Ludwigshafen Anruf bei Taxi-Zentrale: „Ich stehe am Baum“

Manchmal greift auch der Vorstand selbst zum Telefon: Ralf Senck in den Räumen der Taxi-Zentrale im Hemshof. An den Bildschirmen
Manchmal greift auch der Vorstand selbst zum Telefon: Ralf Senck in den Räumen der Taxi-Zentrale im Hemshof. An den Bildschirmen ist zu sehen, welche Wagen frei sind und wo sie sich befinden.

525252 – wer in Ludwigshafen diese Telefonnummer wählt, landet bei der Taxi-Zentrale. Die hat ihren Sitz in der Goethestraße im Hemshof. Die Mitarbeiter dort geben den Kundenwunsch in den Computer ein, das Fahrzeug macht sich auf den Weg. Wann viel los ist, ist nicht vorherzusehen. Ebenso wenig, wer am anderen Ende der Leitung sitzt. Ein Besuch.

„Es gibt keine zwei Telefongespräche, die gleich sind“, sagt Susanne Kurasch. Seit knapp zehn Jahren arbeitet die 51-Jährige in der Taxi-Zentrale. Sie und ihre Kollegin – die beiden haben an diesem Vormittag gemeinsam Dienst – können einige Geschichten erzählen. Von schwer kranken Patienten, deren Schicksal sie über jahrelange Krankenfahrten kennenlernen, von unfreundlichen Anrufern, die „sofort!“ ein Taxi wollen – und von Betrunkenen. Etwa solchen, die sehr spezielle Ortsangaben in ihr Telefon lallen, wie: „Ich stehe am Baum.“ Auf Nachfrage ergänzen sie, dass neben dem Baum auch ein Haus stehe. Kurasch und ihre Kollegin schmunzeln. „Manchmal müssen wir auch Detektiv spielen.“ Sieben Tage die Woche, 24 Stunden am Tag ist die Taxi-Zentrale besetzt. Je zwei von insgesamt zehn Mitarbeitern sitzen dort im Schichtdienst an den Telefonen.

Taxi-Zentrale vermittelt 80 Fahrzeuge

Die Taxi-Zentrale übernimmt die Vermittlung für 80 Fahrzeuge (siehe Zur Sache). Wer in Ludwigshafen ein Taxi braucht, ruft in der Regel dort an. Gerade klingelt es. Eine Kundin möchte in der Kaiser-Wilhelm-Straße abgeholt werden. Direkt fährt ein Taxi vom Berliner Platz aus los. In der Innenstadt und den Stadtteilen gibt es insgesamt elf Haltepunkte, wie Ralf Senck, Vorstand der Zentrale, erklärt. Wer zu Fuß in der Stadt unterwegs ist, kann zu einer der Stellen laufen und in ein Auto einsteigen. Oder das Fahrzeug telefonisch bestellen. Jede Straße ist einem bestimmten Haltepunkt zugeordnet. Wird ein Taxi bestellt, fährt das erste Fahrzeug, das an diesem Punkt steht, los und holt den Kunden ab. „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“, erklärt Ralf Senck das System.

Display zeigt Fahrer, wo Fahrgast wartet

Sollte mal kein Fahrzeug am Haltepunkt stehen, wird in einem Radius von 2,3 Kilometern das nächste freie Fahrzeug informiert, erklärt Senck. Die Aufträge laufen inzwischen alle über Datenfunk. Auf einem Display sieht der Fahrer, wo der Fahrgast wartet. „Es wird nicht mehr gequatscht“, bringt es der Chef salopp auf den Punkt. Sobald ein Fahrer seine Tour beendet hat, drückt er im Auto auf einen Knopf und erscheint bei Susanne Kurasch und ihren Kollegen wieder auf den Bildschirmen.

Grünes Kästchen heißt "freies Fahrzeug"

Ein weiterer Anruf. „Kommt der Patient runter?“, fragt ihre Kollegin, als eine Arztpraxis anruft. Auch bei Kurasch klingelt es. Eine Frau bestellt ein Taxi für ihre betagten Eltern. „Schaffen Ihre Eltern es, in ein Großraumtaxi einzusteigen?“, fragt Kurasch vorausschauend. Auf dem Bildschirm sieht sie, dass das nächste verfügbare Fahrzeug ein solches ist. Auf dem Monitor ist die Straßenkarte von Ludwigshafen zu sehen. Rote und grüne Kästchen sind dort verteilt. Grün heißt „freies Fahrzeug“, rot „besetzt“. Jedes Taxi hat eine Nummer, jede einzelne Fahrtroute kann eine Stunde lang zurückverfolgt werden. So behalten Senck und seine Mitarbeiter die Übersicht – etwa falls es Beschwerden gibt.

Fahrer halten, wo sie schnell wieder dran kommen

Auf einem anderen Modus sehen die Kollegen in der Zentrale, welche Autos an welchem Punkt stehen. Eine ähnliche Ansicht gibt es auch in den Fahrzeugen. Wenn die Fahrer von einem Auftrag zurückkommen, können sie sehen, wo noch kein Kollege hält. Dort ist die Chance höher, schnell wieder dranzukommen.

An Silvester steht das Telefon nicht still

Höhepunkt des Jahres ist die Silvesternacht. Dann steht das Telefon nicht mehr still. Außer Silvester 2016. Da klingelte plötzlich kein einziger Apparat mehr. Wenn Ralf Senck daran denkt, wird er sauer. Seit über anderthalb Jahren gebe es Probleme mit der Telefonanlage, die 2016 installiert wurde, sagt er und schimpft auf den Anbieter. „Das Telefon ist unsere lebensnotwenige Schnittstelle.“

Abends am Freitag und Samstag viel los

Wer seit vielen Jahren in der Taxi-Zentrale arbeitet, merkt auch, wie eine Stadt sich verändert. Als Beispiel nennt Senck die Kneipenkultur, die es früher zumindest im Hemshof noch gab. „Nachts ist nicht mehr viel los“, sagt er. Und: „Die Leute haben immer öfter immer weniger Zeit.“ Abgesehen von Silvester seien Freitag- und Samstagabende lukrativ. Ansonsten lasse sich das Taxi-Geschäft nicht voraussagen. Auch Werbung helfe nicht, so Senck. Ein Bedarf könne nicht künstlich erzeugt werden. „Es fährt ja niemand zum Spaß Taxi“, sagt der 58-Jährige. Nur die, die müssen. Weil sie kein Auto haben, weil sie krank sind, oder eben betrunken.

Ludwigshafen ist "Pflichtfahrgebiet"

Zurück zu dem Menschen, der „am Baum“ abgeholt werden wollte. Ludwigshafen ist für die Taxi-Zentrale Pflichtfahrgebiet, erklärt Senck. Wer dort ein Taxi bestellt, wird auch abgeholt. „Vorausgesetzt, er ist noch transportfähig“, ergänzt der Vorstand, auf Betrunkene angesprochen. Seine persönliche Daumenregel: „Er muss noch zwei Schritte laufen können und wissen, wo er hin will.“ Ansonsten gehöre es auch mal zu den Aufgaben der Zentralen-Mitarbeiter, die Polizei oder den Notarzt zu rufen.

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