Ludwigshafen BASF-Unglück:

Zum Zeitpunkt der Explosion war ich mit meinen Kindern auf einem Spielplatz in der Pfingstweide. Ich wusste, dass man in so einem Fall ein Gebäude aufsucht und Türen und Fenster schließt. Als ich zu Hause in Edigheim war, informierte ich Verwandte, die nichts von dem Unglück mitbekommen hatten. Leider ist in Edigheim sowie in der Pfingstweide die Sirene nicht zu hören, was ich schon zweimal nach den letzten Probealarmen telefonisch bemängelte. Über Katwarn wurde ich eine Stunde später informiert, und im Radio kam die Meldung, dass Türen und Fenster geschlossen bleiben sollen. Als ich der Feuerwehr mitteilte, dass die Sirene schon wieder nicht zu hören war und Katwarn erst eine Stunde später warnte, sagte man mir, dass man die Sirenen durch die neuen Bauweisen der Häuser sowieso schlecht hört (Anmerkung von mir: Die Kirchglocken hört man auch) und man durch Katwarn erst eine Stunde später informiert wurde, da sie erst mal in Erfahrung bringen mussten, was passiert ist. Auf der Homepage der Stadt Ludwigshafen ist eine Katastrophenleitlinie hinterlegt, dass man, sobald die Sirenen ertönen, Fenster und Türen schließen soll. Allerdings kann man dies nicht befolgen, wenn man die Sirenen nicht hört. In meinem Fall war es nur Zufall, dass ich mich zu dem Zeitpunkt draußen aufhielt und die Explosion nicht zu überhören war und ich gleich wusste, dass etwas Schlimmeres passiert sein muss. Katwarn, was eine sinnvolle App ist, funktioniert leider nur, wenn das Internet funktionsfähig ist, was zum Beispiel bei der Explosion vor zwei Jahren in Edigheim nicht der Fall war (Internet funktionierte nicht mehr). Im Grunde bleibt einem nur die Möglichkeit, den ganzen Tag das Radio einzuschalten und zu hoffen, dass man in dem Moment auch zuhört, wenn etwas passiert ist. Ich würde mir wünschen, dass man zukünftig sofort und nicht erst eine Stunde später über so einen großen Störfall informiert wird, auch wenn man noch nicht weiß, welches Produkt gerade ausgetreten ist; nur so kann man sich rechtzeitig in Sicherheit bringen. Eine weitere Sirene im Bereich Pfingstweide, Edigheim und Oppau sollte auf jeden Fall installiert werden, damit auch wir, die nahe an der BASF wohnen, sofort gewarnt werden können. Ansonsten hat meiner Meinung nach die Feuerwehr einen großartigen Job geleistet. Warum hat sich BASF-Chef Bock nach der Katastrophe in „seinem“ Werk nicht unmittelbar an „seine“ Mitarbeiter und an die in der Nähe des Unglücksortes wohnenden Bürger gewandt? Ganz einfach: Weil er keinen Bock dazu hatte! Sehr geehrter Herr Schmid, zu Ihrer Kolumne Quintessenz „Apfelkuchen zum Ausnahmezustand“ fallen mir nur die Begriffe „(…) verantwortungs-, geschmack- und pietätlos“ ein. Bei der BASF ereignet sich ein schwerer Betriebsunfall, es gibt Tote und Verletzte, Kondolenzbücher liegen aus, Fahnen sind auf Halbmast geflaggt, die OBs aus Ludwigshafen und Mannheim brechen Dienstreisen ab, und die RHEINPFALZ besitzt die Geschmacklosigkeit, einen Artikel mit dem Titel „Apfelkuchen zum Ausnahmezustand“ gleich auf der ersten Lokalseite zu veröffentlichen. (…) Gerne gönne ich dem Redakteur seinen frisch gebacken Apfelkuchen, jedoch erscheint mir im Zusammenhang mit der tödlichen Katastrophe die Assoziation doch etwas unpassend. Nach der ausführlich Darstellung des BASF Unglücks, der Meldung über die Auslegung der Kondolenzbücher, passt meines Erachtens der persönliche Artikel des Redakteurs auf der gleichen Seite in dem angeschlagen Tonfall nicht dazu. Angestoßen durch das aktuelle Unglück in der BASF, habe ich mich erinnert, dass ich als Elfjähriger die Explosion am 28. Juli 1948 unter besonderen Umständen miterlebt habe. Es war ein sehr heißer Sommertag. Es waren Ferien. Ich