Ludwigshafener Geschichte(n)
Betriebsrat: schwieriger Neuanfang bei der BASF
Der Oggersheimer Schlosser Ernst Lorenz (1901-1980) konnte sich vor genau 75 Jahren über zwei persönliche „Sternstunden“ freuen: Der damals 46-jährige BASF-Mitarbeiter und Gewerkschafter wurde als Kandidat der Ludwigshafener SPD am 18. Mai 1947 in den ersten rheinland-pfälzischen Landtag gewählt und zog bei den ersten Betriebsratswahlen der BASF nach dem Zweiten Weltkrieg vom 20. bis 22. Oktober 1947 erneut in dieses Gremium ein, dem er ohne formelle Wahl bereits ab 1945 angehört hatte.
Während Lorenz im Mainzer Landtag zunächst nur einer von 100 Abgeordneten ohne besondere zusätzliche Position war, wurde er im BASF-Betriebsrat zum Vorsitzenden gewählt. Das Besondere: Die BASF war damals noch Teil der 1925 gegründeten IG Farben (Sitz: Frankfurt), denen unter anderem auch Hoechst, Bayer und Agfa angehörten. Seit 1945 unterstand das Ludwigshafener Chemieunternehmen „der Autorität und Kontrolle“ eines französischen Verwalters, der anfangs für die Werksleitung zuständig war.
1953 wieder eigenständig
Erst 1950 beschloss der Kontrollrat der Alliierten die Auflösung der IG Farben und am 28. Mai 1953 übergaben dann auch die Franzosen die Verfügungsgewalt über das Ludwigshafener Werk an den BASF-Vorstand. Das war der Hintergrund für die damaligen Aktivitäten von Firmenleitung und Betriebsrat, die damit ebenso wie Bayer, Hoechst, Cassella und Hüls aus dem einstigen Chemiegiganten IG Farben „ausgegründet“ wurden.
Mit der Ausgabe von neuen Aktien im Wert von 340 Millionen Mark wurde die Neugründung der BASF am 28. März 1953 abgeschlossen, nachdem am 30. Januar 1950 zunächst eine Auffanggesellschaft für die BASF vorgeschaltet worden war. Der Anilin gehörten im Jahr 1947 - etwa zweieinhalb Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs - bereits wieder rund 20.000 Mitarbeiter an.
„Sollen Meinung äußern können“
Was die Werksleitung damals an ihren Mitarbeitern hatte, verdeutlicht eine Erklärung der Firmenchefs von 1951 zur Bedeutung einer Arbeitnehmervertretung: „Eine Belegschaft, die in den zurückliegenden schweren Jahren soviel leistete wie die unsrige, soll und muss wissen, was in ihrem Werk geschieht und soll auch ihre Meinung dazu äußern können.“
Seit dem Neubeginn 1945 war auf Initiative der Werksangehörigen auch ohne spezielle Wahl eine Betriebsvertretung entstanden, die von der Werksleitung widerspruchslos anerkannt wurde. Erst ein Betriebsverfassungsgesetz regelte ab 1952 diese neue Form von Mitbestimmung und Mitwirkung der Betriebsräte in vielen Belangen – sie waren im Aufsichtsrat vertreten und gestalteten soziale und personelle Anliegen mit. Als Schlagwort und erklärtes Ziel formulierten damals die Sozialpartner: „Vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Arbeitgeber und Betriebsrat zum Wohle des Betriebes.“
Überzeugter Gewerkschafter
Ernst Lorenz, der von 1945 bis 1964 auch dem Ludwigshafener Stadtrat und von 1947 bis 1967 dem Mainzer Landtag angehörte, war ein Gewerkschafter aus Leidenschaft. Der Oggersheimer, dessen politischer Weg 1919 als Mitbegründer der pfälzischen KPD begonnen hatte (aus der er 1923 ausgeschlossen wurde), war Vorsitzender der Industriegewerkschaft Chemie, Papier, Keramik in Rheinland-Pfalz - zuvor auch Ludwigshafener Vorsitzender der Gewerkschaft der Heizer und Maschinisten.
Auch dem Bezirks- und Landesvorstand der SPD gehörte Lorenz an - ebenso von 1927 bis 1933 dem Stadtrat des damals noch selbstständigen Oggersheim. In der Nazi-Zeit kam er nach dem missglückten Attentat auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 zeitweise in Haft.
Für sein jahrzehntelanges politisches und gewerkschaftliches Engagement wurde Lorenz hoch geehrt: Er erhielt das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse, die Freiherr-vom-Stein-Plakette, den Wappenteller von Rheinland-Pfalz und den Ehrenring der Stadt Ludwigshafen, in der er am 8. Mai 1980 starb.
Auch Kommunisten dabei
Als Lorenz im Oktober 1947 in den 30-köpfigen BASF-Betriebsrat gewählt wurde, bestand dieser aus ebenso vielen Parteienvertretern. Die SPD stellte 23 Betriebsräte, die CDU drei und die KPD vier. Dem leitenden Ausschuss gehörten im ersten BASF-Betriebsrat nach 1945 neben dem ersten Vorsitzenden Ernst Lorenz auch Rudolf Hoffmann als zweiter Vorsitzender, Paul Eichberger als Schriftführer sowie Erich Day und Jakob Lutringhauser als Beisitzer an. Im Betriebsrat saßen damals 22 Arbeiter, sieben Angestellte und ein Akademiker.
Die BASF-Werksleitung spielte für den Betriebsrat eine wichtige Rolle: Immerhin baute sie dem Gremium ein eigenes Betriebsratsgebäude, das am 2. November 1954 gemeinsam von BASF-Chef Carl Wurster und Ernst Lorenz feierlich eingeweiht wurde.