Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel „Auf der Bühne musst du liefern“ – David Garrett im Interview

Dass er nur als Interpret wahrgenommen wird, findet der Geiger David Garrett schade. Denn er lebt seine kompositorischen Fähigke
Dass er nur als Interpret wahrgenommen wird, findet der Geiger David Garrett schade. Denn er lebt seine kompositorischen Fähigkeiten auch beim Arrangieren aus – und hat etwas »Cooles« in der Schublade.

Der Stargeiger kommt am Montag auf seiner „Millenium Symphony World Tour“ in die SAP-Arena.

David Garrett ist der König der Crossover-Musik, aber auch ein fantastischer klassischer Violinist. Für „Millennium Symphony“ hat er 25 Hits für Geige, Orchester und Band neu arrangiert. Damit tourt er jetzt um die Welt und kommt nächste Woche auch nach Mannheim in die SAP-Arena. Olaf Neumann erfuhr von dem Deutsch-Amerikaner, wie er sich die Hits von Taylor Swift und Rammstein zu eigen macht.

Sie haben schon sehr viele Projekte im Crossover-Bereich realisiert. Ist das, was Sie da tun, vergleichbar mit dem heute üblichen Covern von Songs?
Ich hatte das Glück, in New York nicht nur Geige zu studieren, sondern auch Musikwissenschaft, was Komposition beinhaltet. Dieses Wissen wollte ich immer in meine Musik mit einbringen. Ob das jetzt ein Klavierkonzert ist oder ein Projekt außerhalb der Klassik, das mir die Möglichkeit gibt, selber Arrangements zu kreieren. Ich finde es sehr schade, dass ich nach dieser Ausbildung immer noch nur als Interpret gelte. Da ich privat nicht nur Klassik, sondern Musik in allen Facetten toll finde, macht es mir viel Spaß, Sachen zu kreieren, bei denen die Geige glänzen kann.

Suchen Sie bei einem Projekt wie „Millennium Symphony“ gezielt nach Kompositionen, die Sie als Musiker herausfordern?
Ich habe die Verantwortung, das Geigenspiel hochwertig zu präsentieren. Mit dem Anspruchsdenken aus der Klassik schreibe ich die jeweiligen Geigenparts, um, wenn die Musik es erlaubt, eine gewisse Raffinesse in das Stück reinzubringen. Nur die Gesangsmelodie nachzuspielen ist für mich nicht das Gelbe vom Ei. Gerade im Crossover-Bereich möchte ich es hochwertig haben und es mir nicht leicht machen. Es würde aber der Musik nicht gerecht werden, wenn ich aus jedem Stück etwas Virtuoses machte.

Wer schreibt heutzutage noch wirklich raffinierte Pop- oder Rocksongs?
Also, auch die Beatles haben teilweise einfachere Songs geschrieben. Heute bewegen sich alle Genres in einem bestimmten Soundkonglomerat, aber ich habe versucht, für dieses Album Stücke außerhalb dieser breiten Nische zu finden. Nicht unanstrengend! Ich habe mehr Zeit damit verbracht, Musik anzuhören als mit dem Schreiben. Manche Stücke sind mir auch gar nicht so leicht gefallen wie ursprünglich gedacht. „Despacito“ etwa konnte ich eigentlich nicht mehr hören, aber diese Nummer hat eine unglaubliche Präsenz. Und sie funktioniert wirklich sehr gut mit meinem Arrangement.

Wann wird man von Ihnen ein Pop-Album ausschließlich mit Eigenkompositionen hören?
Ich habe schon viele eigene Sachen geschrieben, die gehen aber medial oft ein bisschen unter. Ich kann das auch sehr gut. In meiner Schublade liegt seit über zwei Jahren ein Projekt mit 50 modernen, coolen Songs für Vocals. Pop, Rock, Jazz – alles dabei. Aber im Moment finde ich es viel spannender, mit der „Millennium Symphony“ auf Tour zu gehen. Es fängt die Essenz von dem ein, was mich als Geiger und Musiker auszeichnet. Alles andere kann man nebenher machen. Ein Klavierkonzert besitzt nicht die Strahlkraft von einem Crossover-Projekt, aber es gibt mir genauso viel. Ein bodenständiger Künstler wie ich macht Musik für sein inneres Ohr.

Von Taylor Swift haben Sie „Shake It Off“ aufgenommen. Hat sie als Songschreiberin eine eigene Handschrift?
Sie ist eine sehr gute Songwriterin. Ich mag, wie sie schreibt und ich mag ihre Texte. Der Erfolg gibt ihr recht. Als Musiker bin ich nicht der ganz große Fan von Kommerz, aber ich weiß, dass er dazugehört. Das ist ja bei mir auch der Fall. Taylor Swift hat nicht die Stimme einer Beyoncé, Christina Aguilera oder Pink, aber das, was sie macht, macht sie sehr professionell und charmant. „Shake it off“ ist einer meiner Lieblingssongs von ihr. Bei der Nummer werde ich von Hauser und Till Brönner unterstützt. In dieser Dreierkonstellation kann ja nicht viel schiefgehen!

