Ludwigshafen
Ausstellung „Mein Körper, ein Korallenriff?“ in der Rudolf-Scharpf-Galerie
Sieben Künstlerinnen, ein Künstler. Alle auf der Höhe der Zeit, alle an den Wissenschaften angedockt. Worum es geht? Um nichts weniger als um die Frage nach dem sich wandelnden Selbstverständnis des Menschen im Post-Anthropozän. Ja doch, so weit sind wir schon: Post-Anthropozän. Wo wir doch gerade das Anthropozän verinnerlicht haben? Die Spirale dreht sich und das „exklusive Ich“ hat das Nachsehen. „Neuere Forschungen definieren den Menschen als Holobionten – biologische Kompositwesen. Wir leben schon immer mit vielen anderen Mikroorganismen in wechselseitiger Abhängigkeit zusammen. In und auf unserem Körper finden sich unzählige Spezies. Wir sind von zahlreichen Bakterien, Viren und Pilzen so stark besiedelt, dass mehrere Kilogramm unseres Körpergewichts von Lebewesen mit eigenen Genen verursacht werden. Bin Ich in mir bereits ein Wir?“ Aha.
Delikatesse zum Abheften
Man muss das so länglich zitieren, der Pressetext (ein Katalog steht noch aus) ist eine Delikatesse zum Abheften. Aber was bedeutet das für den alten Adam, die alte Eva? Müssen wir dann nicht „unser Selbst- und Weltbild grundlegend überdenken?“ Wie dringlich ist das, nach stattgehabter jahrtausendealter Besiedelung? Oder haben wir es nicht vielleicht nur mit einem neuen Geschäftsmodell zu tun?
Türöffner ins uralte Neue
Das Ludwigshafener Oktett wäre, so gesehen, ein Türöffner ins uralte Neue. Künstlerischer Ratgeber im Ozean der unendlichen Verflechtungen. Ohne Hilfestellungen und viel Zeit geht hier gar nichts. Keine Arbeit, die sich aus sich selbst erklärt. Die Ansprüche turmhoch, die Theorielast groß. Der optische Eindruck hält sich in Grenzen. Selbst dem Willigen werden die kleinen schwarzen Hocker schnell zum Armsünderbänkchen. Einzig Arjan Brentjes animierter 9:50-Minuten-Kurzfilm im Eingangsbereich kann mit unmittelbarer Verständlichkeit punkten. „Sad Beauty“ handelt von einer jungen Frau, die das Aussterben vieler Tierarten beklagt und im Naturkundemuseum die dort ausgestellten Skelette zeichnet. Bis sie selbst vom Coronavirus eingeholt wird und stirbt.
Kochbuch für Virenliebhaber
Pei-Ying Lins Kochbuch für Virenliebhaber des 22. Jahrhunderts scheint ein post-dadaistisches Schmanckerl. In Videos sieht man sie im Selbstversuch vor gefüllten Tellern sitzen. Glücklich sieht sie nicht aus. Was aber soll man von Sasa Spacals petrischalengezeugter Interaktion von Künstlers Blut, Schweiß und Tränen mit Pilz Hericium erinaceus halten, zu Deutsch Affenkopfpilz oder Löwenmähne? Auch Spacals zu Installation geronnene Tränensammelaktion „The Library of Fallen Tears“ hat ihren Reiz, der einem aber erst einmal erklärt werden muss. Und wenn uns Alicia Frankovich den Wasserkefir als eindrückliches, in sphärische Klänge eingehülltes Beispiel unserer wechselseitigen Angewiesenheit ans Herz legt, wird es langsam Zeit einen Pausenstop einzulegen und das Geschehen zu überdenken. Was wäre, wenn das omnipräsente Mikrobenvolk selber von Mikroben besiedelt wäre und diese wiederum auch besetzt wären und so ins Unendliche? Was für Lehren ließen sich aus dieser charmanten und durchaus denkbaren Vorstellung ziehen?
Denkräume berühren emotional nicht
Mag ja sein, dass die Frage nach dem Warum und Wozu solcher wie der ausgestellten Kunstübung ungerecht, vorurteilsgesteuert oder sonst was ist, das Aha-Erlebnis auf jeden Fall ausgenommen: Sie stellt sich doch und ganz von selbst. Muss ich mir Dominique Kochs mit hübschen Mikro- und Makroaufnahmen garnierten Film mit Gesprächen mit einschlägigen wissenschaftlichen Zelebritäten wie Scott Gilbert, Maurizio Lazzarato und Donna Haraway wirklich reinziehen, um auf die postulierte schwindelerregende Höhe der Zeit zu klettern? Muss ich sagen, dass die von Koch eröffneten neuen Denkräume mich emotional nicht berühren und mir völlig schnurz sind? Und dass Kochs und anderer ästhetische Interpretation biologischer Hypothesen für soziale und politische Modelle vor allem eines ist: Schwer angreifbar? Und dass Theorie und Kunst immer noch zwei paar Stiefel mit unterschiedlicher Passform sind? Der Rundgang durch die Scharpf-Galerie mag interessant sein, befriedigend ist er diesmal nicht.
Termin
Die Ausstellung ist bis 23. April immer donnerstags, freitags und an Feiertagen von 11 bis 18 Uhr in der Rudolf-Scharpf-Galerie, Hemshofstraße 54, zu sehen.