Ludwigshafen BASF-Chef Bock will Lehren aus Unglück im Nordhafen ziehen
Weitere Investitionen, noch mehr Schulungen: Bei der gestrigen BASF-Hauptversammlung hat Vorstandschef Kurt Bock den 5500 Aktionären versprochen, Lehren aus dem Unglück im Nordhafen zu ziehen: „Sicherheit hat immer Vorrang – bei all unseren Entscheidungen.“
Sicher, sicherstellen, Sicherheit – solche oder ähnliche Begriffe tauchten häufig und bisweilen in geballter Form in der 33-minütigen Rede des 59-Jährigen auf. Sicher kein Zufall nach dem Pannen- und Unglücksjahr 2016. „Wir alle wissen, dass wir in der chemischen Industrie auch mit gefährlichen Stoffen umgehen. Gerade deshalb sind unsere Sicherheitsmaßnahmen so umfassend. Die Sicherheit von Mensch und Umwelt ist fundamental für uns“, betonte Kurt Bock im voll besetzten Mannheimer Rosengarten. Eine Wortwahl, die belegt, dass die Explosion vom 17. Oktober mit vier Todesopfern und 29 Verletzten das Unternehmen zumindest emotional nachhaltig ins Mark getroffen und auch sieben Monate danach nicht losgelassen hat. Der für die Bilanz und alle Aktionäre erfreuliche Umstand, dass „Absatz, Umsatz und Ergebnis im ersten Quartal kräftig gestiegen“ sind und „die BASF erfolgreich ins neue Jahr gestartet“ ist, wie Bock eingangs betonte, mündete zwar in eine um zehn Cent auf drei Euro erhöhte Dividende, ändert aber nichts an der Tatsache, dass dem Konzern das alte Jahr noch spürbar in den Knochen steckt. Wohl auch deshalb kam Bock schnell und ohne große Umschweife darauf zu sprechen. „Wir wissen, dass 2016 für einige Familien und auch für die BASF schmerzhaft war. Durch den Unfall haben vier Familien den Sohn, Vater, Bruder und Ehemann verloren. Dieser Schmerz hält bis heute an. Für jeden von uns war das ein Schock“, sagte er. Ein Schock, der Spuren bei ihm und in der BASF hinterlassen hat und intern Konsequenzen haben soll. Noch besser werden, müsse die Devise lauten, so Bock. Nach der Explosion stand er in der Kritik, weil er sich erst elf Tage später öffentlich gezeigt hatte. „Ich wurde intern gebraucht“, rechtfertigte sich der Vorstandsvorsitzende seinerzeit. Gestern gab er sich selbstkritisch. „Die Ermittlungen der Behörden zu den Ursachen des Unfalls sind noch nicht abgeschlossen. Klar ist aber, dass ein Fehler gemacht wurde, der nicht hätte passieren dürfen. Bei Wartungsarbeiten wurde eine falsche Rohrleitung angeschnitten.“ Er wisse, dass dies für die Angehörigen kein Trost sei, meinte Bock und ergänzte: „Wir werden alles tun, damit sich solch ein Unglück nicht wiederholt.“ Die Bekämpfung der Folgen des Feuers und die Bewältigung des Unglücks hätten andererseits gezeigt, welche Kraft in der BASF-Mannschaft stecke: „Das war beispielhaft: schnell, professionell und mutig.“ Es sei eine Meisterleistung gewesen, dass Logistik und Produktion in kürzester Zeit fast vollständig wiederhergestellt worden seien. „Wir halten zusammen.“ Und dieser Zusammenhalt mache die BASF stark, unterstrich Bock. Konzepte, Regeln und Vorschriften, Trainings und Revisionen seien wichtiger Bestandteil der Firmenpolitik: Allein in Ludwigshafen seien im Vorjahr 1,5 Milliarden Euro in Umweltschutz, Gesundheit und Sicherheit investiert worden, betonte Bock – mit steigender Tendenz. „Das reicht aber nicht.“ Es gehe darum, dass jeder Aniliner wisse, wie er sich verhalten müsse: im Alltag, im Einzel- oder im Notfall. Weltweit kümmerten sich deshalb 1400 Mitarbeiter ausschließlich um Sicherheit. Im März beispielsweise seien in einer Woche 1000 Schulungen an 360 Standorten veranstaltet worden. Im „Sichermacherzentrum“ in Ludwigshafen seien im Vorjahr 19.000 Mitarbeiter und Partner unterrichtet worden, 118.000 seien es weltweit gewesen. „So wollen wir das Risikobewusstsein schärfen und voneinander lernen.“ Laut Bock zahlt sich das aus: In den vergangenen fünf Jahren sei die Anzahl der Arbeitsunfälle in der BASF um mehr als 20 Prozent gesunken. Nur jeder zehnte Unfall habe mit Chemie zu tun, der Löwenanteil gehe auf Unfälle im Alltag wie Stolpern oder Ausrutschen zurück. Im Branchenvergleich liege die BASF-Unfallrate um das Vierfache niedriger. „Das ist gut, aber nicht gut genug“, meinte Bock. „Wir wissen, Statistik interessiert nicht. Zahlen sind Makulatur, wenn ein Unfall passiert. Jeder ist einer zu viel. Wir arbeiten daran, die Wahrscheinlichkeit zu verringern. Das verspreche ich Ihnen“, sagte Bock. Das Thema Sicherheit spielte auch vor dem Rosengarten eine große Rolle: Jeder Gast musste Kontrollschleusen passieren. Im Umfeld zeigte die Polizei Präsenz – und hatte auch ein Auge auf Organisationen wie Attac oder den Verband „Kritische Aktionäre“ und deren Protest gegen die Chemieindustrie: „Monsanto, BASF, Bayer, Syngenta, Dow … macht euch vom Acker!“ stand auf einem Banner. Politik/Wirtschaft