saß in der Nachmittagsvorstellung des Rheingoldkinos in der Prinzregentenstraße. Es gab einen Zorrofilm. Zorro hatte eine Wunderwaffe entwickelt und probierte sie aus. Er schoss aus einem kleinen Dachfenster in einen Strohballen im naheliegenden Feld. Das Stroh fing sofort Feuer und brannte bald lichterloh. Auf dem Höhepunkt des Feuers gab es plötzlich einen ohrenbetäubenden Knall und einen ungeheueren Schlag. Alle Türen zum Hof des Kinos wurden in den Kinosaal geschleudert. Es wurde niemand verletzt. Der Film wurde abgebrochen. In Panik stürmten die wenigen Zuschauer ins Freie. Von draußen sah man, dass der riesige Kronleuchter in den hinteren Bereich des großen Filmtheaters heruntergekracht war. In der Nachmittagsvorstellung waren die teueren Plätze nicht besetzt. Der Filmvorführer kam die eiserne Wendeltreppe im Hof herunter und sagte auf die aufgeregten Fragen „Am Film is nix“. Noch ganz benommen und verschreckt gingen wir durch den Hof in die Prinzregentenstraße hinaus. Diese war von Glasscherben der umliegenden Hauser übersäht. Bald darauf kamen auch schon die ersten Rettungswagen am Kino vorbei Richtung BASF. Es sprach sich auch sehr schnell herum, dass sich dort eine Explosion ereignet hatte. Die Chemiekatastrophe ereignete sich um 15.43 Uhr. Ein Kesselwagen detonierte durch Überhitzung in einer gewaltigen Explosion. Die Lufttemperatur betrug 33 Grad im Schatten. 207 Menschen starben, 3818 wurden verletzt oder durch sich bildende Giftgaswolken geschädigt. 1000 Feuerwehrleute und Rettungskräfte waren tagelang im Einsatz. 3122 Gebäude wurden zum Teil erheblich beschädigt. Nicht nur im Hemshofviertel, auch bis nach Mannheim. Der Schaden betrug 80 Millionen DM. Das alles konnte ich natürlich noch nicht wissen und habe es später recherchiert. Ich habe die bisher größte Chemiekatstrophe im Ludwigshafen unter besonderen Umständen miterlebt. Damals hatte ich ein anderes Problem. Ich war barfuß im Kino. Wie kam ich jetzt nach Mundenheim, quer durch die Stadt die sechs bis acht Kilometer nach Hause? Ich sprang von einer Lücke zur anderen, die nicht mit Scherben bedeckt waren. Unterwegs kamen mir ständig Rettungs- und Feuerwehrwagen entgegen. Beim Springen habe ich mir dann doch einen Glassplitter in eine Ferse eingefangen. Irgendwann kam ich über die Saarland- zur Wielandstraße, unserem zu Hause. Meine Mutter und andere Frauen standen an der Straßenecke und hielten Ausschau. Auch hatte sich die Explosion schon zu ihnen herumgesprochen. Meine Mutter war gottfroh und erleichtert, mich gesund zu sehen. Am nächsten Tag erfuhren wir, dass eine Verwandte, eine Angestellte bei der BASF, durch das Unglück ihr Augenlicht verloren hatte. Gerade jetzt, vor dem Hintergrund der traurigen Unfallereignisse in der BASF, möchte ich mit meinen Zeilen für Ludwigshafen eine Lanze brechen. Vor 43 Jahren aus Ludwigshafen ins Schwäbische beruflich ausgewandert, zieht es uns immer wieder an die Stätte unserer Jugend zurück, dort, wo wir großgeworden sind und geheiratet haben. Hier möchten wir auch unsere goldene Hochzeit feiern. Die Stadt mit ihren vielen Facetten, Gegensätzen und Widersprüchen und ihrem überall spürbaren kräftig pulsierenden Leben fasziniert uns, obwohl mit landläufig touristischen Adjektiven wie schön, reizend und so weiter nicht operiert werden sollte. Ludwigshafen ist einfach Leben! Und so ist es mir ein Bedürfnis, Dank zu sagen – allen Menschen, die uns freundlich, offen, liebenswert (rau, aber herzlich!) entgegengekommen sind und uns durch außerordentliche Hilfsbereitschaft ermöglicht haben, unser Fest in einer besonderen Weise in ihrer Stadt zu feiern. (…) Mit Gottvertrauen und solchen Menschen braucht Ludwigshafen vor der Zukunft keine Angst zu haben.