Ludwigshafen
Ausstellung: Als der Rhein über die Ufer trat
Als in Oppau ein Damm am Rhein brach, zahlreiche Ortschaften zerstört wurden, Menschen fliehen mussten und auch ertranken. Mit der Sonderausstellung „Der Rhein: Vom Uferidyll zur Hochwasserkatastrophe“ widmet sich das Karl-Otto-Braun-Museum ab Sonntag, 18. Januar, der durch Ludwigshafen fließenden Urgewalt namens Rhein auf ganz vielfältige und visuelle Weise.
Sie sind ein Hingucker der Ausstellung und doch nur ein kleiner Teil davon. „Die Bilder saugen einen förmlich ein“, sagt Regina Heilmann, die Leiterin des Ludwigshafener Stadtmuseums, über die nun kolorierten und zum Teil auch animierten historische Aufnahmen. Die Zeitzeugen von einst scheinen sich zu bewegen, eine Kamera fliegt über zerstörte Häuser und vereistes Hochwasser hinweg. Kunst- und doch sehr respektvoll wird die Katastrophe von einst veranschaulicht und das Ausmaß der Verwüstung fühlbar. Aber auch von den Ursachen und Folgen wird an über 20 Info-Tafeln erzählt.
Die Folgen der Begradigung
Nach der Begradigung des Rheins im 19. Jahrhundert, nach dem damals größten Bauprojekt Europas, das durch den Karlsruher Ingenieur Johann Gottfried Tulla angestoßen wurde, war der Rhein für die Schiffsfahrt sicherer und schneller, die Sumpfkrankheit Malaria, an der wohl auch Johann Wolfgang von Goethe bei seinem Mannheim-Aufenthalt erkrankte, verschwand, neue Häfen und eben auch die Stadt Ludwigshafen entstanden. Die Abtrennung natürlicher Schleifen verursachten aber auch ökologische Schäden. Auenlandschaften trockneten aus, Bauern und Fischer protestierten, und flussabwärts erhöhte sich die Hochwassergefahr.
Schon 1876 vereitelten mutige Frauen in Oppau Schlimmeres, als sie eine Bruchstelle im Deich mit Grassäcken und Kleidung stopften. Eine dringende Erhöhung und Nachbesserung wurde wegen Geldmangel abgelehnt. Bis es, allen Warnungen zum Trotz, am 29. Dezember 1882 zur Katastrophe kam. Auf eine Schneeschmelze in den Alpen folgte Dauerregen. Die Flüsse schwollen an, in Ludwigshafen wurde mit 9,17 Metern der bis heute höchste jemals gemessene Pegel erreicht. Eine Dammwache hielt auch nachts mit Laternen und Pechfackeln, Schippen und Pfählen Ausschau, bis man sich der Flut geschlagen geben musste. 36 Menschen verloren ihr Leben, über 4200 ihr Zuhause. Bei einem Bootsunglück ein paar Tage starben weitere 32 Menschen, darunter viele Kinder. Menschen retteten sich auf Bäume oder in Kirchtürme. Auf Nachen, kleinen Rettungsbooten, kamen Hilfen aus Frankenthal oder Mannheim angefahren. „Wir waren dankbar und fühlten uns wie auf einer Insel inmitten einer riesigen Wasserwüste“, heißt es in einem Zeitzeugenbericht an einer Hörstation.
Die Bilder wanderten durch die Region
Über 40 Fotos von damals gibt es aus Oppau, Friesenheim und Edigheim. Eine Besonderheit, denn zum Ausklang des 19. Jahrhunderts waren Fotografien noch wenig verbreitet, aufwendig und teuer. „Es waren die ersten Fotografien dieser Ortschaften überhaupt. Als es ihnen gut ging, brauchte es wohl keine Fotos“, sagt Stefan Mörz, Leiter vom Stadtarchiv. Die Bilder von den Tagen danach sollten auch Mitleid erzeugen und zur Wohltätigkeit aufrufen. Auf Kartonagen gedruckt, wanderten die Bilder durch die Region.
Auch im Karl-Otto-Braun-Museum wurden sie 100 Jahre später groß in einer Ausstellung präsentiert. Beim Förderverein aber kam nach der Flutkatastrophe im Ahrtal und den Debatten um Klimawandel der Wunsch auf, das Thema auch ohne Jubiläum nochmal retrospektiv aufzugreifen und zugleich auf die Gegenwart zu blicken. Wie entsteht überhaupt Hochwasser? Welche Warnungen gab es damals, welche Vorkehrungen gibt es heute? Da fügte es sich, dass mit Lena Simon eine wissenschaftliche Volontärin im Stadtmuseum an Bord ist, die auf Umweltgeschichte spezialisiert ist und die Wechselwirkungen zwischen Mensch und Natur erforscht.
Frischer Wind im Museumsalltag
„Sie hat nochmal eine studentische Frische reingebracht. Mit unheimlich viel Lesen und Schreiben, das kommt in unserem Museumsalltag doch etwas zu kurz“, sagt Heilmann. Über ein halbes Jahr lang recherchierte Simon, durchforstete Archive und machte sich dann an die Hauptarbeit: „Kürzen, kürzen, kürzen.“
Noch immer sind die insgesamt 28 Tafeln eine wahre Informationsflut, denen man sich je nach Wunsch intensiv oder oberflächlich nähern kann. Verdichtet, aber nicht überfrachtet wird die Geschichte und Veränderung des Rheins aufgegriffen. Werden geografische, historische, ökologische und eben auch politische und ökonomische Facetten aufgeblättert. „Ich wollte weg von einer reinen Katastrophenerzählung“, betont Simon, die auch vom im Fluss lebende Tieren und Pflanzenarten, von Industrialisierung und Verschmutzung am Rhein erzählt.
Historische Exponate, moderne Warnsysteme
Zu Hochwasserereignissen und Schutzmaßnahmen aber kehrt die bis zum 29. März währende Schau immer wieder zurück. Ein Sendung-mit-der-Maus-Clip aus den 80ern erklärt anschaulich die Unterschiede zwischen einem begradigten Flussbett und einem natürlichen Verlauf. Als historische Exponate dienen eine Pechfackel sowie Sandkörbe der damaligen Deichwacht. Dem werden Sandsäcke des Technischen Hilfswerks, eine Ausrüstung sowie eine Checkliste für einen Notfallrucksack mitsamt SOS-Kapseln gegenübergestellt.
Und doch gibt es allen modernen Warnsystemen und Vorkehrungen zum Trotz keinen hundertprozentigen Schutz vor der Naturkraft. „Es ist ein Thema, das jeden angeht“, sagt auch Anne Faust vom Förderverein.
Info
Am Sonntag, 18. Januar, wird die Ausstellung im Karl-Otto-Braun-Museum in Oppau (Edigheimer Straße 26) um 14 Uhr eröffnet. Die Öffnungszeiten sind sonntags von 10 bis 13 und 14 bis 17 Uhr. Der Eintritt ist kostenlos. Sonderöffnungen für Gruppen sind auf Anfrage möglich. Ergänzt wird die Schau durch Veranstaltungen und Exkursionen. Weitere Infos unter ludwigshafen.de/leben/kultur/stadtmuseum.