Land kommen. Bedenken, ob der Staat das Geld nur in die Spiele stecke, statt es in Bildung und Krankenhäuser zu investieren. Auch wenn Dojicsar diese Bedenken teilt, sieht sie die Spiele grundsätzlich als etwas Positives für das Land: „Auf jeden Fall!“ Einiges an Infrastruktur, das für die Spiele geschaffen wurde, werde auch danach weiterhin bestehen. Die Menschen werden es nutzen können. Dojicsar spricht von neuen Zugstrecken, Brücken, U-Bahn-Gleisen. Auch die Landschaft sei teilweise wiederbelebt worden, touristische Plätze erneuert. Sie freut sich also mit ihren Landsleuten, dass es heute endlich losgeht. Die Wettkämpfe könnten auch eine gute Wirkung auf junge Menschen haben, vermutet sie. Gute Athleten als Vorbilder dafür, dass man seine Ziele erreichen kann, wenn man hart daran arbeitet. Die Brasilianer lieben das Feiern. Sie hätten die Begeisterung für die Olympischen Spiele aber erst in den letzten Tagen so richtig entdeckt, beobachtet Dojicsar. Denn es gibt da noch eine Eigenschaft dieser Nationalität: „Sie sind berühmt dafür, alles in letzter Minute zu tun.“

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