Können Sie den Hype um die Sängerin nachvollziehen?
Wir leben in einer Zeit, in der das Event fast schon vor dem Künstler steht. Da hat man gar keine Kontrolle drüber. Ein Hype ist ja nicht vom Künstler initiiert. Da spielen andere Faktoren eine Rolle. Jeder Künstler, der sagt, er finde den Hype um Taylor Swift nicht gut, wünscht sich insgeheim, auch nur ein kleines bisschen davon abzubekommen.

Taylor Swift zeichnet sich besonders durch ihr Image als starke Frau aus. Sie lässt sich nichts gefallen.
Ihre PR-Company gibt sich wahrscheinlich viel Mühe, ein Gesamtkunstwerk um sie herum aufzubauen. Man muss dann aber auch bereit sein, jeden Bereich seines Lebens als Vermarktungsmöglichkeit zu nutzen. Das wäre nichts für mich. Aber sie hat in der Hinsicht alles richtig gemacht, denn es funktioniert auch hinsichtlich der Ticketverkäufe oder Streams.

Von Rammstein haben Sie sich „Mein Herz brennt“ ausgesucht, ein Hit aus dem Jahr 2001. Was reizt Sie an der Nummer?
Sie passt zeitlich immer noch ins Konzept von „Millennium Symphony“. Alles ab 2000! Wie viele Bands gibt es, die außerhalb Deutschlands großen Erfolg haben? Rammstein ist das gelungen, und zwar auf unglaublich professionelle Weise und mit einer wirklich tollen Bühnenshow. Ihre Musik ist innovativ und wegweisend für eine gesamte Generation von Elektrorock. Ihre Stücke sind eigentlich Selbstläufer. Ich habe versucht, Till Lindemanns Stimme mit meiner Geige in derselben Tonfarbe zu adaptieren. „Mein Herz brennt“ ist ein perfektes Stück für eine Guarneri del Gesù auf der G-Seite.

Die Ermittlungen gegen Till Lindemann wurden eingestellt. Spielte das eine Rolle bei der Überlegung, einen Rammstein-Song aufzunehmen ?
Wir leben in einem Rechtsstaat. Wenn etwas passiert ist, wird der Sache auf den Grund gegangen. Till Lindemann ist nicht schuldig. Es ist eine Unsitte, dass heutzutage „nicht schuldig“ heißt, dass man diese Person oftmals nicht als unschuldig sieht. Diesen Stempel wird man nicht mehr los. Ich schätze Till sehr. Er ist ein guter Freund von mir. Privat ist er ganz anders als seine Bühnenfigur, die er bewusst kreiert hat.

Was erwartet das Publikum auf den Konzerten Ihrer Welttournee?
Schon während des Schreibens fange ich an, die Stücke im Kopf peu à peu zu inszenieren. Ich schreibe immer sehr visuell. Ich weiß genau, wie toll Rammsteins „Mein Herz brennt“ auf der Bühne aussehen wird. Deswegen habe ich das Orchester auch das Riff im Hintergrund mitspielen lassen. Die synchronen Bewegungen kombiniert mit dem Sound von der Band – das wird phänomenal aussehen! Es gibt dazu auch ein Video. Und auf diese große sinfonische Nummer folgt „Shake It Off“ mit Kickdrum und Pedalboard auf der B-Bühne, wo ich das Publikum mitnehmen kann.

Sind Auftritte die Königsdisziplin, in der man zeigen muss, was man wirklich draufhat?
Wenn du auf der Bühne versagst, hilft das beste Album nicht. Bei einem Live-Programm nicht abzuliefern ist wie beim Fußball den Ball nicht reinzukriegen. Das geht nicht! Du musst auf der Bühne abliefern und Freiheit ausleben können. Wenn du Spaß hast, geht das auch ins Publikum über. Magische Momente entstehen aus Freude. Du musst die Einstellung haben, in Momenten, wo es nicht unbedingt toll läuft, nicht zu verzweifeln, sondern das als Teil eines besonderen Abends zu sehen. Du musst bereit sein, das Imperfekte auch mal als perfekt zu akzeptieren.

Zur Person: David Garrett

Geboren als David Christian Bongartz am 4. September 1980 in Aachen. Mit 14 Jahren nimmt er sein erstes Klassik-Album auf, ein Jahr später spielt er mit Claudio Abbado Mozarts Violinkonzerte ein. Nach dem Studium an der Juilliard School of Music in New York beginnt er, sich für „Crossover“ zu interessieren – ein Mix aus Klassik und Pop. „Virtuoso“ (2007), „Encore“ (2008) und „Rock Symphonies“ (2010) verkaufen sich weltweit millionenfach. Der Geiger wird mit zahlreichen Preisen wie dem Echo-Klassik, der Goldenen Kamera sowie Platin- und Doppel-Platin-Schallplatten ausgezeichnet. 2013 spielt er Niccolò Paganini in der Filmbiografie „Der Teufelsgeiger“. 2017 und 2018 legt er nach einem Bandscheibenvorfall eine Auszeit ein. 2019 erscheint das Album „Greatest Hits – Unlimited“ und 2022 seine Autobiografie. David Garrett lebt in Berlin und New York.

Termin

„Millenium Symphony World Tour“ live in der Mannheimer SAP-Arena, 24. März, 20 Uhr. Geiger David Garrett spielt Hits von Taylor Swift, Rihanna, Ed Sheeran, The Weeknd, David Guetta, Udo Lindenberg und Apache 207. Tickets unter Telefon 0621 18 190 333.

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