Ludwigshafen Bluttat am Berliner Platz wirft viele Fragen auf
Der bei einer Messerattacke am Mittwochmittag schwer verletzte Polizist schwebt nicht mehr in Lebensgefahr. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft befindet sich der Beamte auf dem Weg der Besserung. Die Leiche des niedergeschossenen Angreifers ist obduziert worden. Auch drei Tage nach der Bluttat bleiben viele Fragen offen.
Das Motiv für die Messerattacke ist nach wie vor unklar. Auch über den Angreifer ist nicht viel bekannt: 42 Jahre alt, obdachlos und schon zuvor mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Nach RHEINPFALZ-Informationen ist der Mann in der Vergangenheit wegen Drogen auffällig geworden und soll auch schon einmal zuvor handgreiflich gegenüber Polizisten gewesen sein. Ob er die Beamten, die er am Mittwoch angegriffen hat, kannte, wird noch ermittelt. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft gab es vor dem Angriff keinen Wortwechsel mit den beiden. Der Angreifer selbst kann keine Antworten mehr geben. Der Mann mit Glatze und Vollbart erlag seinen Schussverletzungen am Mittwochabend in einem Krankenhaus (wir berichteten). Mehrere Zeugen haben berichtet, dass der Angreifer den beiden Beamten vom Berliner Platz in die Heny-Roos-Passage hinterherlief und einem von ihnen von hinten Stichverletzungen zugefügt hat. Schutzwesten haben die beiden Polizisten, die als Bezirksbeamte eingesetzt sind, offenbar nicht getragen. Nach RHEINPFALZ-Informationen hätte eine Weste auch wenig geholfen, da der Beamte an Kopf und Oberarm verletzt wurde. Der unverletzte zweite Polizist soll dann seine Dienstwaffe – eine Walter P 99 mit einem 15-Patronen-Magazin – gezogen und zwei Warnschüsse abgegeben haben. Nachdem der Messerstecher nicht von seinem Opfer abließ, soll er kurz nach 13 Uhr auf den Mann in der dunkelblauen Adidas-Jogginghose geschossen haben. Wie oft er ihn traf, dazu wollte sich die Staatsanwaltschaft nicht äußern. Zwar sei eine Obduktion des Leichnams erfolgt, die Ergebnisse würden aber erst später bekanntgegeben. Oberstaatsanwalt Kai Hempelmann bestätigte gestern lediglich, dass „mehrere Schüsse“ gefallen seien. Ein Zeuge, der gerade seine Mittagspause in einem nahe gelegenen Imbisslokal verbracht hatte, spricht von etwa fünf Schüssen. Unter den Menschen auf dem Berliner Platz – darunter auch viele Schulkinder – habe sich kurzzeitig Panik breitgemacht. „Der erste Gedanke war: Schüsse, hat das vielleicht einen terroristischen Hintergrund?“, berichtet der 32-Jährige. Erst nachdem klar war, dass keine weitere Gefahr bestand, hätten sich die Leute zum Tatort getraut. Einige Schaulustige machten Handyfotos. Der niedergeschossene Angreifer lag auf dem Rücken, der angegriffene Polizist auf der Seite in einer großen Blutlache. Der andere Beamte habe per Handy seine Kollegen über die Lage informiert und Hilfe angefordert. „Er war außer sich“, berichtet der Zeuge. Wenige Minuten später waren die Einsatzkräfte vor Ort. Offensichtlich gibt es auch mehrere Leute, die den Angriff in der Passage zum Rhein aus unmittelbarer Nähe erlebt haben. Die Staatsanwaltschaft verzichtete daher auf einen öffentlichen Zeugenaufruf. Die Strafverfolgungsbehörde hat ein Ermittlungsverfahren gegen den Schützen eröffnet, bei dem geprüft wird, ob eine Notwehr- beziehungsweise Nothilfelage vorlag – sprich, ob der Schusswaffengebrauch der Situation angemessen war. Das ist in solchen Fällen üblich. Kommen die Ermittler zu dem Schluss, dass der Beamte keine andere Möglichkeit hatte, wird das Verfahren eingestellt. Die Ermittlungen hat das Polizeipräsidium Westpfalz in Kaiserslautern übernommen, um Interessenkonflikte bei der entsprechenden Abteilung in Ludwigshafen zu verhindern. Da der Beamte, der geschossen hat, als vorläufig Beschuldigter gilt, hat er bisher noch keine Aussage gemacht. „Das ist üblich“, sagt Oberstaatsanwalt Hempelmann. Mit einer Aussage sei erst zu rechnen, wenn die Ermittlungen abgeschlossen sind, was noch einige Zeit dauern könnte. Eine sogenannte Bodycam (eine Kleinkamera an der Uniform) trug keiner der beiden Bezirksbeamten. „Das hätte die Sache erleichtert“, sagt Hempelmann. Zu den Aufgaben von Bezirksbeamten gehört unter anderem, Kontakt zu Behörden zu halten, etwa bei Fragen der Kriminalitätsvorbeugung. Die Beamten bearbeiten außerdem Strafanzeigen weiter, etwa bei Nachbarschaftsstreitigkeiten, Körperverletzungen und auch bei sogenannten Widerstandsdelikten – also Fällen, in denen sich Personen Polizeibeamten widersetzen und dabei auch handgreiflich werden. Genau wegen eines solchen Falls ist nach RHEINPFALZ-Informationen der 42-jährige Obdachlose bereits aufgefallen. Ob es einen Zusammenhang gibt, wird derzeit geprüft. „Für mich ist der Beamte, der geschossen hat, ein Held. Er hat definitiv seinem Kollegen das Leben gerettet“, sagt Noriko Nagy, Bezirksvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft. Die 28-Jährige war bis vor Kurzem im Streifendienst der Polizeiinspektion Schifferstadt. Sie und ihre Gewerkschaft fordern von der Landesregierung eine bessere Schutzausrüstung für Polizisten: durchstichsichere Schutzwesten und sogenannte Taser (Elektroschockpistolen). Dann stünden Polizisten auf der Straße auch „mildere Mittel“ als eine Schusswaffe bei der Abwehr einer Messerattacke zur Verfügung.