Interview
Bayreuther Straße: „Die Menschen sind resigniert und zutiefst enttäuscht“
Herr Gabriel, weil das Kreisgesundheitsamt mit Blick auf die Ausweichquartiere für die Bewohner der Bayreuther Straße der Ludwigshafener Stadtverwaltung zusätzliche Auflagen gemacht hat, verschiebt sich das seit Langem geplante Sanierungsprojekt nun erneut. Eigentlich sollten die Arbeiten in diesem Frühjahr starten. Wie lange müssen sich die Menschen in den maroden Häusern noch gedulden?
So ganz genau weiß ich das gar nicht. Es ist von etwa einem dreiviertel Jahr Verzögerung die Rede. Die neue Zeitschiene der Bauarbeiten ist aber veröffentlicht.
Dann wird das also im Jahr 2025 nichts mehr mit dem Baustart?
Davon gehe ich aus.
Wie erleben Sie die Stimmung bei den Bewohnern, denen seit Jahren versprochen wird, dass sich ihre Wohnsituation verbessern soll, die von Helfern vor Ort vielfach als menschenunwürdig beschrieben worden ist?
Die Menschen sind resigniert und zutiefst enttäuscht. Viele glauben gar nicht mehr daran, dass sich in dem Viertel tatsächlich noch etwas verbessern wird. Die Zuversicht ist komplett weg.
Das neue Containerdorf für Geflüchtete, das auf einem Acker in der Nachbarschaft entstanden ist, wurde im Vorjahr in wenigen Monaten quasi aus dem Boden gestampft. Wie stehen die Bewohner der Bayreuther Straße zu den neuen Nachbarn?
Sie können jedenfalls nicht nachvollziehen, warum die neuen Unterkünfte für die Flüchtlinge sehr schnell bereitgestellt wurden. Dass für die benachbarten Grundstücke nicht dasselbe Baurecht gilt, ist für die Bewohner der Obdachlosenunterkünfte kaum nachvollziehbar.
Wie begegnen sich die Bewohner der Bayreuther Straße und die Flüchtlinge in dem neuen Containerdorf?
Wir haben befürchtet, dass es Spannungen zwischen den beiden Gruppen geben könnte. Aber auch dank einer sehr guten und offenen Zusammenarbeit des hierzu gegründeten Steuerungskreises „Perspektive Bayreuther Straße“ ist es bisher nicht zu Konflikten gekommen.
Wie hat die Stadtverwaltung die betroffenen Menschen über die erneute Verzögerung der Sanierung informiert?
Das war Thema im Ortsbeirat Nord und ist dann wohl auch über die Hausverwalter und den Bereich Wohnraumsicherung der Stadtverwaltung ins Quartier getragen worden. Aber eine Einwohnerversammlung wurde dazu nicht einberufen.
Was ist nach Ihrer Beobachtung aktuell das größte Problem in den maroden Wohnungen?
Nach Ansicht der Ökumenischen Fördergemeinschaft sind die Wohngemeinschaften am problematischsten. Hier leben drei Menschen, die sich nicht kennen, auf sehr engem Raum zusammen. Jeder hat seine ganz eigenen Schwierigkeiten und muss sich dann mit den anderen Bewohnern arrangieren. Daraus ergeben sich viele Probleme. Außerdem gibt es in den Wohngemeinschaften keine Bäder.
Wie soll das in Zukunft besser werden?
Die Sanierungspläne sehen vor, dass hier künftig Einzelapartments mit eigenen Nasszellen und einem Anschluss an ein zentrales Heizsystem entstehen sollen. Damit jeder Mensch in dem Viertel die Chance hat, selbstverantwortlich in seiner kleinen Wohnung zu leben. Ein Ziel, dass aus Ansicht der Ökumenischen Fördergemeinschaft, unbedingt auch perspektivisch im Einweisungsgebiet der Kropsburgstraße in Mundenheim umgesetzt werden muss!
Zur Person
Stefan Gabriel leitet seit 2021 den Bereich Quartiersarbeit bei der Ökumenischen Fördergemeinschaft Ludwigshafen. Seit 2024 ist er dort zudem für die Personalentwicklung zuständig. Beschäftigt ist der 52-Jährige dort bereits seit einem knappen Vierteljahrhundert.
Zur Sache: Sanierung der Bayreuther Straße
Einen Neustart soll es für das Quartier in der Bayreuther Straße in West geben: Die wegen der Fassadenfarbe sogenannten Roten Blöcke sollen abgerissen und durch Neubauten ersetzt werden. Die Weißen Blöcke sollen renoviert werden. Seit vielen Jahren wird über das Projekt geredet. Doch der Start verzögerte sich mehrfach. Das Bauprojekt besteht aus drei Teilen: Zunächst sollen im Umfeld der Blöcke Ausweichquartiere für die Bewohner errichtet, dann die alten Häuser abgerissen und durch Neubauten ersetzt werden. Die Ausweichquartiere sollten in Containerbauweise auf zwei Flächen entstehen: zwischen den Wohnhäusern und auf einem Bolzplatz. Doch das Gesundheitsamt hat der Stadt neue Vorgaben gemacht, was zusätzliche Container für Waschmaschinen und Trockenräume erforderlich macht, wie Uwe Maué von der Stadtverwaltung in der jüngsten Sitzung des Bauausschusses erläuterte. Wegen des größeren Platzbedarfs für die Container musste umgeplant werden. Aktuell fehlt noch die Baugenehmigung. Die Ökumenische Fördergemeinschaft, die Sozialarbeit vor Ort leistet, soll die Bewohner nun zunächst auf den Abriss einiger kleinerer Gebäude vorbereiten.